Verdi fordert mehr Gehalt im Einzelhandel und hat am Brückentag zu Warnstreiks aufgerufen. Wie hat sich das im Breuningerland oder Ikea ausgewirkt?
Die Menschenschlange ist lang. Im Ikea Sindelfingen reihen sich Einkaufswagen an Einkaufswagen. Sowohl hinter den Kassen als auch von dort zu den Aufzügen stehen sich Kunden die Beine in den Bauch. Den Brückentag nutzen viele Menschen, um shoppen zu gehen – doch das Personal ist dünn besetzt an diesem Tag. „Wir sind weniger als sonst, auf jeden Fall“, sagt eine Mitarbeiterin im gelben Ikea-T-Shirt, die den Kunden beim Scannen an der Kasse behilflich ist.
Der Grund für den Personalmangel: Die Gewerkschaft Verdi hat für Freitag in mehreren Städten und Regionen in Baden-Württemberg zu ganztägigen Warnstreiks im Einzel- und Versandhandel aufgerufen. Geschlossen hat keines der bestreikten Geschäfte, „aber wir gehen von massiven Behinderungen aus“, sagt der Verdi-Gewerkschaftssekretär Konstantinos Grammatikopoulos. Kunden müssten mit langen Kassenschlangen rechnen, mit nicht aufgefüllten Waren in den Regalen oder mit fehlendem Beratungspersonal.
Neben der Ikea-Filiale in Sindelfingen sind im Landkreis Böblingen laut Verdi drei weitere Geschäfte von dem Warnstreik betroffen: Die H&M-Filialen in den Mercaden in Böblingen sowie im Breuningerland in Sindelfingen werden bestreikt, ebenso Kaufland an der Schwertstraße in Sindelfingen.
Große Shoppinglaune am Brückentag
Am Haupteingang von Ikea steht ein Schild, das auf den Streik hinweist und die Kunden um Verständnis bittet: „Heute ist nur Kartenzahlung möglich. Unser Einrichtungshaus wird bestreikt, ist aber für dich geöffnet.“ Eine Frau bleibt an dem Schild stehen und sagt zu ihrer Begleitung: „Hä? Da ist heute Streik? Warum machen die das?“ Kunden, die das Möbelhaus verlassen, bestätigen, dass weniger Ikea-Mitarbeiter als sonst zu finden gewesen seien, um zu beraten.
Beim Supermarkt Kaufland in Sindelfingen ist am Tag zwischen Feiertag und Wochenende ebenfalls viel los, der Parkplatz vollgeparkt. Eine Kundin kommt zur Infotheke und fragt, ob sie ihre zwei Produkte ausnahmsweise dort bezahlen dürfe, die Warteschlange an der Kasse sei ihr zu lang. Die Mitarbeiterin verneint, bezahlt werden könne nur regulär an der Kasse. Sie streckt der Kundin ein Info-Schild entgegen und sagt: „Wir werden heute bestreikt.“ Gegenüber der Presse erklärt sie, dass die Warteschlangen normal seien, da aufgrund des Brückentags besonders viel los sei. Kollegen von anderen Kaufland-Filialen würden extra in Sindelfingen aushelfen.
Beim Bekleidungsgeschäft H&M in den Mercaden in Böblingen weist nichts darauf hin, dass dort gestreikt wird. Mehrere Kassen sind besetzt, die Warteschlangen überschaubar. Anders sieht es bei H&M im Breuningerland in Sindelfingen aus. „Hier ist ja die Hölle los“, sagt eine Kundin genervt und reiht sich in eine der langen Warteschlangen. Ob sich viel Personal an dem Streik beteiligt, möchte eine Verkäuferin gegenüber der Presse nicht sagen.
Warum wird im Einzelhandel gestreikt?
Hintergrund des Streiks ist nach Angaben der Gewerkschaft der aktuelle Stand der laufenden Tarifrunde, bei der Löhne und Gehälter für die rund 500 000 Beschäftigten im Einzel- und Versandhandel Baden-Württemberg erhöht werden sollen. Verdi fordert unter anderem eine Lohnerhöhung um 300 Euro sowie eine Anhebung der Ausbildungsvergütungen um 150 Euro bei einer Laufzeit von zwölf Monaten.