Seit Jahrzehnten gilt das Baden im Neckar als Tabu. Der Verein Neckarinsel will das ändern und sammelt Geld für eine sogenannte Badeampel. Die Stadt äußert sich jedoch skeptisch zu dem Vorhaben.
Auch wenn bei den aktuellen Herbsttemperaturen die meisten Stuttgarter wohl eher an ein Bad im Leuze denken: Beim Verein Neckarinsel dreht sich alles um die Frage, wie das Baden im Fluss in den nächsten Jahren Realität werden könnte. Die Gruppierung sensibilisiert am Ufer des Neckars für ihr Thema auf einer kleinen Grünfläche an der Haltestelle Mercedesstraße zwischen Bad Cannstatt und Rosensteinpark. „Wir wollen dem Neckar den Ekel nehmen“, formuliert es Sonja Schwarz vom Verein Neckarinsel. Während in vielen anderen Städten der Fluss zum zentralen Stadtgebiet zählt, versteckt er sich in Stuttgart meist hinter breiten Straßen und Gebüsch. Sonja Schwarz und ihre Mitstreiter wollen den Fluss stärker als Teil der Stadt erlebbar machen.
Aber warum im Sommer nicht die Badehose schnappen und ab in den Fluss? Ganz einfach: Das Baden ist hier seit Jahrzehnten verboten. Bislang darf der Verein lediglich ab und zu im Rahmen von Stand-up-Paddling-Aktionen aufs Wasser. Das Motto: Critical Nass. „Das Problem ist, dass die Wasserqualität sehr schwankend ist“, erklärt Simon Wiertz von der Neckarinsel. Bei Starkregen werde verdünntes Abwasser in den Neckar abgeleitet. Bei dieser Vorstellung wird das Baden nicht nur unappetitlich, es kann auch gefährlich werden. Das Problem sind dann Bakterien wie E. coli und Enterokokken, erklärt Wiertz.
Doch er und das Neckarinsel-Team gehen davon aus, dass es auch Tage gibt, an denen man im Stuttgarter Fluss durchaus ohne Bedenken baden könnte. Erste Wasserproben legten dies zumindest nahe. Verantwortlich für diese Analysen im Verein ist Tim Schaffarczik. Es wurde gemessen und geprüft, außerdem habe es erste kleine Forschungsarbeiten gegeben, sagt der Stuttgarter. Er sieht in der Neckarinsel auch ein Bildungs- und Ökologieprojekt. „Wir haben an 22 Tagen Analysen im Labor machen lassen. Davon lagen die Werte an 11 Tagen unterhalb der bedenklichen Grenze“, führt Schaffarczik aus. Allerdings habe es auch einzelne Tage gegeben, an denen man aufgrund der hohen Keimlast auf keinen Fall in den Fluss hätte gehen sollen.
Ein weiteres Problem: Bis die Werte aus dem Labor kommen, vergehen zwei Tage. Für einen möglichen Badealltag in der Stadt ist das hinderlich. Schon nach wenigen Tage könne sich die Qualität wieder ändern. Deshalb sammelt der Verein nun im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne Geld, um zu klären, ob man mithilfe eines Vorhersagesystems in der Lage wäre, die Wasserqualität anhand verschiedener Werte – etwa die des Wetters – vorherzusagen. Für die Analysen und eine erste Modellampel hat der Verein über das Crowdfunding bereits 6500 der benötigten 20 000 Euro gesammelt. „Die Daten könnten wir dann anhand einer Ampel in ein einfaches Bild übersetzen, das auch jedes Kind versteht“, sagt Schaffarczik. „Sie würde grün leuchten, wenn die Belastung unterhalb gewisser Grenzwerte liegt, und rot, wenn eine Gefahr vom Neckar ausgeht“, ergänzt Wiertz.
„Besorgniserregend schlechte Wasserqualität“
Während der Verein an der ein oder anderen Ecke des Neckars schon den Badespaß bei Hochsommertemperaturen sieht, denken Kritiker in Hinblick auf den Neckar eher an Industrieverunreinigung und die städtische Kloake. Die Stadt vertritt bislang eine klare und eher abwehrende Haltung. „Der Neckar führt eine besorgniserregend schlechte Wasserqualität und hat eine hohe Fäkalbelastung“, teilt ein Pressesprecher des Gesundheitsamtes mit. Die Idee einer Badeampel findet man auch bei der Stadt nicht grundsätzlich schlecht. So etwas könne sinnvoll sein, sagt der Sprecher. Die Auswertungen aus den vergangenen Jahren kämen allerdings zu dem Schluss, dass das Wasser grundsätzlich nicht zum Baden geeignet sei. „Eine Aufhebung der Rechtsverordnung ist aufgrund der unzureichenden Wasserqualität nicht absehbar“, teilt die Stadt mit.
Für die Neckarinsel ist die Debatte damit aber noch nicht beendet. „Es kommt darauf an, wie man die Grenzwerte berechnet und interpretiert und welche Konsequenzen man zieht“, sagt Schaffarczik. Mit der Stadt sei der Verein Neckarinsel im Gespräch, und man erhofft sich Bewegung in den kommenden Jahren. Es gehe nicht um Schnellschüsse, sondern um langfristige Pläne, machen die Vereinsvertreter deutlich. Simon Wiertz ist optimistisch, will sich aber nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: „Wenn alle an einem Strang ziehen würden, dann könnte das Baden schon in den nächsten Jahren möglich werden.“