Eine Stuttgarter Grünen-Politikerin und der Verein Haus & Grund sehen im Abriss des Wittwer-Baus eine Chance. Architekten reagieren mit Unverständnis. Dies sind die Argumente.
Die Diskussion um den geplanten Abriss des Wittwer-Gebäudes im Herzen der Stuttgarter Innenstadt nimmt immer schärfere Töne an. Menschen, die nahe des von Kammerer + Belz errichteten Betonbaus arbeiten, berichten in Leserbriefen, sie bekämen „täglich fassungslose Kommentare zu hören, dass etwas so Unverwechselbares, Prägnantes aus dem Stadtbild verschwinden soll“.
Das Gebäude sei „ein Teil der Stuttgarter DNA, es wäre unverantwortlich dies zu verlieren.“ Auch Stuttgarter Architektinnen und Architekten hatten sich in unserer Zeitung einstimmig gegen einen Abriss gewandt – mit ähnlichen Argumenten.
Lebensdauer des Stuttgarter Wittwer-Baus im Focus
In einem Offenen Brief nennt nun auch die Stuttgarter Ortsgruppe von „Architects for Future“ Gründe für den Erhalt und möglichen Umbau des Gebäudes: „Durch Anstrich geschützter Fassadenbeton hat eine Lebenserwartung bis 100 Jahre, während Beton im Innenbereich bis zu 150 Jahre halten kann – bei guter Pflege noch länger. Der Beton des Wittwer-Baus kann außen also noch 40 Jahre halten und innen 90 Jahre.“
Das Argument, nach 60 Jahren neige sich das Gebäude dem Ende zu, „können wir absolut nicht nachvollziehen, zumal es zahlreiche ältere Gebäude in Stuttgart gibt, die nach einer Sanierung weiterhin das Stadtbild prägen“, ist in dem Brief zu lesen, der unter anderem an die Dinkelacker AG, an die Fraktionen im Gemeinderat, die Stadtverwaltung sowie an Oberbürgermeister Frank Nopper und Baubürgermeister Peter Pätzold ging.
„Allerdings werden in Stuttgart immer weniger Gebäude erhalten und saniert, was nicht nur den immer wieder postulierten notwendigen politischen Zielen nach Nachhaltigkeit widerspricht, sondern Stuttgart seiner sichtbaren Baugeschichte beraubt und die Stadt leider immer beliebiger wird“, betonen Odile Laufner, Peter Mielert, Eckard Schütte als Vertreter von „Architects for Future“ .
Ihre Ansicht: „Dem Primat der Wirtschaftlichkeit und der Flexibilität folgende durchgerasterte Fassaden tragen zu dieser Beliebigkeit maßgeblich bei. Gerade an einer solch gewichtigen Stelle in der Stadt wie der Königstraße direkt neben dem Museum ist ein Stück Zeitgeschichte von besonderer Bedeutung.“
Stuttgarter Befürworter des Abrisses melden sich zu Wort
Inzwischen aber springen von sehr unterschiedlichen Richtungen Abriss-Unterstützer bei. Der Stuttgarter Verein Haus & Grund etwa hält die Pläne der Eigentümerin Dinkelacker AG für gut: „Der Abriss muss als Chance gesehen, Eigentümerinteressen geschützt werden. Vom Spielfeldrand braucht es keine Interventionen, sondern konstruktive Unterstützung“, sagt Vereinsvorsitzender Joachim Rudolf.
„Hier war es wohltuend zu lesen, dass der Baubürgermeister die Dinkelacker AG gegen besserwisserische Architekten der sogenannten „Brutalismus-Retter“ in Schutz genommen hat“, ergänzt Vereinsgeschäftsführer Ulrich Wecker.
