Weil er massiv bedroht wurde, beendet Sergey Stopakov sein Gastspiel auf dem Cannstatter Wasen vorzeitig. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Laut Veterinäramt liegt kein Verstoß gegen den Tierschutz vor. Dennoch streicht der Weltweihnachtscircus Stuttgart die Taubennummer – um den Magier zu schützen.

Nachts kann er nicht mehr schlafen, der Sturm der Entrüstung geht ihm sehr nahe: Der ukrainische Illusionist Sergey Stopakov ist in den sozialen Medien und in Mails so massiv bedroht worden, dass er sich auf dem Cannstatter Wasen nicht mehr sicher fühlt. Für seine Sicherheit und für die Sicherheit der gesamten Zirkusfamilie haben deshalb die Produzenten des Weltweihnachtscircus am Donnerstag beschlossen, die Nummer mit den Tauben aus dem Programm zu nehmen. Ab sofort wird sie nicht mehr aufgeführt.

 

Seine Gage bekommt der Magier auch ohne Auftritte

„Sergey ist ein guter Kerl“, sagt Henk van der Meijden, der 88-jährige Seniorchef und Zirkusgründer, „die Tiere sind für ihn ein Teil seiner Familie.“ In 20 Jahren habe der gebürtige Ukrainer so einen aggressiven Shitstorm gegen ihn noch nie erlebt. Wenn er weiterhin auftrete, befürchte er Zwischenfälle und Demos. „Das wollen wir ihm ersparen“, sagt der Produzent, „seine Gage bekommt er von uns natürlich trotzdem“.

Auslöser war ein millionenfach geklicktes Video des Influencers Malte Zierden. Er hatte dem Circus Tierquälerei vorgeworfen und seine Community dazu aufgerufen, sich bei der Stadt Stuttgart zu beschweren. Innerhalb weniger Tage gingen nach Angaben der Stadt mehr als 10.000 Mails mit nahezu identischem Wortlaut ein.

Stadt erklärt: Das Video entspricht nicht der Wahrheit

Im Mittelpunkt der Kritik stehen die Tricks, mit denen der Illusionist Sergey Stopakov Tauben wie aus dem Nichts erscheinen und verschwinden lässt. Zierden erklärte, wie der Magier seiner Meinung nach dabei vorgeht. Die Vögel würden eingeengt oder unsachgemäß fixiert, lautete der Vorwurf. Die Stadt Stuttgart hält dagegen: Das Video entspräche nicht der Wahrheit und sei wohl manipuliert.

Das Veterinäramt der Stadt Stuttgart hatte die Nummer vor Ort geprüft. Die amtlichen Kontrolleure ließen sich die Zauberdarbietung vollständig zeigen und erläutern. Ihr Ergebnis fiel eindeutig aus: Es konnten keine Stresssymptome bei den Tauben festgestellt werden. Aus amtstierärztlicher Sicht liege kein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vor; Schmerzen, Leiden oder Schäden seien nicht erkennbar oder zu befürchten. Die durch den Influencer verbreiteten Darstellungen entsprächen so nicht der Realität, hieß es.

Denkt der Zirkus an eine Klage gegen den Influencer?

Trotz dieser Entlastung zieht der Weltweihnachtscircus nun Konsequenzen. Der Druck aus den sozialen Medien sei wegen falscher Behauptungen enorm gewesen, erklärt Zirkuschef Dalien Cohen, der Schwiegersohn von Henk van der Meijden. Stopakov sei persönlich massiv angegangen worden. „Wir sind ein Familienbetrieb “, sagt Cohen, „mit solchen Beschimpfungen können wir nicht umgehen.“ Wenn Aktivisten den Betrieb belagerten und die Atmosphäre vergiftet sei, seien unbeschwerte Vorstellungen nicht mehr möglich. Am Donnerstag wird Stopakov erstmals nicht mehr auftreten.

Dalien Cohen unterstreicht: „Wichtig ist uns, dass die Stadt mit dem Veterinäramt bestätigt, man habe keinerlei Tierquälerei bei uns festgestellt, weder in der Vergangenheit, noch jetzt. Das Wohlsein von Tier und Mensch hat für uns höchste Priorität.“

Denkt der Zirkus an eine Klage gegen den Influencer wegen Geschäftsschädigung, auch weil Tierschützer nun einem Menschen, dem Magier, psychische Schmerzen zufügen? Man habe darüber nachgedacht, sagt Cohen, aber sehe davon ab. Man wolle nun die Vorstellungen in aller Ruhe vor dem jubelnden Publikum weiterspielen. Die Gruppe Animal Rebellion teilt unterdessen mit, sie habe aufgrund der neuen Entwicklung die für Freitag geplante Demonstration vor dem Zirkus abgesagt.