Am Kleinheppacher Kopf in Korb sind in den vergangenen Jahren knapp ein Drittel der Rebhänge gerodet worden. Wie geht es weiter? Foto: Stefan Jehle

Der Ausblick vom Kleinheppacher Kopf offenbart Lücken in den Weinbergen. Nun grasen Schafe in den Steillagen des Remstals, um Zeit zu gewinnen. Doch die Krise der Wengerter ist tiefer.

Er wirkt ein wenig trostlos, der Ausblick vom 440 Meter hohen Kleinheppacher Kopf. An klaren Tagen reicht der Blick bis zur Burg Teck oder hinüber zum Hohenstaufen, gut vierzig Kilometer entfernt. Doch wer von hier oben über die Rebhänge des Remstals schaut, erkennt weniger die Weite als eine Leerstelle: In den Wengerten, die sich wie Schuppen über die Hänge legen, klaffen Lücken. „Kulturbruch“, nennt das ein Sprecher des Weinbauverbands Württemberg. Ein hartes Wort für eine stille Veränderung.

 

Vom Hang aus fällt es stärker ins Auge als unten im Ort. Zahlreiche der kleinteiligen Flurstücke an einem der drei Korber Hausberge liegen brach. Knapp ein Drittel der einst bis zu 38 Hektar Weinbaufläche in Kleinheppach, einem Teilort von Korb, ist mittlerweile ungenutzt. Seit 2023 wurden viele Parzellen gerodet. Was hier geschieht, erinnert an einen Einschnitt, wie ihn die Region schon einmal erlebt hat: 1952 begann im benachbarten Fellbach die erste Flurbereinigung im Remstal, eine radikale Neuordnung der Weinberge. Damals galt sie als Fortschritt. Heute stellt sich die Frage, ob erneut ein Kahlschlag bevorsteht – diesmal schleichend.

Verlassene Rebflächen: Droht dem Remstal die Verwaldung?

An diesem kühlen Frühjahrstag wird sichtbar, was sich lange angekündigt hat. Barbara Singer, Jahrgang 1984, zuhause auf einem Weingut im benachbarten Stetten, kennt diese Hänge seit ihrer Kindheit. Trollinger, Kerner, Riesling – die klassischen Sorten des Remstals – prägten das Bild. Doch in den vergangenen Jahren wuchs ihr Unbehagen. Immer mehr Rebflächen, oft in mühsam zu bewirtschaftenden Steillagen, wirkten verlassen. Wenn niemand eingreife, würden sie verbuschen, sagt sie. Am Ende stünde dort Wald, wo seit Generationen Reben wuchsen.

Der Ortsvorsteher Gerhard Liebhard bedauert, dass zwischen den Reben immer mehr Lücken entstehen. Foto: Stefan Jehle

Auch Gerhard Liebhard hat die Veränderung früh bemerkt. Er ist tief verwurzelt in Kleinheppach, seit 2009 ehrenamtlicher Ortsvorsteher des rund 1750 Einwohner zählenden Ortes. Als Feldschütz, also als jemand, der ein Auge auf Felder und Flure hat, kennt er jede Parzelle. „Dass die Stückle nicht verkommen“, sagt er, sei ihm wichtig. Doch genau das droht vielerorts zu geschehen.

Seit dem vergangenen Sommer sind deshalb neue Bewohner in den Weinbergen zu sehen: Coburger Fuchsschafe, mit braun meliertem Fell, ziehen über die steilen Hänge am Kleinheppacher Kopf und im benachbarten Steinreinach, wo Singer ihren Betrieb führt. An diesem Tag grasen sie zwischen Rebstöcken, die kurz vor der Rodung stehen. Sie rupfen das frische Grün, halten die Flächen offen. Einige Tiere liegen wiederkäuend im Gras, Lämmer drängen sich zwischen den Reihen. Ein Bild von friedlicher Beharrlichkeit – und doch Ausdruck einer Krise.

Weinbauflächen schrumpfen: Bis 2030 drohen 20% Brachland

Denn die Zahlen sind eindeutig. Bis zu 20 Prozent der Weinbauflächen könnten bis 2030 brachfallen, prognostiziert der Weinbauverband Württemberg. Bundesweit kursieren sogar Schätzungen von bis zu 30 Prozent. Sinkender Weinkonsum, steigende Arbeitskosten, höhere Preise für Betriebsmittel – all das setzt die Betriebe unter Druck. Ende 2025 lag die Rebfläche in Württemberg bei 10 354 Hektar, zwei Jahre zuvor waren es noch über 11 000. Ein Rückgang, der sich beschleunigt.

