Wir können auch ernst: Marie David und Arno Kälberer aka Zweilaster in der U-Bahnstation Charlottenplatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Bevor es das schrille Trash-Pop-Duo Zweilaster gab, wusste man gar nicht, wie dringend Stuttgart so ein Musikprojekt brauchte. Jetzt erscheint das Album „Wieherd“.

Zu einer stotternden Gitarre und einem mürrischen Schlagzeug skandieren sie „Ich bin eine Null, Komma Null, Komma Null!“. Sie schauen zu einem scheppernden Beat gelangweilt den Fröschen im Pool zu. Sie fahren zu grellen Harmonien in die Berge. Sie nehmen sich beim Telefonieren auf, während sie gerade darüber reden, ob es eine gute Idee wäre, sich beim Telefonieren aufzunehmen. „Können wir ausprobieren“, sagt Marie David schließlich, „aber ob das irgendjemand verstehen wird, bezweifle ich. Aber wir sind ja Freunde von solchen Geschichten. Von daher: Passt! Bis bald!“

 

Unberechenbar, chaotisch, lustig, ernst, albern, schlau

So endet dann auch „Wieherd“, das neue Album des aufregenden Stuttgarter Trash-Pop-Duos Zweilaster. Die Platte, die an diesem Freitag erscheint, ist herrlich unberechenbar, chaotisch, lustig, ernst, albern, schlau – und genau das, was Stuttgart gerade dringend braucht. Gerade weil Schlagzeugerin Marie David und Gitarrist Arno Kälberer auf den ersten Blick so gar nicht zu den Klischees passen, die man gerne mit Stuttgart verbindet. Sie wirken wie zwei Späthippies, die sich in die Autometropole verirrt, dort den Punk entdeckt haben und nun als die Antwort des Trash-Pop auf Max und Moritz die Musikszene unsicher machen: schrill, laut und lebenslustig.

Zweilaster Foto: Louise Lotzing

Eher Mini-Künstlerkollektiv als Musikduo

Als wir die beiden an der U-Bahnstation Charlottenplatz erst zum Fotoshooting und anschließend auf ein Eis vor dem Stadtpalais treffen, erweisen sich die Mittzwanziger auch beim Interview wunderbar unberechenbar. Wenn man sie zum Beispiel fragt, ob das neue Album ganz anders sei, als der Vorgänger „Scheiblettenkäse & Sehnsucht“, erzählen sie einem nicht den Quatsch von künstlerischer Weiterentwicklung oder von neuen musikalischen Herausforderungen, sondern Kälberer antwortet lapidar: „Ja, vom Aussehen schon!“ und beginnt ausführlich über die Covergestaltung von „Wieherd“ zu berichten. Wem es bisher noch nicht klar war, sollte spätestens jetzt kapiert haben, dass die beiden nicht einfach ein Musikduo sind, sondern ein Mini-Künstlerkollektiv, für die das Projekt Zweilaster nur einer von vielen Kanälen ist, um sich kreativ auszutoben.

Gegen das Steife in der Kunst

Kälberer studiert Design, David Bildende Kunst. Vor ein paar Jahren schon haben sie an der Nordbahnhofstraße die Galerie Zweilaster ins Leben gerufen und dort ungewöhnlichen Kunstprojekten ein Zuhause geboten. Die beiden sind zwar auch privat ein Paar, aber eines, das nicht nur künstlerisch und musikalisch für alles offen ist. „Ich habe noch nie dieses Steife in der Kunst gemocht und dass man so tut, als wäre es etwas ganz Besonderes“, sagt David. Und: ,„Ich habe das Gefühl, Konzerträume sind viel offener, viel leichter begehbar als Kunsträume.“

Zweilaster am Charlottenplatz Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Bei Zweilaster-Shows kann alles passieren

Wenn man die beiden fragt, welche Konzerte sie gerade gerne besuchen würden, kramen sie deshalb auch keine obskuren Alternative-Acts hervor, sondern entscheiden sich für den Dancepop-Star Ava Max (Kälberer) und den Deutschrapper Apsilon (David). Wer Zweilaster schon einmal live erlebt hat – zum Beispiel bei der Poprevue im Juni in der Stuttgarter Oper –, der weiß aber, dass die Auftritte tatsächlich weniger Konzert denn künstlerische Performance sind. Bei Zweilaster-Shows kann alles passieren.

Julian Knoth von den Nerven als Produzent

Wichtiger als die Songs sind die improvisierten Szenen, der inszenierte Dilettantismus, die Kostümwechsel. Und David nutzt jede Gelegenheit, vom Schlagzeug aufzuspringen, das sie sich nur zufällig als Instrument ausgesucht hat, als sich die beiden vor sieben Jahren als Teenager in Dettingen unter Teck kennengelernt und angefangen haben, Musik zu machen. Seit sie Julian Knoth von den Nerven für sich begeistern konnten, geht die Zweilaster-Karriere steil nach oben. Knoth hat alle drei Alben der beiden produziert.

Berlin ist neidisch auf Stuttgart

Mit den Nerven waren Zweilaster jetzt auch gerade auf Tour, haben etwa in Berlin, Hamburg und Frankfurt im Vorprogramm gespielt. Und auch sonst ist den beiden der Zusammenhalt in der Stuttgarter Szene wichtig. „Ich finde wir haben ein gutes Netzwerk in Stuttgart“, sagt Kälberer, „zwar gibt es die Schachtel nicht mehr und die Container City verschwindet, aber solange man sich an den Waggons noch zum Proben treffen kann, reicht mir das. Mehr kann man nicht erwarten.“ Und David ergänzt: „Meine Freunde in Berlin sind oft schon eifersüchtig, was ich hier so machen kann und welche Räume ich hier habe.“

Hyperpop-Remix von „Wir fahren in die Berge“

Und inzwischen sitzt sie auch nicht mehr die ganze Zeit bei Zweilaster-Konzerten hinterm Schlagzeug fest: Vom Song „Wir fahren in die Berge“ gibt es neuerdings einen Hyperpop-Remix – und zu dem haben sich die beiden eine kuriose Choreografie ausgedacht, die sie dann einfach bei Auftritten vorführen. Bei Zweilaster-Shows geht so was.

Zweilaster: „Wieherd“

Album
 Nach „Bellend bin ich aufgewacht“ aus dem Jahr 2021 und „Scheiblettenkäse & Sehnsucht“ aus dem Jahr 2022 ist „Wieherd“, das am Freitag, 6. Dezember, bei Tomatenplatten (dem Label von Beatsteaks-Drummer Thomas Götz) erscheint, das dritte Zweilaster-Album.

Show
 Die Release-Party finden am Freitag, 6. Dezember, um 20 Uhr bei Second Hand Records in Stuttgart statt. Am 3. Januar 2025 treten Zweilaster im Schokoladen in Berlin auf. Weitere Konzerttermine folgen.