Einem Neubau stehen die Vertreter von Haus & Grund positiv gegenüber: „Mit dem Standort des Wittwer-Baus handelt es sich um einen der stadtbildprägendsten und meistfrequentierten Orte der Stadt. Jetzt besteht die Chance, aus diesem aus der Zeit gefallenen Beton-Bunker etwas Tolles zu machen“, sagt Joachim Rudolf.
Grünen-Politikerin wirbt für Abriss des Stuttgarter Gebäudes
So sieht es auch eine Abgeordnete der Stuttgarter Grünen-Fraktion Stephanie Moch. In dem im sozialen Netzwerk Instagram veröffentlichten Video sagt die 1993 geborene Stadträtin: „Nichtstun ist auch keine Lösung. Sanieren wäre technisch und wirtschaftlich kaum machbar gewesen“, das Gebäude sei „verwinkelt“ und „leider auch nicht barrierefrei“. Der Abriss des Gebäudes sei „die Chance, diesen Ort besser zu machen“, etwa durch Verbreiterung der Freitreppe. Ihr Video schließt mit der Botschaft: „Abriss ist oft nicht einfach. Stillstand ist definitiv die schlechtere Variation.“
Die Fraktion Fraktion B90/Die Grünen steht zum Video. Fraktionsvorsitzender und Stadtrat Björn Peterhoff sagt, grundsätzlich solle man „vor einem Abriss aufgrund des hohen Aufwands grauer Energie immer zuerst die Alternativen prüfen“. Doch beim Wittwer-Bau finde man „das Fazit des Eigentümers nachvollziehbar, dass unter der Gesamtsicht der Argumente Statik, Zustand, Energieverbrauch, Nutzbarkeit und Barrierefreiheit ein Neubau für ihn sinniger ist.“
Hoffnung auf Qualität beim Neubau im Herzen Stuttgarts
Man hoffe auf einen stimmigen Neubau: „Wir haben uns dafür eingesetzt, dass über einen städtebaulichen Wettbewerb, der uns zugesichert wurde, die Qualität gesichert wird und wichtige Aspekte wie die Zugänglichkeit des Schlossplatzes, die Nutzungen, der Ressourcenverbrauch des Projekts und Weiteres im Vordergrund stehen.“
In der Stuttgarter Architektenschaft indes stieß der Instagram-Post auf Kritik: „Der Instagram-Auftritt von Stephanie Moch hat mich und alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, ehrlich überrascht“, sagt Bernita Le Gerrette, Geschäftsführerin des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) in Baden-Württemberg und des BDA-Wechselraums.
Bedeutende Auszeichnung für Stuttgarter Architekten
Das Wittwer-Haus sei „kein beliebiges Gebäude der 1960er Jahre. Es ist ein Werk des Stuttgarter Büros Kammerer + Belz und der übriggebliebene Teil des Ensembles ,Kleiner Schlossplatz’ der Architekten gemeinsam mit Max Bächer, das 1969 mit dem ersten Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet wurde – dem bedeutendsten Architekturpreis Baden-Württembergs.“
Sie argumentiert: „Abriss ist noch lange keine mutige Entscheidung gegen Stillstand. Abriss ist endgültig und oftmals nicht nachhaltig, wenn man den gesamten Bau- und Lebenszyklus eines Gebäudes berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund spreche ich mich klar für den Erhalt aus – und erwarte, dass die Eigentümer und die Stadt nachweisen, warum das nicht möglich sein soll, bevor Argumente wie ein Alter von 60 Jahren und ein verwinkelter Grundriss ausreichen, um ein weiteres Loch in die Stuttgarter Innenstadt zu reißen. Davon haben wir gerade wirklich schon genug.“
Die Bundesstiftung Baukultur habe festgestellt, dass nur drei Prozent unserer gebauten Umwelt unter Denkmalschutz stehen – aber rund 30 Prozent aus besonders erhaltenswerten Bauten bestehen, die zum kulturellen Gedächtnis einer Stadt gehören. „Das Wittwer-Haus ist auf jeden Fall eines davon.“