Die Rems-Murr-Kliniken in Schorndorf (links) und Winnenden melden eine höhere Patientenzufriedenheit. Foto: Frank Rodenhausen

Die Rems-Murr-Kliniken melden steigende Zufriedenheitswerte. Doch Berichte zeigen auch eine Klinikrealität aus Zeitdruck, Kommunikationsproblemen und überfüllten Notaufnahmen.

Der große Aufreger von einst scheint seinen Schrecken verloren zu haben. Kaum noch Beschwerden über verkochte Nudeln, fade Soßen oder kalte Teller. Das Essen, lange Zeit Symbol für den holprigen Start der Rems-Murr-Kliniken, spielt in den aktuellen Berichten nur noch eine Nebenrolle. Stattdessen rückt ein anderer Ort immer stärker in den Mittelpunkt der Unzufriedenheit: die Notaufnahme.

 

Wie aus den Berichten des Beschwerdemanagements und der Patientenfürsprecher hervorgeht, bewerten die Patientinnen und Patienten die Kliniken insgesamt deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Die Zufriedenheitsquote ist demnach von 77 Prozent im Jahr 2022 auf inzwischen 82 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist die Beschwerdequote weiter gesunken. Für die Klinikleitung sind das Signale, dass organisatorische Veränderungen und interne Reformen Wirkung zeigen könnten.

Notaufnahmen in Winnenden und Schorndorf am Limit

Doch hinter den positiven Kennzahlen öffnet sich ein komplexeres Bild. Denn dort, wo Menschen unter Schmerzen auf Hilfe warten, wo Angehörige zwischen Fluren und Automatenkaffee ausharren und Pflegekräfte unter Hochdruck arbeiten, stößt das System offenbar weiter an seine Grenzen.

Die Notaufnahmen stehen besonders unter Druck. Foto: Gottfried Stoppel

Die Notaufnahmen in Winnenden und Schorndorf stehen unter Druck. Die Schließung der ambulanten Notfallpraxen in Backnang und Schorndorf habe die Situation zusätzlich verschärft, erklärte der Winnender Klinikleiter Christian Schliep unlängst im Sozialausschuss des Kreistags. Immer mehr Menschen suchten nun direkt die Klinik auf – auch mit Beschwerden, die eigentlich im ambulanten Bereich behandelt werden müssten. Die Folge: volle Wartezonen, überlastete Teams, gereizte Stimmung.

„Strukturell bedingte, unvermeidbare“ Wartezeiten

Wer nachts mit einem schmerzenden Kind, einer Platzwunde oder Atemproblemen in die Klinik komme, erlebe nicht das abstrakte „Gesundheitssystem“, sondern eine persönliche Ausnahmesituation. Genau darauf verwiesen auch Kreisräte während der Diskussion im Sozialausschuss. Für das medizinische Personal sei vieles Routine.

Für die Betroffenen dagegen könne derselbe Moment Angst, Unsicherheit oder Überforderung bedeuten. Im Bericht des Beschwerdemanagements heißt es deshalb nüchtern, die Wartezeiten in den Notaufnahmen seien „strukturell bedingt“ und „bis zu einem gewissen Grad unvermeidbar“.

Landrat Richard Sigel sprach von einem System, das „per se überlastet“ sei. Ein Rundum-sorglos-Paket könne niemand erwarten. Gleichzeitig zeigte sich in der Debatte, wie schwierig diese Botschaft zu vermitteln ist. Denn wer stundenlang wartet, empfindet seine Beschwerden selten als Bagatelle.

Kommunikationsprobleme belasten Patienten in Notaufnahmen

Auch die Patientenfürsprecherin Doris Bredow appellierte an mehr gegenseitiges Verständnis. Nicht jede Verzögerung sei Ausdruck mangelnder Organisation. Oft liefen in einer Notaufnahme mehrere lebensbedrohliche Fälle gleichzeitig auf. Viele Patienten sähen nur ihre eigene Situation – nicht aber das hektische Gesamtbild hinter den Türen der Behandlungsräume.

