Stumpfes Draufhauen hat nichts mit BDSM zu tun: In der BDSM-Manufaktur lehrt die Pädagogin und Femdom Madame Lisa die Kunst der Führung und Unterwerfung. Foto: Markus Braendli

Zwischen Hundertwasser-Bau und Idylle leitet eine Pädagogin ein besonderes Bildungszentrum: In der BDSM-Manufaktur unterrichtet Madame Lisa Technik, Ethik und wahre Dominanz.

Plochingen ist eigentlich die Stadt, die man besucht, um dem Hundertwasser-Wohnhaus einen Besuch abzustatten und über den historischen Marktplatz zu schlendern. Aber am Rande des Stadtzentrums, in einem Keller, den man über eine Außentreppe durch einen schmiedeeisernen Torbogen erreicht, wartet ein Ort, der so gar nicht in die Stuttgarter Speckgürtel-Idylle passen will: die BDSM-Manufaktur von Madame Lisa. Ganz ohne Andreaskreuz und Leder-Klischees à la „50 Shades of Grey“.

 

BDSM für Anfänger und Fortgeschrittene

In diesem Keller wird nicht einfach nur „gespielt“, hier wird gelehrt. Denn die BDSM-Manufaktur ist sozusagen ein Bildungszentrum. Hier finden Workshops und Kurse rund um die Themenwelt des Bondage and Discipline (Fesselung und Disziplin), Dominance and Submission (Dominanz und Unterwerfung) sowie Sadism and Masochism (Sadismus und Masochismus), kurz BDSM statt: vom Basis-Kurs über Bondage und Shibari bis hin zu Kursen für Fortgeschrittene, die sich Themen wie Langzeiterziehung und Atemkontrollspielen widmen. Auch persönliche Coachings, in denen es vorwiegend um Beziehungsarbeit in einer BDSM-Partnerschaft geht, bietet sie an. Alles live und vor Ort.

Die Lehre zu verschiedenen Methoden und Praktiken als Online-Kurs anzubieten, widerspricht ihren Prinzipien. „Im BDSM-Kontext halte ich Online-Kurse für wenig sinnvoll, weil Lernen hier körperlich, praktisch und im direkten Austausch stattfindet“, sagt sie. „Vor dem Bildschirm fehlen Utensilien, unmittelbare Rückmeldung, das Erleben von Intensität und auch die Möglichkeit, Dinge unter Anleitung auszuprobieren.“ Was es tatsächlich mit einem mache, wenn zum Beispiel ein anderer vor einem kniet, müsse man praktisch ausprobieren, da reiche bloße Theorie nicht, betont sie.

Vom Krankenhaus ins Domina-Studio

Bevor Madame Lisa zur Lehrkraft des BDSM wurde, war sie Krankenschwester, später Sozialpädagogin. Sie leitete ein Mädchenwohnheim in Stuttgart, zog dafür aus Köln in den Kessel. BDSM begleitete die Fachkraft damals schon seit dem 19. Lebensjahr, aber rein privat. Als sie sich irgendwann im Arachne-BDSM-Shop auf dem Hallschlag mit Spielzeug eindecken wollte, kam sie mit der Besitzerin ins Gespräch. Die suchte indes eine neue Betriebsleitung für ihr Arachne Domina-Studio in Zuffenhausen. Lange Rede, kurzer Sinn: Madame Lisa schmiss die Leitung des Mädchenwohnheims hin und tauschte sie gegen die des Arachne-Studios.

In ihrer Manufaktur bringt sie Interessierten unter anderem alles über Bondage und verschiedene BDSM-Spieltechniken bei. Foto:  /Markus Brändli

Und dort wurde der erste Grundstein für ihre BDSM-Lehrtätigkeit gelegt: Für die professionellen Dominas im Haus entwickelte sie verschiedene Workshops und Kurse. Davon bekam schnell auch die Außenwelt Wind, plötzlich kamen auch Privatpersonen auf sie zu, wollten mehr über Techniken und Co. lernen. Davon angetrieben gründete die gebürtige Kölnerin schließlich vor über zwanzig Jahren ihre BDSM-Manufaktur, mit der sie vor zwölf nach Plochingen zog. Als professionelle Domina gearbeitet hat die Expertin dabei in all den Jahren nie selbst. „Ich möchte keine Dienstleistung aus meiner Lust machen, das war für mich immer klar“, erklärt sie bestimmt.

