Der Weltweihnachtscircus gastiert mit seinem 31. Programm noch bis zum 6. Januar auf dem Cannstatter Wasen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Tierschutz ja, Hass nein: Digitale Vorwürfe zur Tauben-Show im Weltweihnachtscircus zeigen, wie Empörung Fakten verdrängt und Menschen massiv belastet, kommentiert Uwe Bogen.

Es sollten Tiere geschützt werden – doch dabei ist ein Mensch psychisch verletzt worden. Wo bleibt der Aufschrei der Menschenschützer? Der Magier Sergey Stopakov, der im Stuttgarter Weltweihnachtscircus mit Tauben gezaubert hat und das nicht mehr tun wird, sieht sich in den sozialen Medien heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Auf die massiven Bedrohungen, die der Ukrainer erhält, hat die Polizei reagiert und nun Ermittlungen aufgenommen.

 

Die Dynamik in sozialen Netzwerken zeigt: Bei Empörungswellen, die ein einzelner Influencer auslösen kann, geraten sachliche Debatten und Abwägung zunehmend in den Hintergrund. Der städtische Rechner wurde mit 12.000 Protestmails lahmgelegt.

Aufregung um Taubennummer in Stuttgart: Der Zirkus hat vorbildlich gehandelt

Der Weltweihnachtscircus hat vorbildlich gehandelt: Dem Veterinäramt wurden alle Möglichkeiten eröffnet, etwaige Tierschutzverletzungen zu prüfen. Die Stadt hat offensichtlich keine Verstöße festgestellt, dennoch hat der Zirkus vorsorglich die Taubennummer aus dem Programm genommen. Aus Rücksicht auf die Sicherheit des Künstlers und des gesamten Teams. Die Show in diesem Jahr überzeugt freilich auch ohne Tiernummern und zeigt, wie vielseitig und stark der erfolgsverwöhnte Zirkus aufgestellt ist. Einst hat man Kaninchen aus dem Hut gezaubert – das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Was in der Diskussion zu kurz kommt: Wer mit Vögeln arbeitet, behandelt sie hinter den Kulissen extrem verantwortungsbewusst – schließlich sind die Tiere das Kapital der Show.

Tierschutz ist wichtig, und es ist richtig, dass Menschen für Tiere ihre Stimme erheben. Besorgniserregend ist jedoch die Art und Weise, wie einige wenige über soziale Medien ihre Meinung kompromisslos durchsetzen. Falsche Behauptungen können sich rasend schnell verbreiten und echten Schaden anrichten – psychisch wie wirtschaftlich.

Der Weltweihnachtscircus gehört seit Jahrzehnten zur Tradition in Stuttgart (Archivbild) Foto: Lichtgut

Sehr gut ist, dass die Aktivisten, die am Freitag zu einer Demo auf dem Wasen aufgerufen haben, diese nun absagen und sich von „Grenzüberschreitungen“ im Bezug auf den Illusionisten distanzieren. Seit 20 Jahren führt der Ukrainer die Nummer auf, schon mehrfach waren Amtstierärzte bei ihm – nie wurde etwas beanstandet von offizieller Seite.

Dass ein Influencer mit Millionen Followern falsche Vorwürfe streuen kann, ohne Konsequenzen zu fürchten, zeigt die Problematik, auch wenn die Stadt Stuttgart klarstellte, dass die Vorwürfe gegen die Taubennummer unbegründet waren.

Es stellt sich die Frage, wie eine Debattenkultur wieder möglich wird, in der Argumente zählen und nicht nur Empörung. In Zeiten gesellschaftlicher Einschnitte und zunehmender Unsicherheiten ist es umso wichtiger, Verantwortung zu übernehmen – sowohl für die Tiere in der Show als auch für den Umgang der Menschen miteinander.