Dabei fällt auf: Die Kritik entzündet sich längst nicht nur an Wartezeiten. Der häufigste Beschwerdegrund bleibt seit Jahren die Kommunikation. Patientinnen und Patienten beklagen laut den Berichten fehlende Informationen, schwer verständliche Arztgespräche, mangelnde Erreichbarkeit oder einen Tonfall, der als kühl und distanziert empfunden werde.

Die Kliniken wollen darauf reagieren. Fortbildungen, zusätzliche Gesprächsangebote und Verbesserungen bei der Kommunikation sollen helfen. Gerade ältere Menschen oder Patienten ohne medizinisches Vorwissen fühlten sich offenbar häufig überfordert.

Patientenfürsprecher als wichtige Brücke zwischen Klinik und Patienten

Die Patientenfürsprecher sehen darin ein zentrales Problem des Klinikalltags. Sie verstehen sich als unabhängige Vermittler zwischen Klinik und Patienten – ehrenamtlich, vertraulich und ausdrücklich auf Seiten der Betroffenen.

Seit Ende 2024 sind neue Teams in Winnenden und Schorndorf im Einsatz. Ihre Zahlen wirken zunächst überschaubar: 109 Kontakte im vergangenen Jahr bei mehr als 40.000 Patienten insgesamt. Doch gerade diese geringe Zahl interpretieren die Fürsprecher zurückhaltend. Man gehe davon aus, dass viele Probleme nie offiziell gemeldet würden.

Schlechte Online-Bewertungen trotz Verbesserungen

In Internetbewertungen allerdings geben die Kliniken weiterhin ein schwieriges Bild ab. Während die internen Befragungen deutlich bessere Werte ausweisen, bleiben die Google-Bewertungen niedrig. Das Klinikum Winnenden kommt derzeit auf lediglich 2,7 von fünf Sternen.

Die Aussagekraft solcher Bewertungen ist umstritten. Menschen mit schlechten Erfahrungen äußern sich oft deutlich häufiger öffentlich als zufriedene Patienten. Gleichzeitig zeigen die Berichte aber auch: Hinter manchen Online-Kommentaren stehen reale Frustrationen.

Tauben und Raucher im Fokus der Kliniken

Auffällig ist, wie sich die Schwerpunkte der Kritik verschoben haben. Das Essen, früher Dauerthema, spielt heute kaum noch eine Rolle. Auch in der Pflege registrieren die Kliniken nach eigenen Angaben deutliche Verbesserungen.

Daneben tauchen im Beschwerdemanagement auch Probleme auf, die auf den ersten Blick banal wirken – und doch viel über den Klinikalltag erzählen. Beschwerden über rauchende Patienten vor den Gebäuden etwa. Oder über Tauben, die sich auf dem Gelände ausbreiteten. Die Kliniken reagierten mit einem Taubenhaus und einer gezielten Lenkung der Raucherbereiche.

Am Ende bleibt ein strukturelles Problem

Es sind kleine Episoden in einem großen Betrieb. Doch sie zeigen, wie viele unterschiedliche Erwartungen täglich aufeinandertreffen. Am Ende bleibt deshalb ein widersprüchlicher Befund. Die Zahlen werden besser. Die Kliniken wirken stabiler als noch vor einigen Jahren. Vieles scheint professioneller organisiert, manche Dauerbaustellen wurden entschärft.

Und trotzdem verdichten sich die Hinweise darauf, dass die eigentlichen Belastungen tiefer liegen: Personalmangel, überfüllte Notaufnahmen, Zeitdruck und ein Gesundheitssystem, das immer stärker zwischen Anspruch und Realität zerrieben wird. Die Rems-Murr-Kliniken können diese Probleme sichtbar machen. Lösen können sie diese allein vermutlich nicht.