Nahe des Industriegebiets bei Marbach am Neckar soll die Erdgas- und Wasserstoffleitung SEL den Neckar queren. Derzeit laufen dafür die Vorbereitungen. Foto: Werner Kuhnle

Die Süddeutsche Erdgasleitung soll das Land mit Energie versorgen. In der Nähe von Ludwigsburg steht der wohl komplizierteste Teil der Bauarbeiten an – zum Leidwesen der Radfahrer.

Die Kanufahrer auf dem Neckar haben am Mittwoch wohl spektakuläre Aussichten mit steilen Weinbergen am Rande des Ufers erwartet – zusätzlich gibt es zwischen Marbach und Ludwigsburg aktuell aber noch einen ganz anderen, nicht alltäglichen Anblick.

 

Mehrere Boote paddeln auf Höhe des Industriegebiets bei Marbach nämlich an einem Bagger mitten im Wasser vorbei. Der taucht seine Schaufel immer wieder ins Wasser und gräbt im Flussbett. Auf den steilen Hängen über dem Ufer rollen zwei weitere Bagger und heben Erde aus.

Es handelt sich tatsächlich um ein außergewöhnlich kompliziertes Projekt, das hier gerade kurz vor einem Höhepunkt steht. Die Süddeutsche Erdgasleitung (SEL) der terranets bw soll auf einer Länge von 250 Kilometern Gas von Hessen über Baden-Württemberg bis nach Bayern bringen, um so die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Derzeit wird am Streckenabschnitt zwischen Löchgau und Esslingen gearbeitet.Im Fokus: Die Querung des Neckars bei Ludwigsburg.

Steilhänge verkomplizieren die Arbeiten

Gasleitungen unter Flüssen zu verlegen, ist an und für sich nichts Besonderes. Doch die spezielle Topografie der Neckar-Region im Kreis Ludwigsburg mit seinen Steilhängen hat zur Folge, dass die Verlegung deutlich aufwendiger wird als üblich. Das Rohr kann nicht einfach in den Flussgraben gezogen werden, dafür fehlt auf der Hangseite der Platz für die Seilwinde. Stattdessen muss mithilfe einer speziellen Umlenkkonstruktion gearbeitet werden. 

Der Düker, wie das speziell für die Neckarquerung konzipierte Stück Rohrleitung in der Fachsprache heißt, liegt schon einige Meter vom Fluss entfernt bereit. Derzeit laufen noch die Vorbereitungsmaßnahmen, bevor dann in der zweiten oder dritten Oktoberwoche der Düker eingezogen werden soll. Dafür muss dann auch die Schifffahrt auf dem Neckar ruhen.

Absperrungen werden missachtet

Noch schlimmer trifft es allerdings die Radfahrer, denn der Neckartal-Radweg ist aufgrund der Bauarbeiten schon seit Juli zwischen Ludwigsburg und Benningen am Neckar gesperrt. Und wird es bis Dezember auch bleiben. Doch obwohl das Betreten der Baustelle strengstens untersagt ist, umgehen Menschen die Absperrungen immer wieder.

Mittlerweile müsse die Polizei fast jede zweite Nacht anrücken, weil insbesondere Angler den Baustellenbereich unerlaubt betreten würden, erzählt Martin Schadeberg von der PPS Pipeline Systems GmbH. Ihm unterliegt die Gesamtbauleitung für das Projekt, an dem insgesamt vier Unternehmen beteiligt sind.

Unterhalb des Neckars wird gerade ein Graben ausgehoben, in dem das Rohr verlegt wird. Die Schifffahrt ist derzeit noch möglich, der Radweg ist hingegen gesperrt. Foto: Werner Kuhnle

In Betrieb gehen soll der Bauabschnitt zwischen Löchgau und Esslingen Mitte 2026. Parallel zum Abschnitt Löchgau-Esslingen laufen die Arbeiten an der Strecke Heidelberg-Heilbronn. Bis Ende 2026 soll dann die Hälfte des geplanten Erdgasnetzes in Betrieb genommen sein. Die Teilstrecken von Esslingen bis ins bayerische Bissingen und vom hessischen Lampertheim nach Heidelberg sollen erst bis Ende 2028 beziehungsweise Anfang der 2030er-Jahre fertiggestellt werden. Das ganze Projekt kostet rund eine Milliarde Euro.

Doch warum braucht es heutzutage noch so eine Gasleitung – macht die Energiewende diese nicht früher oder später hinfällig? Laut Bauherr terranets BW sichert Erdgas „eine effiziente und verlässliche Versorgung mit Energie inmitten des Umbaus unseres Energiesystems“. Das Erdgas sei ein wichtiger Begleiter auf dem Weg hin zu einer vollständigen Versorgung mit erneuerbaren Energien.

Langfristig soll durch die Leitungen auch Wasserstoff fließen, in den die Politik große Hoffnungen als nachhaltigen Energieträger der Zukunft setzt. Die SEL ist Teil des Wasserstoff-Kernnetzes, das dafür sorgen soll, dass alle Teile Deutschland mit Wasserstoff versorgt werden und so die Energiewende vorangetrieben wird.