Roman Lenz (links) hat die Schwabenbohne mit seinem Verein Genbänkle wiederentdeckt – die Bohne schmeckt nicht nur, sondern sieht mit ihren beigen, schwarzen und violetten Farben auch hübsch aus. Foto: Faltin

Roman Lenz will mit seinem Verein in Nürtingen die fast verschwundene Bohne den Menschen wieder schmackhaft machen. Als Genussbotschafter ist ein ehemaliger Minister mit an Bord.

Erinnert sich noch jemand an sie? Früher stand die Schwabenbohne fest auf dem Speiseplan im Südwesten, gegessen wurden sie meist als „Saure Bohnen mit Spätzle“, also als deftiger Eintopf. Die bunten Bohnen mit ihrer wunderschönen Marmorierung schwammen in der sauren Soße, schmeckten zart-nussig und zergingen cremig im Mund. So lecker! Roman Lenz (69) serviert sie jetzt beim Gespräch als Salat, verfeinert mit Hanfsamen, getrockneten Tomaten und Kümmel. Der frühere Professor an der Hochschule Nürtingen-Geislingen ist der Schwabenbohnen-Papst und quasi ihr Wiederentdecker.

 

Mit den alten Gemüsesorten sieht es insgesamt alles andere als rosig aus – mehr als drei Viertel aller Bohnen-, Erbsen- oder Linsensorten sind in Deutschland schon ausgestorben. Denn kaum noch jemand baut selbst Gemüse im Garten an, und im landwirtschaftlichen Maßstab gibt es sowieso eine bedrohliche Konzentration: Drei global agierende Unternehmen, darunter Bayer, produzieren mehr als die Hälfte allen Saatguts.

Sortendetektive fahnden nach alten Kulturpflanzen

Zwar gibt es unersetzbare Genbanken wie in Gatersleben in Sachsen-Anhalt, wo das Saatgut von rund 150.000 Sorten bei minus 18 Grad für die Nachwelt bewahrt bleibt. Für Roman Lenz ist es aber ein Nachteil, dass die Sorten dort nur lagern und nicht angebaut werden. „Und es gibt auch niemanden mehr, der gezielt nach alten Gemüsearten sucht“, so Lenz. Da aber viele Samen uneingefroren nur zwei oder drei Jahre keimfähig bleiben, geht es rasch, dass Sorten für immer aussterben – ein Apfelbaum kann dagegen bis zu 100 Jahre Früchte tragen.

Das war der Hauptgrund, dass der Agrarbiologe Roman Lenz 2018 den Verein „Genbänkle“ gegründet hat. Sogenannte Sortendetektive haben seither 230 Sorten in einer Datenbank erfasst und 30 wiederentdeckt, etwa die Rote Söflinger Zwiebel, die Hegnacher Minze, den Gelben Ackersalat – und die Schwabenbohne.

Die Schwabenbohnen brauchen eine Rankhilfe und wachsen häufig an Stangen. Foto: Lenz

An 21 Orten in Schwaben bauten Landwirte die Bohne auf ihren Äckern oder in den Hausgärten noch an, fand der Verein heraus. Das war vor allem in Oberschwaben der Fall, aber auch in Rottenburg am Neckar oder in Hildrizhausen. Lenz hat dann 2022 einen weiteren Verein, den Schwabenbohne e.V., auf die Füße gestellt. Die Studentin Jenny Hammer hat in ihrer Bachelorthesis alle bekannten Informationen zur Schwabenbohne zusammengetragen, und es konnten nun drei Landwirte in Oberschwaben gewonnen werden, die Bohne wieder anzubauen – im letzten Jahr sind 300 Kilo geerntet worden, dieses Jahr sollen es 500 Kilo werden.

Das Vorbild: die Albleisa

Das Ziel ist es, die Schwabenbohne wieder auf den Speiseplan der Schwaben zu bringen. Dafür gibt es ein riesengroßes Vorbild: die Albleisa. Sie waren im Jahr 2006 im St. Petersburger Wawilow-Institut wiederentdeckt worden, und vor allem der Ökolandwirt Woldemar Mammel aus Lauterach am Südrand der Alb hat sich um sie größte Verdienste erworben. Er ist Mitglied in Roman Lenz’ Vereinen und soll ihm einmal sogar verraten haben, dass er Bohnen eigentlich viel lieber möge als Linsen.

Aber es ist schwer, ein vergessenes Lebensmittel zurück in den Markt zu bringen. Das liegt auch am Preis: Schwabenbohnen sind relativ teuer, da sie nur an Stangen oder im Verbund mit Mais wachsen und von Hand geerntet werden müssen. 7,50 Euro kostet derzeit ein Päckchen mit 250 Gramm. Vor demselben Problem hatten aber auch die Albleisa gestanden – und es gemeistert.

Schwabenbohnen enthalten sehr viel Eiweiß

Roman Lenz kämpft nicht nur um die Schwabenbohnen, weil sie einst zur kulturellen Vielfalt Schwabens gehört haben, sondern auch aus ganz praktischen Gründen. Erstens seien die Bohnen perfekt an unser Klima angepasst. Zweitens erhöhe der Anbau die ökologische Vielfalt im Maisacker: Dort würden dann plötzlich wieder Wildbienen auftauchen und Lerchen brüten, so Lenz.

Und drittens enthielten die Bohnen sehr viel Eiweiß – in einer Zeit, in der Fleisch immer kritischer gesehen werde, könnten die Schwabenbohnen ein schmackhafter Ersatz sein. Die Bohnen muss man über Nacht in Wasser quellen lassen, dann erhöht sich ihr Gewicht um fast das Dreifache. Dann relativiere sich auch der Preis, meint Lenz: „700 Gramm Fleisch bekommt man nicht für 7,50 Euro.“ Funfact am Rande: Im Gegensatz zu Fleisch enthalten Hülsenfrüchte nicht alle unentbehrlichen Aminosäuren, in Kombination mit Getreide wird das aber ausgeglichen – so schlau waren unsere Vorfahren also, als sie saure Bohnen mit Spätzle aßen.

Derzeit bereitet der Verein einen sogenannten Geoschutzantrag vor – damit wäre die Schwabenbohne offiziell als regionales Produkt eingetragen. Sie gehört übrigens zur Art der Feuerbohnen, die im 17. Jahrhundert aus Mittelamerika nach Europa eingeführt wurde. Unsere Bohne ist also eine Schwäbin mit Migrationshintergrund. Daneben ist der Verein bemüht, bekannte Gastronomen für die Schwabenbohne zu erwärmen.

Und es gibt auch schon einen Genussbotschafter für die Schwabenbohne: Franz Untersteller hat sich in seiner Zeit als Umweltminister Baden-Württembergs (2011 bis 2021) insgesamt stark für die Artenvielfalt eingesetzt – den Job habe er deshalb gerne übernommen, sagt er. Untersteller glaubt an den Erfolg der Schwabenbohne: „Der allgemeine Trend zur Regionalisierung ist eine große Chance.“

Wer Schwabenbohnen einmal ausprobieren möchte, kann ein Päckchen unter der Emailadresse info@schwabenbohne.de bestellen – solange der Vorrat reicht. Den Einwand, dass Bohnen manchmal für ein Rumoren des Leibes sorgen könnten, kontert Roman Lenz übrigens mit Humor, indem er Heinz Ehrhardt zitiert: „Es gibt Gerüchte, dass Hülsenfrüchte – in Mengen genommen – nicht gut bekommen. Das macht ja nichts, ich finde das fein – warum soll man nicht auch mal ein Blähboy sein.“