Der Preis für die Nahwärme in Stuttgart steht noch nicht fest. Aber klar ist, dass er sich von Netz zu Netz unterscheiden wird. Foto: Imago/imagebroker

24 000 Haushalte in Stuttgart sollen bis 2035 neu an ein Nahwärmenetz angeschlossen werden. Mittlerweile ist klar, wer wann in welchen Stadtvierteln einen Zugang bekommen könnte.

Schon in gut zehn Jahren will die Stadt Stuttgart klimaneutral sein, und auf dem Weg dorthin spielen neue Nahwärmenetze eine bedeutende Rolle. Zehn Prozent der dann benötigten Wärme sollen aus solchen zusätzlichen grünen Netzen kommen, konkret sind das 420 Gigawattstunden pro Jahr. Die Stadtwerke Stuttgart haben nun einen Plan vorgelegt, in vorerst elf Quartieren Netze aufzubauen. Damit könnten 168 Gigawattstunden jährlich produziert werden. Das wären 40 Prozent des anvisierten Ziels.

 

Wo genau diese Stadtviertel liegen und wann sie angeschlossen werden könnten, ersehen Sie aus der beigefügten Karte. Eine straßenscharfe Abgrenzung finden Sie in den Quartierssteckbriefen, die dem kommunalen Wärmeplan angefügt sind (bitte unten auf der Seite „Unterlagen“ und dann „Bericht“ anklicken – hinten im Bericht sind die Steckbriefe aufgeführt).

Die Stadtwerke Stuttgart wollen elf neue Nahwärmenetze einrichten. Foto: Infografik/Björn Locke

Im Moment bleibt es für die betroffenen Bürger trotzdem vage, ob die Nahwärme eine Alternative etwa zur bestehenden Gasheizung werden könnte. Denn eine Garantie, dass alle Netze wirklich kommen und auch zum angegebenen Zeitpunkt, können die Stadtwerke nicht geben. Deren Geschäftsführer Peter Drausnigg betont aber: „Der Bau von Nahwärmenetzen ist ein riesiger Aufwand, aber wenn man fokussiert daran arbeitet, schaffen wir die elf Quartiere.“ Einen groben Zeitplan gibt es aber nun.

Auch der Preis, den die ins Haus gelieferte Wärme dann kosten würde, ist noch offen. Ulf Hummel, der Wärmeexperte bei den Stadtwerken, betont allerdings schon jetzt, dass jedes Netz beim Bau und beim Betrieb andere Kosten verursache – es werde also keinen Einheitspreis in Stuttgart geben. Die Furcht, dass man sich als Bürger einem Monopolisten ausliefert, der beliebig die Preise erhöhen kann, versucht Hummel zu zerstreuen. Es gebe keinen Anschlusszwang. „Wir wollen über den Markt Kunden gewinnen“, so Hummel. Sprich, der Preis muss konkurrenzfähig auch zur Wärmepumpe sein. Zudem wolle man verschiedene Varianten anbieten – wer zum Beispiel die nicht geringen Hausanschlusskosten nicht sofort bezahlen wolle oder könne, soll eine Variante mit höherem Betriebspreis wählen können.

In vielen Veranstaltungen der Stadt ist klar geworden: Die Bürger wünschen sich mehr Infos zu Kosten und Anschlusszeit. Das können die Stadtwerke also immer noch nicht liefern. Trotzdem ist es extrem ambitioniert, was das kommunale Unternehmen plant. Peter Drausnigg: „Nach nur einem Dreivierteljahr der Planungen haben wir bereits 20 000 Wohneinheiten projektiert. Wir sind sehr gut aufgestellt.“

Peter Drausnigg, der Technische Geschäftsführer der Stadtwerke Stuttgart, will elf Nahwärmenetze in Stuttgart bauen. Foto: privat/Stadtwerke Stuttgart

Tatsächlich hat jedes Netz seine Eigenheiten, weshalb der Planungsaufwand enorm ist. Man braucht zum Beispiel jedes Mal eine andere Energiezentrale, die je nach Quartier mit Hackschnitzeln, Geothermie, Luft oder Abwasserwärme betrieben wird. Den Platz für diese Gebäude zu finden, sei eine Herausforderung im dicht besiedelten Gebiet, sagt Hummel. Zudem sollen insgesamt 22 Kilometer an Leitungen verlegt werden – das heißt, es wird dafür zu Straßenbaustellen über eine längere Zeit kommen. Auch der hohe Investitionsbedarf ist eine Hürde, zumal für die Stadtwerke die Wirtschaftlichkeit von Nahwärmenetzen laut Drausnigg eher niedrig sei. Trotzdem hat auch Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) vor Kurzem gegenüber unserer Redaktion betont: „Es fehlt derzeit weder am Willen noch am Geld, die Wärmenetze auszubauen.“

Mit Abstand das größte Nahwärmenetz soll im Synergiepark Vaihingen kommen. Dort entstehen in drei Abschnitten Anschlüsse für fast 17 000 Wohneinheiten, also zwei Drittel des geplanten Ziels. Begonnen wird in dem Industriegebiet zwischen der Breitwiesen- und der Gewerbestraße. Dort soll ein Rechenzentrum entstehen, dessen Abwärme für das neue Netz genutzt werden könnte. Vor allem eine städtische Schule und angrenzende Unternehmen könnten versorgt werden. Später werden vermutlich nördlich davon bis zum SSB-Zentrum weitere Potenziale mit Geothermie und Abwasserwärme erschlossen. Um schneller voranzukommen, sind die Stadtwerke eine Kooperation mit dem Unternehmen e-con eingegangen. Damit stünde die Arbeitskraft von 100 zusätzlichen Ingenieuren zur Verfügung, so Hummel.

Trotz der Mammutaufgabe, die die Stadtwerke stemmen wollen, fehlen für das Ziel von 420 Gigawattstunden pro Jahr an Nahwärmeleistung noch 60 Prozent. Die Stadtwerke schließen es nicht aus, am Ende sogar noch mehr zu schaffen. Vor allem aber setzen sie auf weitere Akteure. So gibt es im Asemwald erste Überlegungen für eine Energiegenossenschaft; die Hochhausstadt könnte künftig mit einer Geothermieanlage zu versorgen.

Was die Wärmewende in Stuttgart aber stark hemmt, ist der unselige rechtliche Streit um das Fernwärmenetz zwischen der Stadt Stuttgart und der EnBW. Denn die EnBW hat angekündigt, keine größeren Erweiterungen mehr zu bauen, bis klar ist, wem das Netz künftig gehört. Nur in Feuerbach gibt es eine zwei Kilometer lange neue Leitung.

Peter Drausnigg hat aber sowieso eine andere Vision. Der Fernwärme mit einer Starttemperatur des Wassers von 100 Grad gehöre nicht die Zukunft, meint er. Das Ziel müsse sein, Netze mit viel niedrigeren Temperaturen und damit viel niedrigeren Energieeinsätzen zu entwickeln.