Steven Wilson in Stuttgart
: Wie leicht man sich verlieren kann

Musikliebhaber, Kritiker, Kollegen preisen ihn: Der Brite Steven Wilson ist ohne Übertreibung ein bedeutender Musiker unserer Zeit. Das hat er mit seiner Band Porcupine Tree bewiesen und als Solokünstler. Sein aktuelles Album „Hand. Cannot. Erase“ steht auf Platz drei der deutschen Charts.
Von
Björn Springorum
Stuttgart
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Vielgepriesen und doch bescheiden: Sänger, Gitarrist, Komponist und Produzent Steven Wilson

Ben Meadows

Stuttgart - Steven Wilson erschafft zeitlose Progressive-Rock-Werke, anmutige Meisterstücke, musikalisch und technisch makellose Vorstöße in die Zukunft der Musik. Mit Pink Floyd wird er bereits verglichen, mit Genesis oder King Crimson. Davon aber will der schüchterne Engländer nichts wissen. Steven Wilson ist Musikverrückter durch und durch. Er weiß, was er kann, möchte sich aber nicht darauf ausruhen.

Gerade hat der 47-Jährige mit „Hand. Cannot. Erase“ sein viertes Soloalbum veröffentlicht. Und ist damit bis auf Rang drei der deutschen Charts vorgeprescht. Vor Noel Gallagher, vor Nena. Gute Musik setzt sich doch durch. Wilson gelingt das seltene Kunststück, alte Prog-Rock-Hasen und junge Musikfans gleichermaßen zu bedienen.

Als Produzent ist er bei Rock-Legenden wie Marillion ebenso gefragt wie bei Pendulum, auch Yoko Ono hat schon auf seine Dienste zurückgegriffen. Mit seinen Bands Porcupine Tree, Blackfield oder Storm Corrosion verwirklicht er sich zwischen Rock, Prog, Metal und Alternative; solo ist er ganz sein eigener Herr.

Ein morbides Thema ausgesucht

Nun hat Wilson sich ein morbides Thema ausgesucht: Die Geschichte von Joyce Vincent, einer jungen Londonerin, die fast drei Jahre lang tot in ihrer Wohnung lag und offenbar von niemandem vermisst wurde. „Mein Interesse war allerdings erst geweckt, als ich erfuhr, dass diese Frau jung, attraktiv und beliebt war“, sagt er. „Davor hatte ich mir Joyce – wie viele andere bestimmt auch – als einsame alte Frau vorgestellt. Von Tragödien dieser Art hört man ja des Öfteren.“

Wilson tauchte tiefer in die düstere ­Geschichte ein, die für ihn symptomatisch ist für das Leben in einer Großstadt im 21. Jahrhundert: „Dass jemand, der Freunde, Familie und Arbeitskollegen hat, inmitten einer Millionenstadt einfach verschwinden kann und für drei Jahre nicht vermisst wird, hat etwas Gespenstisches, das mich in den folgenden Monaten nicht losließ.“

Wilson hat selbst 20 Jahre lang in London gelebt: „Ich habe meine Nachbarn in dieser Zeit nie gekannt“, sagt er, „ich wusste nichts über sie! Als ich der Stadt den Rücken kehrte und in eine ländliche Gegend zog, kannte ich nach ein paar Tagen den Briefträger, den ­Bäcker und die gesamte Dorfgemeinschaft.“

Kein großer Freund von sozialen Netzwerken

Für ihn ist klar, dass sich die junge Frau bewusst zu diesem Schritt entschieden hat. „Das Erstaunliche daran ist nur, wie einfach es ist, zu verschwinden“, sagt Wilson. Selbst kein großer Freund von sozialen Netzwerken, macht er das digitale Leben dafür verantwortlich, dass so etwas überhaupt passieren konnte. „Sie fühlte sich nicht länger zugehörig und konnte nicht mehr die Kraft aufbringen, am sozialen Leben teilzunehmen.

Bis zu einem gewissen Grad können wir das wohl alle nachvollziehen. Manchmal ist es einfach schwer, vor die Tür zu gehen und ein Lächeln aufzulegen. Und da macht das Internet einen solchen Rückzug leichter. Man kann sein Leben einzig und ­allein online leben, kann Hunderte Facebook-Freunde haben, die man nie gesehen hat. Ein geträumtes, vorgegaukeltes ­Leben, in dem man sich leicht verlieren kann. Diese Netzwerke sind nicht sozial, sie sind asozial.“

Natürlich beantwortet das nicht die Frage, weshalb niemand sie gesucht hat. Oder wieso eine ganze Menge verpackter Weihnachtsgeschenke neben ihrer Leiche gefunden wurde. War sie kurz davor, wieder am Leben teilzunehmen? „Dass diese Geschenke niemals versendet wurden, trifft mich am meisten“, sagt Wilson ernst. „Wer weiß, was passiert wäre, wenn sie es geschafft hätte? Das verfolgt mich bis heute.“

Abstraktes, bisweilen surreal anmutendes Gemälde eines Lebens

In weit ausladenden, oft träumerischen Kompositionen erzählt er unzusammenhängend von der Kindheit seiner Protagonistin, von ihren Wünschen und Träumen. Er folgt weniger einer dramaturgischen Linie, sondern zeichnet ein abstraktes, bisweilen surreal anmutendes Gemälde eines Lebens, das in geordneten Bahnen verlief und doch urplötzlich völlig entgleist – mit einem meisterlich geführten musikalischen Pinselstrich.

War sein letztes, mit Alan Parsons entstandenes Album „The Raven That Refused To Sing“ ein jazziges Prog-Rock-Werk, bedient er sich nun hörbar bei großen Vorbildern wie „The Dark Side Of The Moon“. ­Zugleich nützt er zeitgemäße Elektronik, verschleppte Trip-Hop-Rhythmen und klassische Pop-Strukturen. Ob das dann Prog Rock, Art Rock, Post Rock oder Avantgarde ist? Schwer zu sagen – und glücklicherweise völlig egal. Es ist das vertonte Verschwinden einer Frau, das mitnimmt und rührt.

„Um das Leben in einer Großstadt des 21. Jahrhunderts zu reflektieren, bedarf es eines zeitgemäßen Sounds, der durchaus ein ­wenig modern sein darf“, sagt Wilson. „Hinzu kommt, dass ich auf diesem Album das ganze Leben meines Hauptcharakters erzähle. Und das gibt mir nahezu vollkommene künstlerische Freiheit.“

Nicht, dass sich einer wie er einschränken würde. „Immerhin habe ich keinen Fernseher, das spart Zeit“, sagt er grinsend. Außerdem verschwende er nicht viel Zeit auf Musik der Gegenwart: „Das meiste ist ja leider eh langweilig, selbst das letzte Pink-Floyd-­Album.“ Vielleicht hat er ja deswegen an so vielen Orten seine begabten Finger im Spiel. So ist für ihn wenigstens nicht alles langweilig.