"Der Medicus": Wer's glaubt, wird selig
Das Publikum liebte Noah Gordons Mittelalter-Roman „Der Medicus“, in dem ein junger Brite die persische Medizin erlernt und nach Europa bringt. Vielen Historikern indes kam bei der Lektüre das Grausen. Bei der Verfilmung, die an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, wird es kaum anders sein.
Stuttgart - Es gibt Filme, die sind eigentlich zwei. Das deutsche Regie-Talent Philipp Stölzl („Goethe!“) hat aus dem Bestseller „Der Medicus“ (1986) einen sehr ansehnlichen Abenteuerfilm gemacht – allerdings einen eher unhistorischen mit ideologischer Schlagseite.
Im Britannien des Jahres 1022 hängt sich der Waisenjunge Rob Cole nach dem Tod seiner Mutter als Helfer an einen Bader, einen umherziehenden Quacksalber, der einzigen medizinischen Betreuung für das arme Volk. Bald möchte Rob Arzt werden, und als er vom legendären Perser Ibn Sina hört, bricht er auf nach Isfahan. Er reist mit einer Karawane durch die Wüste, wird Meisterschüler Ibn Sinas, Freund der Juden und Feind der Islamisten sowie ein Vertrauter des Schahs.
Mit einem für deutsche Verhältnisse sehr stolzen Budget von 26 Millionen Euro sind Stölzl große Bilder gelungen: Verdreckten Briten werden mit rostiger Zange Zähne gezogen, die Karawane verliert sich im Sandsturm, der Schah zieht hoch zu Ross gegen die Seldschuken, vom Dach der Hochschule wirkt die digitale Kulisse des historischen Isfahan beinahe echt. An Werke wie Ridley Scotts Kreuzzugs-Epos „Königreich der Himmel“ (2005, 110 Millionen Dollar) kommt er natürlich nicht heran, aber Stölzl überspielt gekonnt, was er an teuren Szenen auslassen musste: das Einschiffen in Dover etwa oder die eigentliche Schlacht.
Auch der internationale Cast erfüllt die Erwartungen: Der junge Brite Tom Payne entwickelt in der Hauptrolle die notwendige Heldenstatur, Ben Kingsley gibt Ibn Sina als weisen Mann mit philosophischer Tiefe und englischer Ironie, Stellan Skarsgård ist ein herrlich verruchter Bader und Elyas M’Barek („Fack ju Göhte!“) sehr einnehmend als lebenslustiger Sohn reicher Perser, der das Herz am richtigen Fleck hat. Der Franzose Olivier Martinez macht eine gute Figur als selbstherrlich-gelangweilter Schah, und Fahri Yardim („Chiko“), die Augen tiefschwarz gerahmt, als religiös Verblendeter.
Fragwürdiger, als Fiktion es sein müsste
Den Produzenten Wolf Bauer und Nico Hofmann ist gelungen, was sie vorhatten: An europäische Filmerfolge wie „Der Name der Rose“ (1985) anzuknüpfen. Sie machen die Katastrophe „Henri IV“ (2010) vergessen – zumindest oberflächlich. Was die Fakten angeht, ist „Der Medicus“ nämlich fragwürdiger, als Fiktion es sein müsste – Drehbuchautor Jan Berger hätte die berechtigte Kritik von Historikern am Roman aufgreifen können. Stattdessen hat er das Ausgangsmaterial unkritisch übernommen, die Geschichtsklitterung noch weitergedreht und die ideologische Aufladung zugespitzt.
Pestepidemien gab es zwischen 770 und 1347 nicht, und die Konstellation in Isfahan wirkt wie eine Projektion auf die Gegenwart: Der Schah ist ein Tyrann, garantiert aber die Freiheit der Wissenschaft, seine Gegner sind schwarz gewandete Muslimbrüder mit Turbanen, die einen islamischen Gottesstaat errichten und die Hochschule in eine Koranschule umwandeln wollen – in dieser Radikalität hat es das damals wohl auch nicht gegeben. Mit modernen Klischees und Vorurteilen hat Gordon seine Leserschaft gedanklich gegen die islamische Welt in Stellung gebracht, auf der Leinwand verdichtet sich dieser Blickwinkel zu Bildern von fataler Symbolik, etwa wenn es zum Pogrom kommt: Fanatische Dschihadisten schlachten in blindem Hass die Juden ab und setzen die Synagoge in Brand.
Zu guter Letzt ist der Film gefangen in der geistigen Enge des eurozentristischen Denkens: Wie zu Kolonialzeiten schaut er alles und jeden mit europäischen, vermeintlich überlegenen Maßstäben an. Der Europäer Rob Cole ist es, der die Pest besiegt, der sich verbotenerweise Einblicke in den menschlichen Körper verschafft, der eine unter damaligen Bedingungen kaum zu überlebende Blinddarmoperation durchführt, bei der ihm Ibn Sina als Handlanger assistiert. Wer’s glaubt, wird selig – ähnlich wie religiöse Fanatiker aller Zeitalter, die traditionell der Selbstüberschätzung aufsitzen und Feindbilder pflegen.
























