Jan Böhmermann und zwei Männer, die er nur begrenzt bewundert: Helmut Kohl und Medienunternehmer Leo Kirch Foto: ZDF/Screenshot

Deutschlands lahmes Internet ist die Pest. Das findet auch Jan Böhmermann und nennt die Schuldigen. Hat der Satiriker Recht?

Stuttgart - Wenn man sich die ganze Welt als Datenautobahn vorstellt, dann ist Deutschland mittlerweile eine auf der Pannenspur festgebackene Rostlaube mit qualmendem Motor und platten Reifen. Während Berliner Politiker, die sich den Einschaltwisch ihres Smartphones vermutlich jeden Morgen neu vom Assistenten ihres Digitalreferenten erklären lassen müssen, vom Zukunftsstandort Deutschland fabeln, ächzen Privatnutzer, Handel, Industrie, Medien, Dienstleister und der Weihnachtsmann unter den Beschränkungen der hiesigen Netze.

Weil geteilter Ärger schöner ist, sollte man sich die neue Folge von Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ anschauen. Böhmermann wütet ganz ordentlich gegen den „digitalen Detox“ in Deutschland. Und weil Böhmermanns Satireshow auch investigativen Anspruch hat, präsentiert sie eine Erklärung für das Desaster.

Helmut Kohl will Kupferkabel

Anfang der 80er Jahre sei die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt drauf und dran gewesen, Deutschland ein modernes Glasfasernetz zu verordnen, wie es in anderen Ländern heute Spitzengeschwindigkeiten bei der Datenübertragung liefert. Aber als dann 1982 Helmut Kohl an die Macht kam, habe der sich mit dem Medienzaren Leo Kirch verkungelt. Auf dessen Wunsch hin habe man massiv in den weiteren Ausbau des veralteten Kupferkabelnetzes investiert. Kirch wurde ein treuer Geldspender Kohls.

Wofür Böhmermanns Sendung bereits lohnt: für die alten Aufnahmen vom selbstherrlich-autoritären Auftreten des einstigen Bundeskanzlers, der kritischen Journalismus sichtlich als verachtenswerte Wühlarbeit betrachtete. Aber eigentlich war alles noch viel schlimmer als Böhmermann es verkürzt darstellt.

So schnell wie möglich Sat 1

Als Helmut Kohl antrat, rief er die „geistig-moralische Wende“ in Deutschland aus. Leo Kirch war nicht der Lobbyist, der sich die Politik gefügig machte, sondern der Dienstleister, der den Willen der Politiker füllen konnte. Kohls Mannschaft wollte so schnell wie möglich ein latent konservatives, handzahmes Gegengewicht aus Privatsendern zu den öffentlich-rechtlichen Anstalten, denen man eine „absolut linke Schlagseite“ unterstellte, wie das Christian Schwarz-Schilling, von 1982 an zehn Jahre lang Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen, formuliert hat. Zügig aufbauen konnte man die Sat-1-Pro-7-RTL-Welt aber nur durch Nutzung der billigeren Kupferkabelnetze.

Was Böhmermann in seiner sehr vergnüglichen Abwatscherei der Kriech- und Panennspur-Bevorzugungen auch ein wenig verkürzt, ist das generelle Weltbild von damals. Die Glasfaserpläne von Schmidts Regierung waren atemberaubend futuristisch, gemessen an der Telekommunikationstradition hierzulande.

Die Ängste der guten alten Post

Schon der Ausbau des Telefonnetzes hatte den Ruch obrigkeitlicher Gnadengewährung. Als Normalbürger konnte man in den 70ern und frühen Achtzigern nicht einfach einen Anrufbeantworter anschließen, wie ihn im Fernsehen etwa lockenderweise US-Serienheld Rockford nutzte. Man brauchte eine Genehmigung, eine Extrabuchse musste vom offiziellen Telekomtechniker nach gebührender Wartezeit montiert werden. Und die Post – damals Telekommunikationsmonopolist – erteilte diese Genehmigung ungern, am liebsten nur Ärzten und Apotheken. Die Geräte, hieß es, belasteten das Netz.

Das änderte sich erst, als eigentlich illegale Importgeräte die Elektromärkte fluteten, die jeder an die normale Telefonbuchse anschließen konnte, was die aufmüpfigen Bürger dann in großer Zahl auch taten, ohne sich um die Ängste der Post vor so viel kleinrevolutionärem Hexenwerk zu kümmern.

Reiten auf dem toten Pferd

Den heutigen Bandbreitenhunger konnten sich damals auch Fachleute nicht vorstellen. Der Privat-PC und das Handy lagen in weiter Ferne, professionelle Datenbündel, die zwischen Universitäten oder Militäreinrichtungen hin- und her gingen, waren kleiner als heute ein einzelnes in die Cloud geladenes Urlaubsfoto. Dieser technische Stand der Dinge, kombiniert mit dem alten Denken, dass Kommunikationsnetze hierarchisch von oben nach unten funktionieren, von wenigen Sendern an ganz viele Empfänger, und verknüpft mit dem Wunsch nach raschem Privatsenderausbau, ließ das Kupferkabel als völlig hinreichende Technologie erscheinen.

Digitalisierung in Deutschland bedeutet: Wir reiten ein totes Pferd“, lästert Jan Böhmermann. Und er stellt erhellend zwei Zahlen nebeneinander: Für die realen Autobahnen hat das Verkehrsministerium 2019 rund 10,5 Milliarden Euro ausgegeben. Für die digitalen Datenbahnen, für die es kurioserweise ebenfalls zuständig ist, nur knapp 400 Millionen Euro. „Ein echter deutscher Clusterfuck mit Tradition“, fasst Böhmermann Deutschlands Netzausbaupolitik zusammen, und für diese klare, unverblümte, moderne Sprache muss man ihn immer wieder mögen.

Die ganze Sendung kann man hier in der ZDF-Mediathek bis zum 27. Mai 2021 abrufen.

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