Obwohl in Baden-Württemberg immer mehr Züge fahren, die Radwege und die Bedingungen für E-Autos besser werden, sinken die CO2-Emissionen nicht. Das sind laut Verkehrsminister Winfried Hermann und Klimaforscher Mojib Latif die Gründe dafür.
Was muss passieren, damit auch beim Verkehr die CO2-Emissionen sinken? Mit dieser Frage setzen sich Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) und der Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif. auseinander Bei ihrer ersten längeren Diskurs geht es um Mercedes-Benz, um Radwege – und um das Argument, dass alle Bemühungen in Deutschland nichts bringen, solange China nicht mit Klimaschutz anfange.
Herr Latif, wie sind Sie heute nach Stuttgart gekommen?
Latif: Mit dem Flugzeug. Anders ging es nicht; ich bin heute Morgen hergeflogen von Hamburg und muss morgen schon wieder in Berlin sein.
Haben Sie ein schlechtes Gewissen?
Latif: Nein. Wir werden das Fliegen nicht verbieten können. Die Leute wollen fliegen und müssen es teils auch. Wir müssen es vielmehr hinbekommen, Fliegen CO2-neutral zu machen. Das ist möglich. Flugverkehr ist ein Bereich, in dem synthetische Kraftstoffe Sinn ergeben.
Mojib Latif hat einmal gesagt: „Bei Strom sind wir gut, bei Wärme nicht so gut, bei Verkehr ganz schlecht.“ Wie geht es Ihnen, wenn Sie das hören, Herr Hermann?
Hermann: Bezogen auf den CO2-Ausstoß hat er recht. Wir haben in allen Bereichen große Erfolge, aber nicht im Verkehr. Für mich ist das schwierig auszuhalten. Wir haben in den letzten zwölf Jahren richtig viel für die klimafreundliche Mobilität getan, also: Ausbau des ÖPNV, Förderung des Radfahrens, Förderung der Elektromobilität. Wir arbeiten an umweltfreundlichen Mobilitätsalternativen und am Umdenken der Menschen. Trotzdem sind die CO2-Werte nicht zurückgegangen.
Wie erklären Sie sich das?
Hermann: Erstens: Baden-Württemberg ist ein extremes Transitland, hier fahren viele Menschen und viele Waren durch. Zweitens: Baden-Württemberg hat seit 1990 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von mehr als 150 Prozent sowie ein Verkehrswachstum von 30 Prozent. Drittens: Wir haben hier viel Wohlstand. Sobald der Wohlstand groß ist, gibt es viele Fahrzeuge – und viele Wege, die mit dem Auto oder Flugzeug zurückgelegt werden. Das alles konterkariert unsere Anstrengungen.
Latif: Hier sitzt Mercedes-Benz. Und Mercedes produziert kein einziges kleines Auto. Das sind schlechte Signale, die aus Baden-Württemberg kommen. Haben Sie da keinen Einfluss?
Hermann: Ich habe mehrfach öffentlich kritisiert, dass Mercedes-Benz sich nur noch auf die großen, schweren Autos konzentriert – auch im persönlichen Gespräch mit den Verantwortlichen. Das gilt aber auch für VW, BMW und Audi.
Geändert hat sich die Geschäftspolitik aber keineswegs.
Latif: Ich habe mir vor Kurzem ein Elektroauto gekauft, weil ich berufsbedingt viel zwischen Kiel und Hamburg hin- und herfahre. Beim Kauf des Elektroautos habe ich mich gefragt: Wer soll sich das leisten können, wenn man nicht Uniprofessor ist? Man will in Deutschland zwar den Ausbau der E-Mobilität, aber verleidet es den Menschen.
Hermann: Wir haben in Baden-Württemberg dank vielfacher Anstrengungen einen höheren Prozentsatz an Elektroautos als im Rest der Republik. Auch die Ladeinfrastruktur hier ist überdurchschnittlich gut.
Das Land will den ÖPNV bis 2030 verdoppeln. Wie soll das gehen?
Hermann: Das A und O ist, dass der öffentliche Verkehr zuverlässig und pünktlich, sicher und sauber ist. Dann nehmen die Leute das Angebot auch an, wie man in Heidelberg, Freiburg, Karlsruhe oder Tübingen sehen kann. Wir haben in den letzten zehn Jahren einiges geschafft; etwa mit Regiobussen und neuen attraktiven Zügen. Wir haben 350 landeseigene Nahverkehrszüge. Das Angebot auf der Schiene haben wir um etwa ein Drittel ausgeweitet. Mehr passt nicht mehr drauf. Auch beim Radverkehr sind wir in den letzten Jahren deutlich weiter gekommen. Das kann man selbst auf Stuttgarts Straßen sehen.
Herr Latif, Sie fordern eine richtige Verkehrswende. Wo setzen Sie an?
Latif: Leider gibt es in Deutschland kaum schnelle Bahnverbindungen wie in anderen Ländern. Ich hätte mir auch gewünscht, dass das Deutschlandticket bei 9 Euro bleibt und nicht 49 Euro kostet. Wenn es nun noch teurer wird, wäre das der Super-GAU. Zudem müssen die Kapazitäten im Bus- und Bahnverkehr angepasst werden. Beim 9-Euro-Ticket war die Überfüllung auf einigen Strecken nicht mehr zu ertragen. Bisher sind auch die Radwege einfach schlecht oder nicht vorhanden.