Ein Querschnitt der Gesellschaft: von 18 bis 83

Ihr Wissen hat sich die BDSM-Expertin über jahrzehntelange Praxis angeeignet. Workshops gab es vor 25 Jahren, als sie erstmals Kontakt mit der Szene hatte, noch nicht. Das meiste lernte sie durch Tipps und Anleitungen von „alten BDSM-Hasen“ und durchs Ausprobieren. „Ich glaube, ich habe jeden Fehler fünf Mal gemacht, um sicher zu sein, dass es einer war“, gibt sie heute schmunzelnd zu. Ihr pädagogischer und medizinischer Background half ihr jedoch wesentlich, Praxis und Theorie zu vereinen und sinnvolle Lehrpläne und Lerneinheiten für BDSM-Neulinge und -Fortgeschrittene zu erstellen.

Ihre Schülerschaft ist dabei ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Es sind Paare, die seit 20 Jahren verheiratet sind und merken, dass da noch ein Kellerraum in ihrer Seele ist, den sie nie betreten haben. Es sind junge Leute, die neugierig auf das Wechselspiel zwischen Dominanz und Unterwürfigkeit geworden sind und sich handfestes Wissen rund um verschiedene Techniken aneignen möchten. Auch Einzelpersonen, die ihren Partner überraschen möchten oder Singles, die gerade auf der Suche sind, besuchen Madame Lisas Workshops. „Alle Gender, egal, ob aktiv oder passiv sind vertreten – von 18 bis 83 Jahren“, verrät die Expertin.

Kein Platz für Sexismus: Das Regelwerk der Etikette

Wer in ihre Workshops kommt, unterschreibt ein unsichtbares Regelwerk der Etikette, denn sie sollen ein Safer Space für alle Teilnehmenden sein. Wer das nicht kapiert, muss gehen. Etwa ein Teilnehmer, der sich mitten im Workshop als Frauenhasser entpuppte. Ein Einzelfall, wie sie betont. „Er wolle es den Frauen zurückzahlen, hat er gesagt“, erinnert sich die BDSM-Lehrerin. „Damit ist er sofort rausgeflogen.“ In ihren Räumlichkeiten haben Hass, Respektlosigkeit, Aggressionen und Sexismus keinen Platz, stellt die Pädagogin klar. Sie weiß um die Vorurteile, die Anfänger und Menschen, die nichts mit der Szene zu tun haben, manchmal mitbringen: „Viele denken oberflächlich, es gehe bei BDSM hauptsächlich um Schmerz, um Brutalität, um Härte und Kälte. Aber es geht um Intensität“, erklärt sie mit Nachdruck. Mit stumpfem Draufhauen habe das nichts zu tun.

In der BDSM-Manufaktur lernen die Kursteilnehmer, wie man diese Intensität herbeiführt. Es geht um Anatomie, um Knotenkunde und um die Psychologie der Unterwerfung. Wie Dominanz dabei definiert und ausgelebt werde, sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Dominanz kann auch nett sein“, widerlegt sie ein weit verbreitetes Vorurteil. Aber authentisch müsse sie sein. Wer versuche, auf Krampf aus Film, Fernsehen und Pornos abgeschaute Klischees zu bedienen und die harte Domina zu mimen, die man womöglich gar nicht ist, tue sich selbst keinen Gefallen. „Führung kann klar, zugewandt, fordernd, ruhig oder auch verspielt sein – sie definiert sich nicht über Lautstärke oder Härte.“

Dominanz bedeutet Verantwortung, nicht Willkür

Dass sie vielen Paaren und Einzelpersonen durch ihre Workshops eine neue Welt der Lust eröffnet hat, hat Madame Lisa innerhalb der BDSM-Szene fast schon zu einem Ikonen-Status verholfen. Doch die gebürtige Kölnerin wiegelt ab. „Ich habe immer darauf geachtet, einen gesunden Bodenkontakt zu haben.“ Das sei grundsätzlich ratsam, aber für Menschen, die die Führung für andere übernehmen, umso mehr. „Es muss einem schon klar sein, dass diese Form von Dominanz nicht von Gott gegeben oder auf einen herabgefallen, sondern selbst verliehen ist. Das kann jeder Mann und jede Frau für sich beschließen.“ Dominanz bedeute in erster Linie Verantwortung, nicht Willkür – und schon gar nicht Überheblichkeit.