Karla Pollmann möchte mehr Anreize für junge Menschen setzen, in der Wissenschaft zu bleiben. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wie reagieren die Hochschulen auf den Einzug von KI? Wie steht es um die Freiheit der Wissenschaft? Antworten gibt Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen.

Die Wissenschaft steht unter Druck. Die Wirtschaft braucht sie, um den Wohlstand zu sichern. Aber auch der Klimawandel, die Landesverteidigung sowie der Vormarsch von Künstlicher Intelligenz verlangen Forschungsergebnisse. Daher hat der Wissenschaftsrat, der die Bundesregierung berät, erstmals ein Zielbild für den Wissenschaftsstandort Deutschland bis 2040 entwickelt. Es soll sicherstellen, dass der Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft einhergeht mit der im Grundgesetz verankerten Freiheit der Wissenschaft. Daran mitgewirkt hat Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen und Vorsitzende der Landesrektoratekonferenz.

 

Frau Pollmann, die Erwartungen an die Wissenschaft erscheinen höher denn je. Wie erleben Sie diese im Arbeitsalltag?

Während des Landtagswahlkampfs habe ich mich mit den Parteipositionen auseinandergesetzt – und die meisten erhoffen sich von den Universitäten entscheidende Beiträge zur Transformation des Landes, vor allem zu Innovationen, um sich aus der Abhängigkeit vom Autobau zu lösen.

Besteht die Gefahr, dass die Wissenschaft instrumentalisiert wird und die Grundlagenforschung leidet?

Die Universitäten in Baden-Württemberg haben das Glück, eine großzügige und auf fünf Jahre angelegte Grundfinanzierung zu erhalten, die uns unabhängig macht von externen Geldgebern, anders als etwa US-Hochschulen. Aber natürlich legt die neue Landesregierung großen Wert darauf, dass sich der Transfer von der Grundlagenforschung hin zu konkreten Anwendungen verbessert und beschleunigt.

Etwa durch Kooperationen mit Firmen wie Amazon im Cyber Valley?

Die primäre Aufgabe von Europas größtem Forschungskonsortium für Künstliche Intelligenz ist deren Erforschung. Hierfür wird es vom Land Baden-Württemberg finanziell großzügig unterstützt. Doch zur Aufgabe gehört auch, die Anwendbarkeit von KI für die Wirtschaft zu prüfen und zu ermöglichen. Hier können Kooperationen mit Konzernen wie Amazon durchaus sinnvoll sein.

KI birgt etliche Risiken für unsere Gesellschaft. Kümmern sich die Hochschulen darum, dass die Experten von morgen verantwortungsbewusst mit KI umzugehen wissen?

Natürlich. Den Universitäten ist bewusst, dass direkt nutzbares Fachwissen allein nicht mehr ausreicht. Gefragt sind auch klassische geisteswissenschaftliche Fähigkeiten wie kritisches Denken, Urteilsvermögen, Einordnungsfähigkeit, Toleranz von Ambiguitäten. Menschen in Führungspositionen in der Wirtschaft fragen mich: Wie bringen wir das zusammen? Wie kann sich die Kulturanthropologin einbringen? Mögliche Wege sind Zusatzzertifikate oder praktische Initiativen, die beide Bereiche zusammenbringen. An der Universität Tübingen wollen wir ein Curriculum aufsetzen, das auch die Naturwissenschaften um solche Kompetenzen erweitert – in den nächsten Jahren werden mehrere interdisziplinäre Brückenprofessuren eingerichtet, darunter Ethik und Geschichte der Medizin, Ethik der wissenschaftlichen und technologischen Innovation, Philosophie des Maschinellen Lernens in der Wissenschaft sowie Ethik, Theorie und Geschichte der Biowissenschaften.

Markus Söder verlangt, dass die Hochschulen einen Beitrag zur Landesverteidigung leisten. Wären die Hochschulen in Baden-Württemberg dazu bereit?

Von politischer Seite gibt es bisher keinen Druck. Die neue Landesregierung wird sich aber auch zur Landesverteidigung Gedanken machen. Die Hochschulen führen dazu bereits miteinander einen Diskurs: Die einen sind bereit, einen Beitrag zu leisten, andere nicht. Genauer zu betrachten ist der so genannte „Dual Use“: Manche Forschungsergebnisse lassen sich sowohl für zivile wie auch für militärische Zwecke nutzen. Dazu müssen wir uns noch positionieren.

Durch KI hat sich die Halbwertszeit von Wissen stark verkürzt. Wie stellen Sie sicher, dass Studieninhalte nicht veralten?

Alle acht Jahre werden Studiengänge geprüft, ob sie noch zeitgemäß sind oder angepasst werden müssen. Studiendekaninnen und -dekane können früher aktiv werden. Ansonsten ist jeder Professor und jede Professorin angehalten, Vorlesungen auf dem neuesten Stand der Erkenntnis zu halten.

Der Wissenschaftsrat rät, dass Hochschulen ihr Studienangebot angesichts knapper Ressourcen überprüfen und gegebenenfalls bündeln. Sind Orchideenfächer gefährdet?

Die neue Landesregierung wird sich das Hochschulangebot im Hinblick auf Studierendenzahlen genauer anschauen. Die sind bei uns in Tübingen stabil, auch dank einer wachsenden Anzahl von internationalen Studierenden. Als Volluniversität – wir haben mehr als 200 Studiengänge – legen wir Wert auf die Breite unserer Fächer. Man weiß ja nie genau, wann man welches Wissen benötigt. Nehmen wir die Slawistik, die vor zehn Jahren weit weniger gefragt war als heute. Unsere Osteuropa-Expertinnen und -Expterten haben nun ein Zentrum gegründet, das sich unter anderem mit Fragen zum Krieg in der Ukraine beschäftigt und dazu Ringvorlesungen anbietet. Auch auf dem Youtube-Kanal der Universität hat ein renommierte Professor über falsche Behauptungen aufgeklärt. Dieses Thesen-Check-Video hat über eine Million Aufrufe und wird auch von Lehrerinnen und Lehrern für den Unterricht genutzt. Ein anderes Beispiel ist die Koreanistik: Seit dem Aufkommen von K-Pop und K-Dramen entscheiden sich mehr junge Menschen für das Fach.

