Die Familie übernimmt in schwierigen Zeiten die Führung bei dem Schokoladenhersteller aus Waldenbuch. Was dahinter steckt.
Bei Ritter Sport übernimmt die Familie – und das Interesse ist riesig. Interviewanfragen gibt es zuhauf an die neuen Chefs Moritz Ritter und Tim Hoppe, die Mitte Mai den langjährigen Firmenchef Andreas Ronken abgelöst haben und das Familienunternehmen als Doppelspitze führen.
„Die nächsten Monate werden sie noch keine Interviews geben, sondern sich erst mal um ihre Arbeit kümmern “, sagt Unternehmenssprecher Thomas Seeger. Kaum im Amt und dann öffentlich über Pläne und Strategien zu reden, ist ihre Sache nicht, intern soll es für die Beschäftigten dagegen Informationsveranstaltungen geben. Erst vor wenigen Wochen hatte das Familienunternehmen den ersten Stellenabbau in der 110-jährigen Geschichte angekündigt.
Dass die Familie in schlechten Zeiten, in denen es auch harte Wahrheiten gibt, präsent ist und direkt in die Verantwortung geht, soll ein starkes Signal an Kunden und Belegschaft aussenden. „Das ist ein klares Bekenntnis zum Unternehmen“, sagt Seeger.
Urenkel sind seit Jahren dem Unternehmen eng verbunden
Man habe aufgrund der herausfordernden wirtschaftlichen Situation ein Programm mit schmerzhaften Einschnitten auf den Weg gebracht. „Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden, selbst Verantwortung zu übernehmen“, sind sich Hoppe und Ritter einig, die Gesellschafter des Familienunternehmens sind und zuletzt den Beiratsvorsitz inne hatten.
Die Urenkel der Firmengründer sind dem Unternehmen schon seit Jahren eng verbunden. Moritz Ritter (47) ist seit 2009 in der Firma und arbeitete zuvor als Informatiker beim Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung in Karlsruhe. Er ist außerdem Beiratsvorsitzender der Ritter Solartechnik und der Ritter Energie. Sein Cousin Tim Hoppe (46) ist Diplom-Betriebswirt und seit 2011 im Familienunternehmen tätig. Seit 2017 ist er Geschäftsführer der Ritter Agrar und ist auch zuständig für die firmeneigene Kakaoplantage in Nicaragua und die Haselnussfarm in Frankreich.
Anfang 2025 hatten Marli Hoppe-Ritter und Alfred T. Ritter ihren Söhnen und damit der vierten Generation die Aufgaben als Mitglieder des Beirats übergeben. Nach ihrem Wechsel in die operative Geschäftsführung übernimmt nun Linda Dauriz den Beiratsvorsitz des Familienunternehmens. Sie gehört dem Gremium bereits an, hat über 20 Jahre Erfahrung in strategischen Führungspositionen in der Mode- und Konsumgüterbranche und war unter anderem Chefin bei Tiger of Sweden, einem skandinavischen Modehaus.
Es gebe Momente, in denen müsse man als Familie einstehen und ein Zeichen setzen, hatte Moritz Ritter vor vier Jahren in einem Interview auf die Frage gesagt, warum er einige Jahre operativ für Ritter Energie tätig war. Vor 2015 war er dort im Beirat, wechselte dann von 2015 bis 2020 in die operative Geschäftsführung und dann wieder in den Beirat von Ritter Energie. Selbst der beste Fremdmanager – mit kompletter Zustimmung des Beirats und Rückhalt der Familie – habe nicht so einen großen Hebel bei der Belegschaft und bei den Kunden wie ein Gesellschafter, hatte Moritz Ritter damals im Interview den Wechsel begründet. Das dürfte auch auf die jetzige Situation zutreffen.
Einvernehmliche Trennung und gegenseitige Wertschätzung
Die Trennung von Andreas Ronken, der seit 2015 Chef des Schokoladenherstellers aus Waldenbuch war, kam für viele überraschend, war aber „sehr einvernehmlich“, wie es im Unternehmen heißt. Auch dass das Verhältnis zwischen Ronken und der Familie sei von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Ein Beleg dafür findet sich auch in der Pressemitteilung zum Chefwechsel.
Andreas Ronken habe Ritter Sport in den letzten 20 Jahren maßgeblich geprägt und wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Unternehmens gesetzt, betonte Moritz Ritter. Dazu zählten unter anderem der Aufbau der firmeneigenen Kakaofarm in Nicaragua, die konsequente Internationalisierung, der Ausbau der Nachhaltigkeitsstrategie sowie zahlreiche Produktinnovationen. „Wir haben großen Respekt vor dieser Leistung in erfolgreichen wie in herausfordernden Zeiten und danken ihm für sein großes Engagement im Namen aller Gesellschafter“, ergänzte Tim Hoppe.
Als scheidender Chef kommt auch Ronken zu Wort, für den Ritter Sport „immer weit mehr als ein klassisches Familienunternehmen war.“ Der gebürtige Solinger, der bevorzugt bunte Sweatshirts mit dem Schriftzug Ritter Sport trägt, war 2005 als Geschäftsführer für Produktion und Technik zu dem Schokoladenhersteller gekommen und hat 2015 den Chefposten von Alfred T. Ritter übernommen. Der war in schwieriger Zeit auch einst vom Beirat in die operative Geschäftsführung gewechselt und gab den Chefposten wieder ab und wechselte wieder in den Beirat, als das Unternehmen wieder in ruhigerem Fahrwasser war.
Die neuen Ritter-Sport-Chefs haben mehrere Baustellen – sie müssen ein Sparprogramm mit schmerzhaften Einschnitten umsetzen. Jede zehnte Stelle in der Verwaltung soll gestrichen werden, zudem belasten hohe Rohstoffpreise, steigende Energie-, Verpackungs und Logistikkosten, mit denen freilich auch andere Schokoladenhersteller zu kämpfen haben. Dazu kommt, dass Verbraucher immer mehr auf den Preis schauen und nicht mehr so konsumfreudig sind. Zudem wittern Verbraucherschützer versteckte Preiserhöhungen bei der neuen Edelkakao-Line von Ritter Sport, mit deutlich leichteren Tafeln – 75 statt 100 Gramm.
Der Schokoladenhersteller war 2025 trotz deutlich mehr Umsatz – 712 Millionen nach 605 Millionen Euro im Jahr zuvor – in die roten Zahlen gerutscht. Neben dem Stammsitz Waldenbuch gibt es einen zweiten Produktionsstandort im österreichischen Breitenbrunn sowie Tochtergesellschaften im Ausland. Beschäftigt sind insgesamt rund 1700 Menschen. In Waldenbuch waren es zuletzt rund 1000 Menschen, davon gut 600 in der Verwaltung, wo rund 70 wegfallen sollen.