Hermann: Wir Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister arbeiten hart daran, die Straßenverkehrsordnung so zu ändern, dass leichter Tempo 30 sowie Fahrradstraßen und Busspuren eingeführt werden können. Aber es ist ein zähes Geschäft. Es gibt eine Partei, die leider gerade das Bundesverkehrsministerium besetzt (Anmerkung der Redaktion: die FDP), die in solchen Fragen stark an der Freiheit des Autofahrenden orientiert ist und extrem wenig Veränderungswillen für faire Verhältnisse hat.
Gibt es den einen großen Hebel für die Verkehrswende?
Latif: Das ist die Elektromobilität. Und wir dürfen den Schwerverkehr nicht vergessen. Lastwagen haben einen großen Anteil an den Emissionen. Auch da könnten synthetische Kraftstoffe ins Spiel kommen. Und es müssten mehr Güter auf die Schiene verladen werden. Das wird uns seit Jahrzehnten versprochen. Aber die Schiene ist leider am Boden. Die Bahn ist total unzuverlässig.
Hermann: Aus meiner Sicht war der Beschluss der EU entscheidend, bis 2035 aus dem Verbrennermotor auszusteigen. Das hat den Ruck in der Automobilindustrie gebracht. Und natürlich muss die Deutsche Bahn die Infrastruktur massiv sanieren und ertüchtigen. Die Reform der Lkw-Maut mit CO2-Komponente hilft bei der Finanzierung sehr.
Latif: Ich bin mir nicht sicher, ob die Automobilwirtschaft kapiert hat, dass sie dabei ist, ihr künftiges Geschäftsmodell zu verspielen. Die anderen Länder schlafen nicht. Bei den kleinen Autos sieht man es: Die Deutschen bauen vorwiegend große Elektroautos, die sich die meisten nicht leisten können, also machen jetzt andere dieses Geschäft. Das ist meine Angst: dass wir in Deutschland zu lange diskutieren und nicht merken, dass andere uns abhängen.
Klimaschutz ist mittlerweile ein Reizwort. Viele sagen, dass Deutschland mit seinen zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen eh nichts bewirken kann. Andere glauben, dass wir mit Klimaschutz unsere Wirtschaft ruinieren.
Latif: Es ist schade, dass Menschen so denken und dass es dann noch Aktivisten wie von der Letzten Generation gibt, die den Menschen den Klimaschutz zusätzlich verleiden. Erstens hat Deutschland global durchaus etwas bewirkt mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz im Jahr 2000. Nur dadurch sind die erneuerbaren Energien technologisch vorangekommen und bezahlbar geworden. Zweitens geht es wie gesagt um viel mehr als um Klimaschutz, sondern um Zukunftsfähigkeit. Drittens geht es um weltweite Gerechtigkeit. Jeder Mensch in Deutschland stößt jährlich etwa zehn Tonnen CO2 aus, in Indien sind es zwei Tonnen. Wie soll man das Indern erklären? Gott hat uns erlaubt, fünfmal so viel auszustoßen? Die Welt schaut auf uns. Und wir müssen erfolgreich sein, nur dann werden wir Nachahmer finden.
Hermann: Herr Latif hat Recht, mit der Transformation unserer Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit können wir unsere Arbeitsplätze und den Wohlstand zukunftsfest sichern. Die, die jetzt am lautesten dagegen schreien und bremsen, die ruinieren unseren Standort. In China produzieren zehn neue Konzerne nur Elektroautos. Allein in China werden so viele Elektroautos produziert und gefahren wie im Rest der ganzen Welt. Die E-Mobilität ist die Zukunft. Im Übrigen funktioniert deshalb auch das oft gehörte Argument, dass die Chinesen doch erst mal anfangen sollen mit Klimaschutz, bald nicht mehr.
Zu den Personen
Winfried Hermann
Der 71-Jährige ist in Rottenburg am Neckar aufgewachsen. Er studierte in Tübingen Deutsch, Politik und Sport, absolvierte ein Referendariat und arbeitete bis 1984 als Gymnasiallehrer in Stuttgart. Seit 1982 ist er Mitglied der Grünen, 1984 wurde er erstmals in den Landtag gewählt, damals beschäftigte er sich vor allem mit Bildungs-, Jugend- und Sportpolitik. 1992 übernahm er den Landesvorsitz der Grünen, 1998 zog er in den Bundestag ein. 2008 wurde er Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Und seit 2011 sitzt er in der Landesregierung als Verkehrsminister. Er gilt als Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21.
Mojib Latif
Der 69-Jährige wurde in Hamburg geboren. Er hat BWL und Meteorologie studiert, an zahlreichen Instituten im Ausland gearbeitet und promoviert im Fach Ozeanografie. Knapp 20 Jahre lang arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Privatdozent am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Seit 2003 ist er Professor am Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, seit 2015 Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Und seit 2022 ist er zusätzlich Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Er pendelt daher zwischen Hamburg und Kiel – seit Kurzem mit einem Elektroauto. (jub)