1137 Wohnungen befinden sich im Asemwald. Die Wohnstadt soll Deutschlands größte Eigentümergemeinschaft sein. Ein Demokratiechen mit eigener Bewohnerzeitschrift. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Asemwald ist entweder unterschätzt oder umschwärmt. Klar ist: Er wird alt. Das gilt für die Bewohner, aber auch fürs Energiesystem. Was folgt auf 50 überraschend glanzvolle Jahre?

Das soll ein Lieblingsort sein? Thomas Ferwagner stoppt am Rande eines grauen, tristen Rechtecks aus Splitt, nurwenige Schritte von seinem Hochhauseingang entfernt. Um zu verstehen, warum er ausgerechnet an diese Stelle im Asemwald führt, muss man ihn erzählen lassen. Dann erwacht die Wochenend-Szenerie wie von selbst zum Leben.

 

Das farblose Rechteck ist eine Boulebahn. Vor dem inneren Augen stehen da Menschengrüppchen, Beistelltische sind aufgeklappt, Bänke zurechtgerückt, natürlich gibt es Quiche und dazu einen guten Roten. Es wird gelacht, geredet und am unsichtbaren Nachbarschaftsnetz gewebt. Das Boulespiel, zu dem sie sich seit zwei Jahren jeden Sonntag verabreden, gerät schnell zur Nebensache. Die Zusammenkünfte können dauern. „Locker vier Stunden, manchmal bis in die Puppen“, sagt Thomas Ferwagner. „Für den sozialen Austausch ist das ein Traum.“

1137 Wohnungen im Asemwald in Stuttgart – und gemeinsamer Nenner

Die zwei Gesichter der Boulebahn passen zum Asemwald. Den fast 70 Meter hohen Wolkenkratzer-Drillingen ist ja auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass sie in Wahrheit ein hochgeklapptes Dorf sind.

Außenstehende sehen drei Hochhäuser mit bis zu 23 Etagen. Die Plattenbauten aus dem 1970ern kurbeln das Kopfkino an: anonyme Betonburg, sozialer Brennpunkt, Wohnbatterie. Nur gehen diese Klischees hier an der Realität vorbei.

Sicher, Fenstermeere und namenüberflutete Klingelschilder sind das Gegenteil vom individuellen Einfamilienhäuschen. Aber hinter den harten Hochhausfassaden steckt ein weicher Kern. Im Asemwald gibt es zwar 1137 Wohnungstüren, aber trotzdem einen gemeinsamen Nenner und ein Wir-Gefühl. Hier traut sich der Gemüsehändler, seine Sachen einfach draußen stehen zu lassen, wenn er zwei Stunden Mittag macht.

Thomas Ferwagner ist vor acht Jahren zugezogen. Er ist der lebende Beweis dafür, dass man Asemwälder auch werden kann. Foto: Judith A. Sägesser

Keimzelle dafür ist sicher ein ungeschriebenes Gesetz: Im Asemwald grüßt man sich. Das wird auch eingefordert bei gedankenverlorenen Zufallsbegegnungen: mit festem Blick und einem kaum merklichen Fragezeichen hinter dem „Guten Tag“. Leute, die stumm bleiben, gar weggucken, das weiß man im Asemwald, sind entweder neu, zu Gast oder beides. Sonst wäre ihnen die Regel schließlich bekannt.

Thomas Ferwagner, 63, zählt zu den Neueingesessenen. Er ist erst vor acht Jahren zugezogen und hat bereits einmal das Hochhaus gewechselt. Er ist Mitglied im Verwaltungsbeirat, einem Gremium der Eigentümer. Wer hier lebt, will in aller Regel bleiben. „Manche sagen: Mich bekommt man hier nur noch horizontal raus“, berichtet Ferwagner, von Beruf Architekt. Im Sommerhalbjahr macht er einmal im Monat fachliche Führungen für Leute, die die drei Riesen aus nächster Nähe bestaunen wollen. Neben Privatleuten aus nah und fern kommen ganze Gruppen – etwa von der Eidgenössisch Technischen Hochschule in Zürich, von großen Architekturbüros oder vom Mercedes Oldtimer Club. Einmal streifte Ferwagner mit 100 Leuten durch seine Siedlung.

Der Asemwald ist Publikumsmagnet und Kult bei seinen Fans. Die Farbenspiele je nach Wetterlage, das verordnete Orange der Rollläden, der ganze 70er-Look, das Schwimmbad auf der obersten Etage, der Privatwald mit Schachbretttischen im Lost-Place-Style. Kunstfotos, TV-Beiträge, Radioreportagen, Studienarbeiten: die Hochhäuser sind umschwärmt, wurden schon aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet. Doch nicht immer flogen ihnen die Herzen zu.

Sie lebt seit Ende der 1970er im Asemwald

Christel Hildebrand war nicht die Einzige, die skeptisch war, als er gebaut wurde. „Ich wollte erst einmal sehen, wie sich das entwickelt.“ Heute sagt die bald 90-Jährige: „Ich bin total happy, hier zu wohnen.“ Sie sitzt in ihrer Wohnung im 17. Stock, Aussicht Richtung Möhringen. Christel Hildebrand lebt seit Ende der 1970er im Asemwald.

Wer Bewohner wie sie besucht, sollte einen Lageplan haben. Er sollte wissen, ob er in Gebäude A, B oder C will, er sollte die Hausnummer kennen und die Etage, sonst verzweifelt er an den Klingelschildern. Das Schöne, sagt Christel Hildebrand: Die Masse reduziert sich schlagartig, sobald sie auf ihrer Etage den Aufzug verlässt. Denn dort befinden sich nur noch drei Wohnungstüren.

