Im März 1944 macht sich eine Armada britischer Bomber auf, um Stuttgart anzugreifen. Eines der Flugzeuge wird bei Althütte abgeschossen. Ein Verein hat aufgearbeitet, was damals geschah.
Die Stelle am Waldrand beim Althüttener Weiler Gallenhof ist auf den ersten Blick unscheinbar. Erst bei genauerem Hinsehen offenbart sich, dass hier etwas anders ist: Die Erde ist dunkler als in der Umgebung, das Gehölz lichter. Wir befinden uns an der Absturzstelle eines britischen Bombers, der hier im Zweiten Weltkrieg zerschellte. An die Ereignisse von damals soll bald eine Informationstafel erinnern, die der Verein Heimatkultur Althütte auf den Weg gebracht hat.
Rückblende. In der Nacht vom 15. auf den 16. März 1944 macht sich vom britischen Luftwaffenstützpunkt Witchford aus eine Armada Richtung Südwestdeutschland auf. Schwere Lancaster- und Halifax-Bomber, neben ihrer tödlichen Bombenfracht bestückt mit Maschinengewehren und begleitet von Mosquito-Jagdbombern, bilden mit insgesamt 863 Maschinen die bis dahin größte Flotte für einen Angriff auf eine deutsche Stadt. Ihr Ziel: Stuttgart.
Fünf britische Flieger finden im Wrack den Tod
Der Angriff ist für die Royal Air Force kein wirklicher Erfolg. Mehrere Mosquitos, die mit ihren Leuchtbomben Ziele für die schwereren Bomber markieren sollen, werden von Flugabwehrfeuer und Nachtjägern abgedrängt. Zudem treibt der Wind die in der Luft schwebenden Leuchtmarkierungen ab. So kommt es, dass zwar auch die Stuttgarter Innenstadt getroffen wird, viele Maschinen ihre Ladung aus Spreng- und Brandbomben aber in der Umgebung abwerfen. Manche Bomben gehen auf freier Fläche nieder, andere landen in Orten auf den Fildern. Vor allem Vaihingen und Möhringen erwischt es. 88 Tote und rund 200 Verletzte gibt es am Boden, die britische Luftwaffe stuft den erzielten Schaden später als gering ein. Für die Menschen am Boden ist das ein schwacher Trost: „Es schien, als würde der Himmel brennen“, erinnert sich Jahre später eine Zeitzeugin im Gespräch mit unserer Redaktion an die Bombennacht.
Dramatische Szenen gab es an Bord des getroffenen Bombers
Auch in der Luft wird getötet und gestorben. Der Avro Lancaster-Bomber LL693, eine Maschine auf ihrem Jungfernflug, hat seine Bomben schon abgeworfen, als er gegen 23.40 Uhr getroffen wird – wohl von Salven eines deutschen Bf-110-Nachtjägers. Der viermotorige Bomber gerät ins Trudeln. An Bord spielen sich wohl dramatische Szenen ab, als die Besatzung – sieben Männer, die meisten sind erst um die 20 – versucht, dem fliegenden Wrack zu entkommen.
Eine der Ausstiegsluken klemmt, der Bombenschütze versucht verzweifelt, sie zu öffnen. Einer der Bordschützen gelangt erst mit Hilfe aus seiner engen Kanzel, dann hat er auch noch Probleme mit seinem Fallschirm. Nur zwei Besatzungsmitglieder schaffen den Ausstieg in den Nachthimmel, während rings um sie Flakgeschütze dröhnen, dazu das Brummen der abziehenden Bomberflotte. Das Schicksal von LL693 ereilt auch andere britische Flugzeuge. 37 aus dem Pulk kehren nicht zurück.
Nach dem Absturz werden zwei Besatzungsmitglieder gefangen genommen
Die meisten Crewmitglieder von Lancaster LL693 sterben: Der 21-jährige Pilot James Menzies Rodger findet in dem Wrack ebenso den Tod wie der Navigator Charles Baker, der Flugingenieur Nicholas Capstick, der Bombenschütze Ronald Werrett und der MG-Schütze Anthony Jory. Lediglich der Heckschütze Lawrence Casey und der Funker Reginald Favager retten sich per Fallschirm. Sie werden aufgegriffen und verbringen den Rest des Krieges als Kriegsgefangene in einem Lager in Niedersachsen.
Der Absturz der Maschine bleibt nicht unbemerkt. Ein damals 14-Jähriger aus Waldenweiler macht ein Foto des Wracks. Deutlich ist darauf zu sehen, wie die abstürzende Lancaster Bäume gekappt hat. Später strömen weitere Anwohner herbei und sehen, welche Teile sie verwenden können. „Aus den Gummiteilen wurden Schuhsohlen gemacht – und aus den gefundenen Fallschirmen Brautkleider“, sagt Rolf Rau vom Verein Heimatkultur Althütte.
Dass nun eine Tafel an das erinnern sollte, was vor 80 Jahren hier geschah, ist vor allem dem Vereinsmitglied Julie Faust zu verdanken. Sie betont: „Die Tafel soll nicht nur an diese sieben Menschen erinnern, sondern an alle, die in diesem Krieg gelitten haben.“ Die 71-Jährige Althüttenerin ist in Wales geboren und lebt seit längerer Zeit in Deutschland. „Ich habe gehört, dass hier damals ein Bomber abgestürzt ist, das hat mich bewegt“, sagt sie. Sie stellte Recherchen an und machte die Absturzstelle ausfindig.
Eine Tafel erinnert an den Absturz bei Althütte
Wobei „wieder ausfindig“ es eher trifft. Schon 2013 hatte Michael Casey, der Sohn eines Überlebenden, zusammen mit dem Markgröninger Hobbyhistoriker Jörg Mezger die Stelle erstmals entdeckt. Damals wurde ein kleines Schild angebracht – ein laminiertes A-4-Blatt, von dem nicht mehr allzu viel übrig ist. Dem Sohn Caseys war dies ein Anliegen: „Er hat seinen Vater nie kennengelernt. Lawrence Casey ist kurz nach seiner Geburt in Kanada ums Leben gekommen. Die Familie wollte dorthin ziehen.“
Es ist nicht die einzige doppelte Tragödie, die mit dem letzten Flug von LL693 verbunden ist. Der Bruder von Sergeant Favager, dem überlebenden Funker, flog im selben Bomberpulk mit. Im Gegensatz zu seinem Bruder kehrte er jedoch nie mehr zurück.
Aufstellung Die Gedenktafel wird am Samstag, 16. März, um 11 Uhr an der Absturzstelle aufgestellt. Diese befindet sich an der Hohensteinstraße beim Teilort Sechselberg, es wird auch eine kleine Zeremonie geben.