Der Zulassungsskandal bei der Schönbuchbahn zieht weitere Kreise: Weil die Ersatzzüge bald nicht mehr einsatzbereit sein könnten, plant der Zweckverband derzeit einen Schienenersatzverkehr.
Nachdem die neuen Nexio-Züge der Schönbuchbahn noch immer keine Zulassung vom Eisenbahn-Bundesamt bekommen haben, gerät der Zweckverband unter Zeitdruck. Denn die von der Bahn gemieteten Ersatzzüge sind am Ende ihrer Lebensdauer. Wie das Landratsamt Böblingen mitteilt, seien von den ursprünglich gemieteten fünf Elektrotriebwagen überhaupt nur noch drei einsatzfähig – und die seien aufgrund ihres Alters reparaturanfällig geworden und müssten immer wieder ins Bahnbetriebswerk Plochingen. Auch für normale Wartungsarbeiten müssten die Züge ins Bahnbetriebswerk, weil der Zweckverband kein Service-Personal vorhalte.
Dazu kommt, dass bei einem der drei noch einsatzfähigen Züge Ende Dezember der TÜV abläuft. Damit wären nur noch zwei Züge einsatzfähig. Würden durch einen Zufall einmal beide Züge liegenbleiben, wäre kein Schienenfahrzeug mehr da, um die Züge abzuschleppen. Damit sei kein zuverlässiger Fahrgastbetrieb mehr möglich, sagt der Zweckverband – und das ist den Verantwortlichen zu riskant.
Zwei verschiedene Institutionen
Im Landratsamt ist man deshalb auf der Suche nach Bussen, um einen Schienenersatzverkehr für die Züge des 15-Minuten-Takts zwischen Böblingen und Holzgerlingen einzurichten. Der Zweckverband ist zuversichtlich, in den nächsten Tagen fündig zu werden „und noch vor Weihnachten einen entsprechenden Fahrplan bekannt geben zu können“, teilt das Landratsamt mit.
Schon als bekannt wurde, dass die neuen Nexio-Züge nicht wie geplant am 14. Dezember starten könnten, versuchte sich der spanische Hersteller CAF für die missratene Zulassung zu rechtfertigen. Ronald Lünser, der Geschäftsführer der CAF Deutschland, schreibt, „dass von den Behörden für dieses Zulassungsverfahren zwei grundsätzlich verschiedene Regelwerke nebst Auslegung herangezogen wurden.“ Weil mit dem Landeseisenbahnamt und dem Bundeseisenbahnamt auch zwei verschiedene Institutionen beteiligt sowie zuständig gewesen seien, sei nicht immer erkennbar gewesen, wer thematisch die Federführung innegehabt habe und welches Regelwerk verbindlich gelten solle, heißt es in der Pressemitteilung weiter.
Zwei verschiedene Richtlinien
Die CAF mutmaßt, den Behörden sei die Wahl der Normen deshalb so schwer gefallen, weil es sich bei dem Nexio-Zug um eine auf speziellen Kundenwunsch für die Schönbuchbahn konfigurierte Art von Schienenfahrzeug handele, das nicht in die üblichen Kategorien passe. Dazu nennt Ronald Lünser ein Beispiel. „Zu Beginn hieß es, wir müssten die Vorgaben für leichte Nahverkehrstriebwagen einhalten, also die sogenannte LNT-Richtlinie. Dann wurden uns aber Normen aus der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung als Maßstab für die Zulassung vorgegeben. Am Ende verlangten die Behörden dann doch wieder die Einhaltung der LNT-Richtlinie. Dieses Hin und Her hat uns sehr viel Zeit gekostet und unseren Arbeitsaufwand enorm erhöht.“
Das Eisenbahn-Bundesamt erwidert auf diese Vorwürfe schlicht weg nichts und mauert. Es schreibt stattdessen: „Das EBA steht in engem und konstruktivem Austausch nicht nur mit dem Land Baden-Württemberg, sondern auch mit dem Hersteller der Fahrzeuge, um mit diesem die noch offenen Punkte zu klären. Wir bitten um Verständnis, wenn wir derzeit nicht zu weiteren Einzelheiten Stellung nehmen können, da das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist.“
Dass das Verfahren noch nicht abgeschlossen ist, dürften alle Beteiligten inzwischen bemerkt haben. Die spannende Frage, wann die Züge nun zugelassen werden, bleibt offen. Das Landratsamt Böblingen jedenfalls legt sich mit den Erfahrungen der vergangenen Tage auf keinen neuen Einweihungstermin für die Nexio-Züge mehr fest.
Kosten und Verzögerung
Anschaffung
70 Millionen Euro kosten die zwölf Züge, die der Zweckverband Schönbuchbahn beim spanischen Hersteller CAF bestellt hat. Weil diese Züge seit drei Jahren auf dem Abstellgleis stehen, macht der Landkreis Böblingen einen hohen Schaden geltend, den er vom Hersteller gerichtlich erstreiten will.
Verzögerung
Die Zulassung wurde immer wieder durch die Bremsanlage der Nexio-Züge verzögert. Das erste Problem betraf die Bremskraft, sie war laut den Genehmigungsbehörden für den vorgesehenen Einsatz zu stark. Jetzt hat der Gleitschutz, eine Art Anti-Blockier-System, der nicht ausreichend getestet ist, das Problem verursacht