Rocky Horror Show in Stuttgart
: "Diese Show ist einzigartig"

Sky du Mont ist der oft zitierte Gentleman des deutschen Films. Stilvoll führt er denn auch durch die obsessive „Rocky Horror Show“. Rob Fowler spielt den Transvestiten und Wissenschaftler Frank N. Furter. Im Gespräch erläutern sie die Faszination „Rocky Horror Show“.
Von
Björn Springorum
Stuttgart
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Sky Dumont und Rob Fowler kommen mit der "Rocky Horror Show" nach Stuttgart in die Liederhalle

Stefan Menne/promo

Herr du Mont, Sie kehren zum zweiten Mal in der Rolle des Erzählers zurück. Gefällt es Ihnen in der „Rocky Horror“-Welt?

Ich habe viele Jahre Theater gespielt und doch nie etwas Vergleichbares erlebt. Dass Menschen auf ihren Sitzen tanzen, das ist ein Anblick, den ich für nichts auf der Welt hergeben würde. Deshalb schlüpfe ich auch liebend gern zum zweiten Mal in die Rolle des Erzählers. Diese Show ist von vorn bis hinten einzigartig – ganz im Gegensatz zum Film, übrigens, den ich ­aufgrund der fehlenden Publikumsreaktionen bisweilen gar als etwas langweilig empfinde.

Der Kontrast des seriösen Erzählers zur zügellosen Orgie auf der Bühne ist natürlich clever gewählt.

Das ist auch der Grund, weswegen ich mich nicht für diese bisweilen sehr deftige Performance schämen muss. Die „Rocky Horror Show“ ist ein Bilderrahmen. Ich stehe davor und schaue hinein, bin selbst aber kein Teil der ­Performance. Deshalb kann ich meinen Stil aufrechterhalten und muss mich nicht dem Exzess hingeben.

Hatten Sie die heftigen Publikumsreaktionen erwartet, als Sie das erste Mal als Erzähler auf der Bühne standen?

Keineswegs. Mich hatte auch niemand darüber aufgeklärt. Ich war erstaunt und regelrecht schockiert darüber, wie viele wüste Beleidigungen und Beschimpfungen in der ­ersten Woche auf mich niederprasselten. Ich war kurz davor, das Handtuch zu werfen, bis ich langsam dahinter kam, was da genau zwischen dem Publikum und den Schauspielern passierte. Das war etwas, das ich aus dem Theater nicht kannte, und sobald ich mich daran gewöhnt hatte, konnte ich es in vollen Zügen ­genießen und auch damit spielen. Wenn mir jetzt also jemand ein leidenschaftliches „boring!“ an den Kopf wirft, dann weiß ich, dass er in Wirklichkeit eine ­richtig gute Zeit hat.

Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu?

Sie liebt die Show! Wenn sie mit ihren Freundinnen ins Theater geht, um sie sich anzusehen, putzt sie sich auch entsprechend raus. Absolut großartig!

Hätte sie Sie vielleicht gern in einer anderen Rolle gesehen? In der des Frank N. Furter vielleicht?

Oh Gott, nein. Sie muss mich ja abends wieder mit nach Hause nehmen!

Und was ist mit Ihnen: Hätten Sie diese Rolle gern übernommen?

Dafür kann ich nicht gut genug singen. ­Außerdem hätte ich Strapse tragen ­müssen, das gefiel mir nicht allzu sehr.

Diese Rolle kommt erneut Ihnen zu, Herr Fowler. Wie bekamen Sie die Hauptrolle eigentlich? Sie sehen nicht unbedingt weiblich aus, um das mal dezent auszudrücken.

Eines Tages ging ich zu einem Vorsingen für die „Rocky Horror Show“ in Österreich – mit zerrissenen Jeans, meinen Tattoos und Bart. Als ich die anderen Kandidaten für die Rolle des Frank N. Furter sah, wäre ich am liebsten gleich wieder gegangen, weil ich allein optisch gar nicht ins Bild passte. Dann sang ich „I’m Going Home“, und aus irgendeinem Grund war ich so ­gerührt, dass mir dabei Tränen in die ­Augen stiegen. Kurz darauf bekam ich die Rolle. Es zählt manchmal eben doch mehr, was man aus einer Nummer macht.

Wie haben Sie Ihren Frank N. Furter entwickelt? Immerhin hat Tim Curry auf der Bühne wie auch in der Kinofassung die Messlatte ziemlich hoch gelegt.

Ich sah die „Rocky Horror Picture Show“ im Fernsehen, als ich ein Teenager war. Als klar war, dass ich die Rolle habe, warnte mich der Regisseur eindringlich davor, ihn noch mal zu schauen. Jetzt, da ich die Rolle verinnerlicht habe, verstehe i­ch das. Es hätte mich nur irritiert und mir den Anlass gegeben, die Lieder so zu singen wie im Film – und eben nicht so, wie ich sie aus mir selbst heraus singen würde. Ich meine, Tim Curry ist Frank N. Furter, er erschuf diese Rolle und ist absolut brillant. Der ­Schlüssel ist aber, diese Rolle mit eigenem Leben zu füllen. Nur dann bleibt die Show lebendig.

Wie viel Freiheit haben Sie in dieser Rolle, die seit Jahrzehnten kultisch verehrt und sehr genau beobachtet wird?

Nicht allzu viel. Dafür sind die Fans zu ­leidenschaftlich, zu sehr Fan. Dennoch versuchen wir alle, hin und wieder ein klein wenig Innovation reinzubringen. So wie ich mit meinen roten Schuhen, die ich am Ende von „I’m Going Home“ an den Hacken zusammenschlage – als kleiner Tribut an Dorothy, die aus dem Land Oz ­zurück nach Kansas reist. Diese Kleinigkeiten machen es für uns aus, ­zudem fallen sie eh nur den ­Hardcore-Fans auf. Wie man in Amerika sagt: Warum reparieren, wenn es nicht kaputt ist?

Das Publikum dreht also regelmäßig so richtig durch?

Teile davon, ja. Niemand muss das tun, aber diejenigen, die es tun, legen so richtig los. In Hamburg wurden wir mal gebeten, nicht allzu viel Spaß auf der Bühne zu haben, weil der Intendant durch all die stampfenden und tanzenden Menschen Sorge um die Stabilität des Balkons hatte.

Wieso eigentlich ist diese Show so besonders?

Eines wurde uns anfangs allen eingebläut: Die Show ist der Star. Nur das zählt. Und es ist vollkommen richtig. Die Show lebt davon, dass alle an einem Strang ziehen, sich zurücknehmen und mit den anderen interagieren. Niemand von uns, auch nicht die Hauptrolle, ist größer als die Show. Das ist das ­Wichtigste, was ich in meiner Laufbahn gelernt habe. Und wenn man das beherzigt, entsteht bei der „Rocky Horror Show“ etwas Einzigartiges.