Kris Kristofferson
: Freiheit ist, wenn es nichts zu verlieren gibt

Kris Kristofferson, der mit 76 mehr als nur ein Leben hinter sich zu haben scheint, ist am Dienstag im ausverkauften Theaterhaus in Stuttgart aufgetreten.
Von
Gunther Reinhardt
Stuttgart
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  • Kris Kristofferson im Theaterhaus

    Leif Piechowski
  • Freiheit ist, wenn es nichts zu verlieren gibt

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Stuttgart - Er war Gangster, Sheriff, Rockstar, Footballprofi, Biker, Trucker. Er hat im amerikanischen Bürgerkrieg gepredigt, Großstadtvampire gejagt und auf dem Planet der Affen den Aufstand geprobt . Jetzt mit 76 Jahren spielt Kris Kristofferson den alten Mann, der die Lieder seines Lebens singt. Lieder, die „Between Heaven And Here“ oder „Casey’s Last Ride“ oder „Closer To The Bone“ heißen und die er allein mit Westerngitarre und Mundharmonik vorträgt. Lieder, die in Country, Folk und trotzige Melancholie getunkt wurden, ohne dabei bitter zu werden.

Schließlich wohnte vielen der Lieder, die Kristofferson an diesem Abend im ausverkauften großen Theaterhaussaal in Stuttgart vorträgt, schon der Hang zur Larmoyanz inne, als er sie als junger Mann schrieb. Vor 42 Jahren erschien sein Debütalbum „Kristofferson“. Und einige der Songs von diesem Album zählen beim ersten von zwei Deutschlandkonzerten des Texaners noch immer zu dessen besten Nummern. Zum Beispiel „Me and Bobby McGee“, das er sehr früh im Programm hat. Der Song, der ein tragisches Roadmovie ist, erzählt vom Leben auf der Straße, wie er mit dem Mädchen Bobby von Kentucky nach Kalifornien trampt und davon wie sie in Salinas verloren geht. Freiheit heißt eigentlich nur, dass man nichts mehr zu verlieren hat („Freedom’s just another word for nothin’ left to loose“), singt er in dieser ernüchterten Version des Songs. Und es ist einer der Gänsehautmomente des Abends in Stuttgart, wenn Kristofferson am Ende den Song verlangsamt und im Refrain statt „Bobby“ „Janis“ sagt. Janis Joplin, mit der Kristofferson damals zusammen war, hatte ihre berühmte Version des Songs nur wenige Tage vor ihrem Tod aufgenommen.

Der Mann, der in Stuttgart auf der Bühne steht, hat bereits viele Leben hinter sich. Nicht nur in seinen Filmen, sondern auch im wirklichen Leben. Er war ein hoch begabter Sportler, schloss sein Literaturstudium summa cum laude ab, flog in der Army Hubschrauber, putze in den Columbia Studios in Nashville Fußböden. All diese Leben verschwimmen in den 30 Songs, die er am Dienstagabend im Programm hat, zu einer einzigen großen Lebensgeschichte. Diese handelt von Unterwegssein, von den vielen Menschen, die einem dabei begegnen und von jenen, die man auf der Strecke zurücklässt. Kristofferson erzählt von Versuchung und vom Teufel, der einem in seinen Liedern oft auflauert und von der Vergänglichkeit.

Kristofferson muss gar nicht unbedingt auf die Songs seines aktuellen Albums „Feeling­ Mortal“ zurückgreifen, um bei dem Konzert das Gefühl von Sterblichkeit vorzuführen. „Look at that old photograph / Is it really you?“ (Schau die das alte Foto an, bist das wirklich du?“) singt er wehmütig in „This Old Road“. Er beklagt in „Nobody Wins“ oder „From The Bottle To The Bottom­“ Abschiede und Trennungen, lässt sich aber in Nummern wie „From Here To Forever“ oder „Please Don’t Tell Me How The Story Ends“ nicht vom Defätismus überwältigen. Und wenn er in „Ramblin’ Jack“ Adjektive anhäufend eine wildes, trunkenes Leben eines Freundes beschreibt („Risky nights and wasted days / Wild and righteous, wicked ways“), erzählt er natürlich auch von einem seiner früheren Leben.

Zwar kommt seine Tochter Kelly Kristofferson für einige Nummern auf die Bühne, begleitet ihn am Banjo. Doch die meiste Zeit ist dieser Singer/Songwriter, der den alten Mann spielt, der aus seinen Leben erzählt, allein mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika. Während hinten ihm ein paar Scheinwerfer einen Vorhang rot und lila anstrahlen, trägt er seine Lieder in einem gleichgültig-dunklen Ton vor – egal ob er von Tod und Teufel, von zärtlichen Annäherungen oder schlimmen Verlusten singt. Wer Janis Joplins hochdramatische Interpretation von „Me and Bobby McGee“ verinnerlicht hat, den weist Kristofferson nun in seiner stoisch-gemächlichen Inszenierung des Songs rüde zurück. Wie in seinen Filmrollen liebt er auch in seinen Liedern das Understatement, das Lakonische. „Help Me Make It Through The Night“ könnte man auch als schwüle, erotisch aufgeladene Soulnummer interpretieren. Doch Kristofferson mag diese Ballade offensichtlich als sachliche Romanze lieber.

Doch der Mann, der seine musikalische Karriere begann, als er in den 1960er Jahren als GI in Bad Kreuznach stationiert war, erweist sich auch als eifriger Kommentator seiner eigenen Nummern, scherzt dabei am liebsten über das Älterwerden. Als er einmal das Intro eines Songs abbrechen muss, weil er vorher vergessen hat die richtige Mundharmonika herauszusuchen entschuldigt er sich mit den Worten „Sorry, aber so was passiert, wenn man älter wird.“ In „Best Of All Possible Worlds“, einem weiterer Song aus seinem Debütalbum von 1970, heißt es gegen Ende: „‚Cause there’s still a lot of wine and lonely girls “ (Es gibt noch viel Wein und viele einsame Mädchen). Nachdem er diese Zeilen gesungen hat, hält er inne und entschuldigt sich abermals: „Ich war noch sehr jung, als ich den Song geschrieben habe.“

Und ab und zu verwandelt er sogar durch eine feine Änderungen in der Betonung ein Liebeslied zum einem Kommentar auf sein Konzert. In „For The Good Times“ kurz vor Ende des Konzerts singt er: „Don’t look so sad / I know it’s over / But life goes on / And this old world / Will Keep on turning“ (Schau nicht so traurig, ich weiß, dass es vorbei ist, aber das Leben geht weiter und diese alte Welt wird sich weiter im Kreis drehen).

Kurz darauf geht er von der Bühne, schüttelt noch ein paar Hände, winkt, verschwindet hinter dem Vorhang. Und für einen Augenblick glaubt man, dass die Welt doch aufgehört hat sich zu drehen.

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