Die Deutsche Bahn weiß fünf Wochen nach dem Zugunglück mit drei Toten immer noch nicht, wann die Gleise bei Riedlingen repariert sein werden. Tausende Pendler müssen Umwege nehmen.
Schockstarre in Oberschwaben: Nachdem am 28. Juli der Regionalexpress 55, der die Städte Sigmaringen und Ulm verbindet, beim Dörfchen Zell (Kreis Biberach) unweit der Stadt Riedlingen havariert ist, eilen tags darauf höchste politische Vertreter zum Wrack. Schließlich sind drei Menschen gestorben und 41 verletzt in Krankenhäuser gebracht worden.
Vor den Kameras der Fernsehsender zeigen sich Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landesverkehrsminister Winfried Hermann. Und Bahnchef Richard Lutz, der an diesem Tag womöglich ahnte, dass seine Demission dicht bevorstand. Höchster Beistand für Verletzte und Angehörige, maximale Aufmerksamkeit für diesen Ort der Zerstörung – das war die Botschaft dieses Moments.
Riedlingen: Bahn weiß nicht, wann es weiter geht
Doch seltsam: Fünf Wochen nach dem tödlichen Zugunfall ist die Strecke bei Riedlingen weiter gesperrt. Und die Bahn vermag noch nicht einmal zu sagen, wie lange dieser Zustand noch anhält. Eine Sprecherin teilt auf Anfrage mit: „Die Strecke bleibt noch für Wochen gesperrt. Zunächst muss sie freigeräumt werden, so werden aktuell beispielsweise Gleise, Schotter und Schwellen entfernt.“ Die eigentlichen Instandsetzungsarbeiten würden derzeit noch geplant, so die Sprecherin weiter. „Erst danach lässt sich sagen, wann der Zugbetrieb auf der Strecke wieder aufgenommen werden kann.“ Grund für die lange Dauer, heißt es ergänzend, seien Unfallermittlungen, sowohl von der Polizei als auch von Naturschutzbehörden.
Polizeiermittlungen verhindern eine rasche Bahnreparatur? Die Begründung wundert die Sprecherin der federführenden Staatsanwaltschaft Ravensburg. „Wir haben da meines Wissens überhaupt nichts behindert“, sagt deren Sprecherin. Es laufe wegen des Bahnunfalls ein Todesermittlungsverfahren, dabei sei sofort ein geologisches Gutachten in Auftrag gegeben worden. Der Verdacht liegt nahe, dass bei einem Unwetter Ende Juli Wasser aus einem Regenüberlaufschacht oberhalb der Bahnböschung bei Zell den Boden aufweichte und einen Erdrutsch auslöste. Der Zugführer, der zu den Toten zählt, und die Passagiere hatten wohl keine Chance. Das geologische Gutachten liege noch nicht vor, so die Staatsanwaltschaft, aber das sei kein Problem, die Unglücksstelle sei längst professionell dokumentiert.
Ortsvorsteher von Zell kritisiert Bahn nach Zugunglück
Auch Matthias Rettich, Ortsvorsteher von Zell, ist verwundert, dass sich nach der Bergung des Unglückszugs Ende Juli erst einmal nichts tat. In den letzten Tagen nun seien „die Gleise raus“ gekommen, Vertreter des Landkreises Biberach hätten Bodenproben genommen. Aus dem havarierten Zug, so der Verdacht, könnten größere Mengen Diesel ins Erdreich gelangt sein. Rettichs Annahme zum gemächlichen Reparaturtempo der Bahn: „Das ist wahrscheinlich der Ferienzeit geschuldet gewesen.“
Dabei hat die Bahn im Jahr 2022 gezeigt, wie es auch anders geht, und zwar auf exakt derselben Strecke zwischen Sigmaringen und Ulm. Bei Blaustein-Arnegg, rund zehn Kilometer vor Ulm, war ein Regionalexpress in einen leeren Linienbus gerast, der wegen eines Verkehrsstaus auf einem Überweg der Gleise stand. Der Bus ging in Flammen auf, der Zug sprang aus den Gleisen und blieb parallel zur Bundesstraße 28 im Kies liegen. 14 Menschen wurden verletzt, drei von ihnen schwer. Es folgte im Rekordtempo: der Austausch von 35 Metern kaputter Schienen, der Aushub ausgelaufenen Öls, die Reparatur des Bahnübergangs. Das schwere Unglück war an einem Dienstag geschehen, am darauffolgenden Samstag konnten die Züge wieder fahren.
Verbraucherschützer: Bahnstrecke gilt als unwichtig
Weshalb sich hingegen die Bahnbaustelle bei Riedlingen dahinschleppt, versteht auch Joachim Barth nicht, baden-württembergischer Landesvorsitzender des Verbraucherverbandes „Pro Bahn“. „Ich bin auch erstaunt, dass bis jetzt gar nichts gemacht wurde“, sagt er. „Inzwischen dauert so etwa leider immer länger.“ Seine Vermutung: „In der internen Hierarchie der Bahn wird die Strecke als unwichtig gesehen, und dann lässt man’s einfach liegen.“ Barth berichtet von einer monatelangen Sperrung der Bahnstrecke Marbach–Backnang im vergangenen Jahr. „Angeblich wartete man da auf ein geologisches Gutachten.“
Die Strecke Sigmaringen-Ulm, eine zu vernachlässigende Provinzstrecke? Das weist die Bahnsprecherin von sich. Wie viele Passagiere sich hier im Oberschwäbischen bewegen, weiß der Schienenkonzern allerdings nicht. Eine Anfrage beim Ressort von Winfried Hermann hilft weiter. Demnach sind auf der Gesamtstrecke an einem durchschnittlichen Schultag rund 10 000 Fahrgäste unterwegs. Zu der Zahl gehören noch Passagiere des Betreibers SWEG, der eine Verbindung zwischen Munderkingen und Ulm bedient. Das Verkehrsministerium klärt auf, die Reparaturverantwortung liege beim Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIO), hier speziell bei der DB InfraGO AG.
Bahn macht den Ulmer Bahnhof wochenlang dicht
Tausende Pendler täglich dürften auch nach Schuljahresbeginn noch auf Ersatzbusse umsteigen oder einen Platz in einem Auto suchen müssen. Womöglich ist das eine gute Übung für eine Sperrung, die bald beginnt und noch tiefgreifender sein wird. Vom 13. Januar bis 6. Februar hat die Bahn die komplette Schließung des Ulmer Hauptbahnhofs sowohl für den Nah- als auch den Fernverkehr angekündigt. Ein neues elektronisches Stellwerk werde eingebaut, so die Begründung. Wie die Ersatzverkehre fahren, soll im Herbst bekannt gegeben werden.
Der Ulmer Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) fühlt sich überrumpelt, protestierte jetzt schriftlich beim Bahnvorstand. Der Autoverkehr in der Stadt ist zu Feierabendzeiten schon jetzt am Limit, wegen Sanierungen wichtiger Donaubrücken und anderer Baustellen zur Vorbereitung der Landesgartenschau 2030. Vehement fordert Ansbacher die Verschiebung der Bahnhofs-Vollsperrung. Eine Antwort steht aus.