Asemwald ist ältester Stadtteil in Stuttgart

Die Pfarrerin im Ruhestand kennt aber auch jenseits des eigenen Ministockwerks Hinz und Kunz. „Die Beine sind inzwischen wackelig, aber der Kopf ist klar.“ Weil sie selbst nicht mehr in der Küche stehen kann, geht sie unter der Woche zum Mittagstisch beim Tennisclub. Einmal im Monat trifft sie dort Leute vom Nachbarhaus, die zusammen essen. „Hier im Asemwald kann man gut alt werden“, sagt sie. Ruhige Wohnlage und noch gute Infrastruktur. Mit dieser Einschätzung ist Christel Hildebrand in ihrer vertikalen Nachbarschaft nicht allein.

Die Rollatorendichte im Edeka ist kein Zufall. Der Asemwald ist Stuttgarts ältester Stadtteil. Als die Hochhäuser 1972/73 frisch bezogen wurden, waren laut dem Statistischem Amt nur fünf Prozent der Bewohner älter als 70. Aktuell sind es fast 40 Prozent. Wobei der Asemwald auch schon mal älter war. Vor zehn Jahren gehörte fast die Hälfte zur Gruppe Ü70. Über die Jahre ist das Durchschnittsalter von knapp unter 40 (1973) auf knapp unter 60 (2024) geklettert.

Asemwald als Deutschlands größte Eigentümergemeinschaft

Was bedeutet das für die Zukunft? Erlebt der Asemwald einen zweiten Frühling? Oder droht über kurz oder lang der Verfall?

Was sich bisher festhalten lässt: Eigentum verpflichtet, für dieses Credo fanden sich in den vergangenen Jahrzehnten stabile Mehrheiten. Trotz teils hitziger Diskussionen: „Bei Eigentümerversammlungen wird deutlich, dass alle zum Gemeinwohl beitragen wollen“, sagt Christel Hildebrand. Das ist kein Selbstläufer, wenn Hunderte eine gemeinsame Linie suchen. Es geht um den Werterhalt des Gemeinschaftseigentums.

Auch wenn inzwischen rund die Hälfte der Wohnungen vermietet sein soll, gilt der Asemwald als Deutschlands größte Eigentümergemeinschaft, ein Demokratiechen sozusagen. Die jährlichen Eigentümerversammlungen sind in der Filderhalle in Leinfelden. Egal, was man anpackt, von Ausmaß und Kosten her ist es immer gleich XXL.

Brandschutz haben sie erledigt. Zurzeit werden die Tiefgaragen und die drei Dutzend Aufzüge erneuert. Um die Kosten zu stemmen, haben die Eigentümer während der vergangenen zwei Jahre tiefer in die Tasche gegriffen. Das Hausgeld ist um 25 Prozent gestiegen. Macht bei einer 80-Quadratmeter-Wohnung (und das trifft auf etwa die Hälfte aller Wohnungen zu) ein Plus von 2000 Euro im Jahr. Nun, wo die Arbeiten fast abgeschlossen sind, wird es laut dem Verwaltungsbeirat wieder entspannter. Die Frage ist, wie lange. Denn nicht nur ans Wasserrohrsystem muss man grundsätzlich ran, ein weiteres Zukunftsthema steht an.

Stuttgart will bis 2035 emissionsfrei sein, und der Asemwald heizt mit Gas. Schon für Eigentümer in kleinen Häusern ist der Heizungstausch komplex. Im Keller dreier Hochhäuser ist das ein Megaprojekt.

Christel Hildebrand wohnt im 17. Stock im Stuttgarter Asemwald. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Nachgedacht wird mit der Stadt über eine Erdwärmepumpe in einem nahen Acker. Damit die nicht allzu riesengroß ausfallen muss, ist die Idee, dass der Asemwald zuerst seinen Energiehunger bändigt. Der Verwaltungsbeirat wirbt mit Mengenrabatten, wenn viele zeitgleich ihre Fenster tauschen. Wenn das klappt, wäre es wieder mal eine klassische Asemwald-Lösung.

Darauf hofft Christel Hildebrand auch in anderer Sache. Dem Hochhausdorf breche seit geraumer Zeit die Infrastruktur weg. Und damit meint sie nicht das Höhenrestaurant, für das die Gemeinschaft zurzeit keinen Pächter hat. Die Pfarrerin schmerzt, dass das ökumenische Gemeindezentrum geschlossen wurde. Der katholische Kindergarten ist schon weg, der evangelische hat keine Zukunft. Christel Hildebrand will zumindest die Kapelle retten. Sie hat angeboten, 20 Jahre finanziell einzuspringen. Die „Asemwald-Community“ brauche diesen größten Raum. „Community“ meint sie nicht christlich.

Katholischer Kindergarten im Asemwald ist zu

Auch Thomas Ferwagner sagt „Community“, als er an der Boulebahn steht. Dann beginnt es zu tröpfeln, schnell unter die Pergola – auch so eine Besonderheit. Sie verbindet alle Gebäude durchgängig. Ihr Vorteil neben dem Wetterschutz: „Man ist auch geschützt vor den Blicken von oben“, sagt Thomas Ferwagner. „Man wird von den Häusern nicht angestarrt.“ Ein Mann mit roter Schirmmütze läuft vorbei, beide heben die Hand. Ferwagner murmelt: „Ein Boulefreund.“