Deniz Undav ist nicht nur der Top-Scorer und Spaßvogel des VfB Stuttgart. Er ist der Mann, der Klartext spricht – und damit der Führungsspieler schlechthin.
Die Reise in die Vergangenheit steht an für Deniz Undav. Die Bundesliga-Partie beim SV Werder Bremen steigt an diesem Sonntag (19.30 Uhr) für den Angreifer des VfB Stuttgart – und damit die Rückkehr in die Heimat. Undav ist in Achim vor den Toren Bremens geboren, das Werder-Trainingsgelände ist wenige Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Und, klar: Undav spielte einst fünfeinhalb Jahre in der Jugend des SV Werder, ehe er mit etwas weniger als 16 Jahren aussortiert wurde und seine Karriere auf dem zweiten Bildungsweg ihren Lauf nahm.
Man darf die späteren Undav-Vereine an dieser Stelle ruhig noch mal aufzählen, weil sie als perfekte Sinnbilder taugen für den besonderen Weg des Offensivmanns durch die unteren Spielkassen vor der Rückkehr zum Heimatclub in Bremen – wo einst alles zu Ende zu sein schien mit der Profikarriere. Über den TSV Havelse, Eintracht Braunschweig II, SV Meppen aber führte die Undav-Reise am Ende über Belgien (Royale Union Saint-Gilloise) und England (Brighton & Hove Albian) zum VfB.
Ob Undav, und damit zur Aktualität im Jahresendspurt 2025, einst in Havelse oder Meppen mal in Erwägung gezogen hat, dass er sich irgendwann zu einem so beliebten wie anerkannten Führungsspieler bei einem Bundesligisten und Europapokal-Teilnehmer entwickeln würde? Ein Mann also, dessen Wort Gewicht hat? Drinnen, in der Kabine, und draußen, in der Öffentlichkeit – dort also, wo Undav nun nach dem jüngsten 4:1-Erfolg des VfB am Donnerstagabend in der Europa League gegen Maccabi Tel Aviv abermals seinen Finger in die berühmte Wunde legte. Eine Wunde, die so mancher, der es mit den Weiß-Roten hält, im Zuge des souveränen Erfolgs mitsamt der guten Ausgangslage im internationalen Wettbewerb gar nicht ausgemacht hatte.
Deniz Undav ist nicht nur der Spaßvogel
Undav aber ist nicht mehr „nur“ der Top-Scorer des VfB und der Spaßvogel – er ist auch: Der Mahner und Klartext-Redner in Personalunion. Jeder Schuss ein Treffer, jeder Spruch ein Treffer – und jede Kritik ein Volltreffer: so geht der Nationalspieler in diesen Wochen durch sein Fußballerleben.
Nach dem 4:1 über Tel Aviv ging Undav mal wieder hart mit seinem Team ins Gericht. Denn nach dem 3:0 in der 50. Minute kam es zum Bruch im Spiel – eine Steilvorlage für den Vollstrecker Undav: „Nach dem 3:0 haben wir wieder fahrig gespielt, obwohl wir die Dinge angesprochen haben – jeder wollte wieder irgendwas machen, anstatt sich an den Plan zu halten“, sagte der Offensivmann. Und weiter: „Wir lassen uns gehen. Wir hätten viel dominanter auftreten können, vielleicht müssen. Darüber bin ich nicht erfreut.“
Sinnbildlich dafür stand das Gegentor gegen Maccabi: Bei einem Freistoß aus der eigenen Hälfte verlor Lazar Jovanovic Maccabi-Mann Roy Revivo aus den Augen, der dann Alexander Nübel überwand. „Das sind Sachen, die wir vorher ansprechen. Die dürfen halt nicht passieren, und das ist keine Qualitätsfrage“, sagte Undav dazu.
Ähnlich hart war auch die Kritik ausgefallen, die der 29-Jährige ein paar Tage zuvor nach dem 0:5 gegen den FC Bayern geäußert hatte: „Wir wollten eins gegen eins spielen, das haben wir nicht hinbekommen – die haben uns einfach fertig gemacht“, polterte der Torjäger: „Es war ein Zwei-Klassen-Unterschied, das ist echt traurig gewesen.“
Undav macht vor sich selbst nicht Halt
Klare Worte sind das, an das Team und die Mitspieler gerichtet – doch wer immer glaubt, dass Undav sich selbst bei seinen Manöverkritiken ausnimmt, liegt daneben: So geißelte er sich nach der Niederlage in letzter Minute beim Hamburger SV vor zwei Wochen (1:2) selbst, nachdem eine missratene Freistoßvariante zum entscheidenden HSV-Konter geführt hatte: „Ich nehme das auf meine Kappe“, sagte Undav da – weil Angelo Stiller seine Anweisungen offenbar nicht genau verstanden hatte.
Dabei zeigen auch die Äußerungen von Hamburg nur eines: Undav ist ehrlich – zutiefst ehrlich. Im Umgang mit anderen und mit sich selbst. Das betont der Nationalspieler oft, wenn er auf sein Wesen angesprochen wird. Was dann immer mitschwingt, ob von Undav so geäußert oder nur im Subtext: Wer mit dieser Ehrlichkeit ein Problem hat, der hat selbst eines. Undav also verstellt sich nicht, auch nicht in der Öffentlichkeit. Er sagt, was er denkt und ist damit anders als viele anderen Profikollegen – die sich mitunter mehr denn je in Plattitüden flüchten oder öffentlich am liebsten gar nichts sagen.
Undav aber ist offen: für Flachs und Ulk, aber auch für Kritik und Mahnungen. Er ist damit das Sprachrohr und sogar seit einiger Zeit so etwas wie das Gewissen des VfB-Teams. Eine exponierte Rolle, die dem Spaßvogel so wohl nicht allzu viele zugetraut hatten.
Trainer Sebastian Hoeneß dagegen sagte beim übergeordneten Blick auf seinen Schützling jüngst einen lapidar erscheinenden Satz, in dem zumindest nach mehrmaligem Hinhören und Deuten eine große Portion Bewunderung mitschwingt: „Überraschen“, sagte Hoeneß, „tut mich bei Deniz gar nichts.“