Für Barbara Singer sind die Schafe deshalb vor allem eines: eine Übergangslösung. Gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet sie rund 15 Hektar Rebfläche. Die Tiere sollen Zeit verschaffen – Zeit, um zu entscheiden, was mit den brachliegenden Flächen geschieht. Aus dieser Idee heraus entstand die „IG Beweidung“, eine Interessengemeinschaft, initiiert von Singer und Liebhard. Sprecher ist Rudolf Willi, ein ehemaliger Mitarbeiter des Landratsamts, der sich seit Jahren für Naturschutzfragen engagiert. Unterstützt wird die Gruppe von Nachbarn, Freunden und anderen Mitstreitern.

Für den Schäfer Jochen Bacher hingegen ist die Entwicklung auch eine Chance. Foto: Stefan Jehle

Der Anstoß kam durch Zufall. Im Februar 2025 suchte der Schäfer Jochen Bacher per Anzeige bis zu 50 Hektar Weideland. Für die IG war das der Startschuss. Barbara Singer war schon für die tierischen Landschaftspfleger bei einem Praktikum in Neuseeland sensibilisiert worden, das sie vor rund 20 Jahren absolvierte bei dem aus Waiblingen ausgewanderten Kai Schuber in der Nähe von Wellington, in der Nordhälfte des Inselstaats. Schubert hatte einst wie Singer selbst – und dem eigenen Ehegatten – Weinwirtschaft studiert.

Nun fügte sich eins zum anderen. Gerhard Liebhard begann, die Flächen systematisch zu erfassen. Seit 2021 kartiert er Parzellen, ermittelt Eigentümer, spricht mit ihnen. Viele hatten ihre Grundstücke zuvor verpachtet, gaben sie aber wegen sinkender Erträge und steigender Kosten zurück. Manche wussten nicht, was sie mit dem Land anfangen sollten. Einige nahmen sogar in Kauf, die Rodung auf eigene Kosten durchführen zu lassen, nur um aus langfristigen Verträgen herauszukommen. Auch Singer und ihr Mann erhielten immer wieder Angebote für zusätzliche Flächen – ein Zeichen der Schieflage.

Preisdruck bedroht Existenz kleiner Wengerter im Remstal

Ein zentrales Problem sind die Preise. „30 bis 40 Cent pro Kilogramm Trauben“, sagt Singer, zahle die Genossenschaft seit Jahren. Kostendeckend wären eher 1,40 bis 1,50 Euro. Unter solchen Bedingungen wird jede Neuanlage zum Risiko: 50 000 bis 60 000 Euro kostet ein Hektar Weinberg. Für viele kleine Wengerter ist das nicht zu stemmen.

Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels. Manche Rebsorten gedeihen unter den veränderten Bedingungen nicht mehr. Die Lese beginnt inzwischen oft schon Anfang September statt Anfang Oktober. Der Rhythmus verschiebt sich, die Unsicherheit wächst.

Zwölf Hektar sind allein in Kleinheppach seit 2023 gerodet worden. Insgesamt gab es zuletzt rund 120 Hektar Weinberge an den drei Korber Hausbergen. Was davon bleibt, ist offen. Schon jetzt experimentieren einige Eigentümer mit Alternativen. Einer hat Gewächshäuser errichtet und baut Aprikosen an – offenbar besser kalkulierbar, vielleicht zukunftsträchtiger. Andernorts dienen die Flächen vor allem Spaziergängern mit Hunden.

Wer mit Singer und Liebhard spricht, spürt, wie sehr sie das Thema umtreibt. Früher, sagt Singer, habe es eine Art innere Verpflichtung gegeben, das eigene Stück Land zu bewirtschaften. „Das war in der DNA.“ Heute sprechen die ökonomischen Realitäten dagegen. Die Motivation schwindet.

„Wir schinden Zeit“: Zukunftsstiftung Remstal im Fokus

Der im Umgang mit Ämtern versierte Rudolf Willi legt den Blick der IG Beweidung auch auf eine Steigerung der Biodiversität sowie eine bessere regionale Vermarktung. Zudem setzt er große Erwartungen auf die neugegründete Zukunftsstiftung Remstal, die sich den Fragen des Klimawandels stellen will – und damit auch lokalen Umbrüchen im Weinbau. Doch auch er weiß, dass die Schafe keine dauerhafte Lösung sind. „Wir schinden Zeit“, sagt er – und klingt dabei nachdenklich.

Für den Schäfer Jochen Bacher hingegen ist die Entwicklung auch eine Chance. Aus zehn Tieren hat er seit 2021 drei Herden aufgebaut. Rund 300 Schafe grasen an diesem Tag oberhalb von Kleinheppach. Ihr Kot, sagt er, verbessere die Bodenqualität, fördere das Wachstum, steigere den Futterwert. Ein Kreislauf, der funktioniert – zumindest vorerst. Ob er ausreicht, die Kulturlandschaft zu bewahren, bleibt offen. Vom Kleinheppacher Kopf aus betrachtet wirkt der Wandel leise, beinahe unspektakulär. Und doch verändert er die Region grundlegend. Zwischen den Reben entstehen Lücken. Und in diesen Lücken entscheidet sich, wie die Zukunft des Remstals aussehen wird.