„Die Forschenden brennen für ihre Arbeit, weil sie zur Generation gehören, die mit den Folgen des Klimawandels stark konfrontiert sein wird.

Karla Pollmann, Hochschulrektorin

Tübingen pflegt seit Jahrzehnten internationale Kooperationen, unter anderem mit China. Ist Vorsicht geboten?

Hochschulen streben immer nach internationalem Austausch, auch in politisch schwierigen Zeiten. Schließlich lernen wir voneinander und bilden Brücken zwischen Gesellschaften. China als eine führende Wirtschaftsnation, die in der Wissenschaft bis 2050 zur Weltspitze gehören will, können wir nicht ignorieren. Aber natürlich ist Vorsicht geboten: Es gibt chinesische Hochschulen, mit denen wir nicht zusammenarbeiten dürfen. Auch prüft eine Kommission der Universität jeden Antrag mit Chinabezug. Aber ein Restrisiko, dass Wissen unkontrolliert abfließt, bleibt immer.

Klimawandel, Kriege und die kriselnde Wirtschaft führen bei jungen Menschen zu Ängsten und anderen mentalen Problemen. Wie begegnen Sie dem?

Auf zwei Wegen: Aufgrund des hohen klinischen Bedarfs hat die Universität neue Studiengänge im Bereich Psychologie und Psychotherapie eingerichtet. Zudem kümmern wir uns intern um mentale Belastungen bei Studierenden und Angestellten. Für niedrigschwellige Hilfe lassen wir beispielsweise Mitarbeitende zu „Mental Health Ersthelferinnen und -helfer“ ausbilden. Persönlich beobachte ich immer wieder, dass Zukunftsthemen wie der Klimawandel junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler antreibt, so etwa in TERRA, einem unserer Exzellenzcluster, der sich mit der Interaktion zwischen Bio- und Geosphäre beschäftigt und damit wichtige Forschung zum Klimawandel betreibt. Die Forschenden sind jung und brennen für ihre Arbeit, weil sie zur Generation gehören, die mit den Folgen des Klimawandels stark konfrontiert sein wird.

Pollmann beobachtet mentale Belastungen bei Studierenden wie Mitarbeitenden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Andere Talente meiden eine akademische Laufbahn wegen befristeter Verträge und unsicherer Perspektiven. Tun Sie etwas dagegen?

Wir wollen auf die Landesregierung zugehen und mit dem so genannten Department-Modell etwas Neues vorschlagen: Einige idealistische Professoren und Professorinnen könnten sich zu einer größeren Einheit zusammenschließen und ihre befristeten Mitarbeitendenstellen in einige unbefristete Stellen umwandeln. Natürlich müssen dann weitere Qualifikationsstellen durch Drittmittel akquiriert werden, aber dieses Modell erhöht für junge Menschen den Anreiz, in der Wissenschaft zu bleiben.

Kritik übt der Wissenschaftsrat auch daran, dass bei Stellenbesetzungen zu stark gewichtet wird, wie viele wissenschaftliche Publikationen die Bewerber vorweisen können.

Auch da findet in einigen Bereichen ein Umdenken statt. In Heilbronn entsteht beispielsweise connAIx, ein Landesgraduiertenzentrum für angewandte KI, das die Universität Tübingen gemeinsam mit der Universität Stuttgart und dem Karlsruher Institut für Technologie als Trägereinrichtungen betreiben wird. Bei der Vergabe der Professuren wird man sicherlich über den reinen Fokus auf hochwertige Publikationen hinaus gehen. Dagegen fällt bei einer Professur für Theoretische Physik die Zahl der Publikationen sicherlich stärker ins Gewicht.

Die AfD gilt in Teilen als wissenschaftsskeptisch. Welche Gefahr besteht für einen Wissenschaftsstandort, wenn die Partei Regierungsverantwortung übernimmt?

Dazu sage ich nur so viel: Im Grundgesetz heißt es: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Das bedeutet, der Staat darf keinen Einfluss auf die Inhalte nehmen. Und er muss Hochschulen und andere Forschungseinrichtungen auskömmlich finanzieren, sonst besteht die Gefahr, dass sie in Abhängigkeit von Geldgebern geraten. Dann wären Wissenschaft, Forschung und Lehre nicht frei.

Die Pionierin

Herkunft
 Karla Pollmann, Jahrgang 1963, ist in den Geisteswissenschaften verwurzelt. Sie hat Klassische Philologie, katholische Theologie und Pädagogik studiert. Ihre akademische Laufbahn führte sie vor allem nach Großbritannien, wo sie zuletzt als Dekanin an der Universität Bristol tätig war. Seit 2022 ist sie Rektorin der Universität Tübingen, die erste Frau in dem Amt seit Gründung der Universität 1477.

Exzellenz
 Die Universität Tübingen, die Universität Heidelberg und das Karlsruher Institut für Technologie gehören auch von 2027 an weiter zu den bundesweit maximal 15 Exzellenzuniversitäten, die sieben Jahre zusätzliche finanzielle Mittel von Bund und Ländern erhalten. Sie können mindestens zwei große Forschungsverbünde vorweisen, so genannte Exzellenzcluster, die international wettbewerbsfähig sind.