Ein farbintensiver Sonnenaufgang taucht den Himmel über Stuttgart in Rot- und Orangetöne. Foto: Lukas Jenkner

Ein farbenprächtiger Himmel über Stuttgart fasziniert derzeit Frühaufsteher. Was hinter den intensiven Morgenrot-Tönen steckt und warum sie bald seltener werden könnten.

Wer dieser Tage früh am Morgen unterwegs ist, wird nicht selten belohnt: Der Himmel glüht in intensiven Rot-, Orange- und Rosatönen und ein farbenprächtiger Sonnenaufgang scheint den nächsten abzulösen. Woher kommt das? Die Antwort darauf liegt in einer Kombination aus physikalischen Effekten und bestimmten Wetterbedingungen, wie Clemens Steiner vom Deutschen Wetterdienst (DWD) erklärt. „Wenn wir von besonders schönen Sonnenaufgängen sprechen, meinen wir meist Morgenrot, also Wolken, die rötlich gefärbt und eindrucksvoll beleuchtet sind“, so der Wetterexperte. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür seien sogenannte Aerosole in der Luft – winzige Schwebstoffe, an denen das Sonnenlicht gestreut wird.

 

Diese Beimengungen können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Dazu zählen etwa Saharastaub, der mit südlichen Luftströmungen bis nach Mitteleuropa transportiert werden kann, ebenso wie Feinstaub aus Abgasen oder Reifenabrieb. Auch große Vulkanausbrüche können die Atmosphäre mit Partikeln anreichern. Steiner verweist dabei auf ein historisches Beispiel: Nach einem gewaltigen Vulkanausbruch gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts seien besonders eindrucksvolle Sonnenuntergänge beobachtet worden – so farbintensiv, dass sie sogar in der impressionistischen Malerei jener Zeit ihren Niederschlag fanden.

Die Luft darf nicht zu neblig oder dunstig sein

Allerdings reiche eine hohe Konzentration von Aerosolen allein nicht aus. Entscheidend sei außerdem, dass die Luft trotz dieser Beimengungen nicht zu neblig oder dunstig ist. Nur dann könnten Wolken und Himmelsschichten von der tief stehenden Sonne klar angestrahlt werden. Zu dichter Nebel oder starker Dunst würden die Effekte dagegen verschlucken. In den vergangenen Tagen sei genau dieses Zusammenspiel vielfach gegeben gewesen, was die auffälligen Morgenstimmungen erkläre, berichtet der DWD-Sprecher.

Aktuell lasse sich laut dem Wetterexperten zumindest ein Teil der beobachteten Farbintensität mit Saharastaub erklären. „Es handelt sich derzeit zwar nicht um eine außergewöhnlich hohe Konzentrationen, dennoch ist permanent eine gewisse Menge Saharastaub in der Luft nachweisbar“, sagt Steiner. Das könne durchaus ein Indikator dafür sein, warum sowohl Sonnenaufgänge als auch Sonnenuntergänge momentan farbiger erscheinen als gewöhnlich.

Bestimmte Wetterlagen begünstigen farbige Sonnenaufgänge Foto: Andreas Rosar

Warum Sonnenauf- und -untergänge überhaupt rötlich erscheinen, hat zudem einen klaren physikalischen Grund, wie Steiner erklärt. Das Sonnenlicht besteht aus verschiedenen Farben mit unterschiedlichen Wellenlängen. Blaues und violettes Licht besitzen kurze Wellenlängen, rotes Licht dagegen eine deutlich längere. Steht die Sonne tief am Horizont, muss ihr Licht einen besonders langen Weg durch die Atmosphäre zurücklegen, bis es das menschliche Auge erreicht. Auf diesem Weg wird das Licht an Aerosolen gestreut. Zunächst werden dabei die kurzwelligen Anteile – also Blau, Grün und Gelb – aus dem Lichtspektrum herausgefiltert. Übrig bleibt am Ende vor allem das langwellige rote Licht, das dann den Himmel färbt.

Mit zunehmender Bewölkung sinken die Chancen auf farbenfrohe Sonnenaufgänge

Mit demselben Prinzip lässt sich auch erklären, warum der Himmel tagsüber blau erscheint. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, legt ihr Licht einen deutlich kürzeren Weg durch die Atmosphäre zurück. Das blaue Licht wird zwar stärker gestreut als andere Farben, erreicht unser Auge aber dennoch – und dominiert so den Farbeindruck des Himmels. Beim Sonnenauf- und -untergang hingegen ist der Weg durch die Atmosphäre so lang, dass gerade diese kurzwelligen Anteile nicht mehr beim Betrachter ankommen.

Ein Blick auf die Wetterlage zeigt allerdings, dass die Serie spektakulärer Morgenhimmel nicht zwangsläufig anhalten wird: „In den vergangenen Nächten hat es in feuchten Niederungen – etwa im Donautal, am Bodensee, in Oberschwaben und im Rheintal – häufiger Nebel und Dunst gegeben. Aktuell zieht zudem auch in der Region Stuttgart vermehrt Bewölkung auf“, sagt Steiner.

Insgesamt werde die derzeitige Wetterlage zwar noch bis in die Tage vor Heiligabend hinein anhalten, doch mit zunehmender Bewölkung nähmen die Chancen auf intensiv rötlich angeleuchtete Sonnenaufgänge ab. „Wenn die Sonne hinter einer geschlossenen Wolkendecke bleibt, gibt es diese Effekte leider nicht mehr“, so Steiner. Für die Region Stuttgart bedeute das: In den kommenden Tagen seien solche farbenprächtigen Morgen eher seltener zu erwarten.