Seit 30 Jahren ist „Papa Kostas“ der Wirt einer legendären Stuttgarter Eckkneipe. Jetzt kämpft er mit jungen DJs gegen das Kneipensterben – mit Techno, günstigen Drinks und Ü70-Gästen.
Seit fast 30 Jahren führt Kostas Smponias das Augustin. Der Laden ist legendär, mehr Mythos als Kneipe, einer dieser seltenen Orte, an denen sich nach Feierabend ein echter Querschnitt der Gesellschaft am Tresen trifft. Papa Kostas, wie man ihn hier nennt, war aber immer schon mehr als Kneipenwirt, offenes Ohr, Kumpel, Seelsorger und Ouzo-Sommelier: Schon seit Jahren gibt es bei ihm im Stuttgarter Westen Mottopartys und Karaoke-Events. Kostas ist eben offen für alles. Auch mit über 60.
Herrengedeck trifft Techno-Geballer in Stuttgart-West
Sehr offen, um genau zu sein: Seit einiger Zeit gibt es bei Papa Kostas nämlich auch Raves. Klingt natürlich erst mal gewöhnungsbedürftig, auf den ersten Blick bringt man Herrengedeck, Spielautomaten und dunkles Holz eher nicht mit zünftigem Techno-Geballer zusammen. Auf den zweiten entfaltet das abgefahrene Konzept aber seine ganz eigene kauzige Originalität: Grundsolide, urige Kneipe statt fancy Club, freier Eintritt statt 15 Euro, eine ehrliche Halbe zum guten Preis statt teurer Drinks. Und vor allem: Come as you are, niemand muss rausgeputzt sein.
Dahinter stecken Dennis Bentz und Enrique Castro. Beiden wohnen in unmittelbarer Nähe zum Augustin, beide waren schon oft an Kostas Tresen zu Gast. „Ich wohnte eine ganze Weile im Westen, ehe meine Freundin und ich das erste Mal hier waren“, erinnert sich Bentz. „Wir wurden dann aber gleich so herzlich empfangen und haben uns über die günstigen Bierpreise gefreut, dass wir fortan öfter gekommen sind.“
Das drohende Kneipen-Aus und eine ungewöhnliche Idee
Jedes Mal fällt ihnen aber eben etwas auf, was viele Eckkneipengänger kennen: Wirklich voll ist es in diesen Läden nie, mehr und mehr Kneipen mussten deswegen in den letzten Jahren schließen. Dass das eine große Tragödie ist, muss man nicht weiter ausführen, Orte wie diese sind für viele Menschen wie ein Zuhause. Also kam Dennis Bentz auf eine ungewöhnliche Idee: Weil er seine etwas eingeschlafene DJ-Tätigkeit eh wieder aufleben lassen wollte, planten er und seine Freundin mit Wirt Kostas eine Halloweenparty. „Wir dekorierten alles, ich legte die ganze Nacht auf und es war richtig was los“, so Bentz.
Damit ist der Grundstein für das gelegt, was wir heute unter dem Namen Kneipenrave kennen. Wirklich rund wird die Vision aber erst, als Kostas den Kontakt zwischen Dennis Bentz und Enrique Castro herstellt, der auch als DJ aktiv ist. Typisch Kneipenwirt eben: Niemand kennt die Menschen im Quartier besser als er. Gemeinsam teilen sie sich die Aufgaben auf und haben seither drei Kneipenraves veranstaltet. „Bei einem Abend im Augustin haben wir zufällig festgestellt, dass Kostas Frau zusammen mit meiner Mutter in der Grundschule war“, erzählt Castro. „Da war der Weg zu einer Freundschaft nicht weit.“ Der Stuttgarter Westen, immer noch ein Dorf.
Friedlich, unkompliziert und mit Rave-Opa Dieter
Das Besondere: Der Kneipenrave ist eine offene und völlig ungezwungene Veranstaltung. Im hinteren Raum bollern die Beats und flackern die Lichter, im vorderen Raum kann man weiterhin ganz gemütlich am Tresen sitzen und sein Bier trinken. Um 16 Uhr geht’s los, um Mitternacht verstummen die Beats. Somit ist auch an die Nachbarn gedacht. Die Kneipe an der Schwabstraße liegt mitten im Wohngebiet. „Beschwerden gab es bisher noch nie“, sagt Bentz zufrieden. „Außerdem gab es im Augustin noch nie Probleme. Alles lief immer total friedlich und harmonisch ab. Sogar unser Rave-Opa Dieter war bisher jedes Mal dabei. Mit über 70.“
Was klein und provisorisch begonnen hat, darf gern wachsen und gedeihen. Beide haben schon ordentlich in Technik und Equipment investiert und planen in Zukunft auch größere Bookings, außerdem ziehen sie gerade ihre Agentur violi.corp hoch, um den Kneipenrave voranzubringen, junge DJs zu unterstützen und gleichzeitig etwas geben das Kneipensterben zu tun.
Das nächste Mal geht das an Silvester. Zu diesem Anlass darf ausnahmsweise die ganze Nacht bis morgens um vier geravt werden. Auf die Lauscher gibt es Tunes aus den Bereichen Hardstyle, Groove, Trance und Techno, die den lieben Augustin für zehn Stunden in ein Mini-Berghain verwandeln. Nur dass hier garantiert jeder reinkommt.
Zum lieben Augustin, Schwabstr. 84, Stuttgart-West, Silvester-Rave: 31.12. 18-4 Uhr