Können angesichts des Ergebnisses noch lachen (von li.): Dritte Präsidentin des Nationalrates, Doris Bures, Wahlkampfmanagerin Barbara Novak, Bürgermeister Michael Ludwig, Stadtrat Peter Hacker und Klubchef Josef Taucher (alle SPÖ). Foto: Helmut Fohringer/APA/dpa

Zwischen Horrorbild und der lebenswertesten Stadt der ganzen Welt – bei der Parlamentswahl im vergangenen Herbst hatte die rechte FPÖ gewonnen. Nun wählte die Hauptstadt Österreichs einen neuen Landtag. Das Ergebnis zeigt: Wien tickt ganz anders.

Glaubte man der extrem rechten FPÖ im Wahlkampf um die Macht in Wien, so ist die österreichische Hauptstadt zu einer Horror-Metropole verkommen. Überall explodiert die Ausländerkriminalität, von Osten her fielen die Fremden ein und plünderten die Sozialkassen. Männer mit Messern würden massenhaft Frauen ermorden, der Islam sich mehr und mehr ausbreiten, der „ursprüngliche“ Österreicher zur seltenen Spezies. Die Grundschulen stünden vor dem Ruin, kaum ein Kind beherrschte mehr Deutsch. So posaunten es der Wiener FPÖ-Spitzenkandidat Dominik Nepp und auch mit großem Einsatz der Parteivorsitzende Herbert Kickl hinaus auf den Plätzen der Donau-Metropole.

 

Das britische Magazin „Economist“ hat dagegen Wien im vergangenen Jahr zur „lebenswertesten Stadt“ weltweit gekürt – nicht zum ersten Mal. Wien erhält das Prädikat regelmäßig, die Stadt zeichne sich durch „hohe Lebensqualität“ aus, so die Journalisten, durch gute Infrastruktur, ein „ausgezeichnetes“ Gesundheitssystem, hochwertige Bildungsangebote und viel Kultur. Wien sei eine „sichere und stabile Stadt“. Es scheint, als sei von zwei Metropolen aus unterschiedlichen Welten die Rede.

Ganz Österreich schaut nach Wien

Am Sonntag nun hat hat Wien seinen Gemeinderat gewählt, der zugleich das Landesparlament ist – und es war nicht nur eine Wahl darüber, wie zufrieden die Wiener mit ihrer Stadt sind. Ganz Österreich blickte nach dem starken Ergebnis der FPÖ bei der Parlamentswahl und der zähen Koalitionsbildung auf die Hauptstadt – die die traditionell dominierenden Sozialdemokraten der der SPÖ erneut an die Spitze wählte, wenn auch mit einem leichten Verlust gegenüber dem Ergebnis von vor fünf Jahren. Drastisch abgestraft wurde die konservative ÖVP, die ihr Ergebnis halbierte und einstellig wurde (9,8 Prozent). Und die FPÖ, die alles anders machen will in Wien? Ist auf 20,8 Prozent emporgeschnellt – vor fünf Jahren waren es nur sieben, allerdings lag die Partei da wegen der Ibiza-Korruptionsaffäre am Boden, vor zehn Jahren hatten die Rechten noch mehr als 30 Prozent.

Nun beginnen die Koalitionsgespräche, die Stadt dürfte aber wohl wie bisher von einem Bündnis aus SPD und den „pinken“ Neos regiert werden. Bürgermeister bleibt der 61-jährige Michael Ludwig – ein klassisch-robuster sozialdemokratischer Macher-Typ.

Eine Überraschung ist das nicht, Wien mit seinen zwei Millionen Einwohnern war schon immer rot. Seit Kriegsende stellt die SPÖ hier stets den Bürgermeister und führt die Regierung an. Teils erreichte die Partei bei Wahlen 60 Prozent. Auch Wien ist inzwischen zwar nur noch hellrot gefärbt, im Rest Österreichs befinden sich die Sozialdemokraten aber ebenso wie in Deutschland und anderen Ländern Europas im freien Fall.

Erkenntnisse zum Roten-Wien-Phänomen bringt der Besuch in einem Grätzl, einem Wohnquartier also, kleiner als eine offizielle Einheit wie ein Stadtviertel. Jedes Grätzl erhält seine Identität von den Bewohnern – am nächsten kommt dem wohl der Berliner Kiez. So ist es auch im Reumannhof, ein Gemeindebau im fünften Bezirk Margareten, einst Arbeiterviertel, heute Multikulti. Knapp 500 Wohnungen bietet er, entstanden in den 1920er-Jahren, Eigentümerin ist die Stadt Wien – wie bei einem Drittel der Wiener Mietwohnungen. Die Mieten sind günstig, es leben aber auch Normalverdiener hier. Auch diese günstigen Wohnpreise tragen dazu bei, dass Wien als so lebenswert eingestuft wird.

Im Reumannhof leben zwei Rentner, beide Witwer, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, aber gern Auskunft geben. Sie sind im Grätzl vernetzt. Man kennt sich, trifft sich im Gemeinschaftsraum oder auf den Bänken im Hof. Im Grätzl, so hat es den Anschein, achtet man auf die Nachbarschaft – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr. Man hält ein Schwätzchen und lacht mit der „Hausbesorgerin“, die weit mehr ist als eine Hausmeisterin. Die städtischen „Wiener Wohnen“ nennen sie „die gute Seele in unseren Gemeindebauten“. Dass hier mehrheitlich rot gewählt wird, ist selbstverständlich.

In Feierlaune: FPÖ-Politiker Dominik Nepp (li.), Parteichef Herbert Kickl. Foto: Helmut Fohringer/APA/dpa

Die 80-jährige rote Dominanz birgt die Gefahr der Spezlwirtschaft, also der Vetternwirtschaft. Wesentliche Posten der städtischen Behörden oder Betriebe sind parteipolitisch besetzt. Bei den Roten, aber auch bei anderen, kommt es immer wieder zu Affären und Affärchen. So besitzen auffällig viele Genossen Kleingärten, für die sonst Wartezeiten von bis zu 70 Jahren bestehen. Manche hatten sich auch in eine Anlage eingekauft, die kurz darauf zu Bauland wurde. Die Grünen wetterten gegen den „roten Kleingarten-Sumpf“.

Dass die Migration – das einzige FPÖ-Thema – Probleme mit sich bringt, bestreitet niemand. Doch außer der Rechts-Partei will auch niemand Zugezogene staatlich diskriminieren. Die FPÖ verlangt, Sozialleistungen nur an „richtige“ Österreicher zu zahlen.

Der Bezirk Favoriten als Problemfall

Der Bezirk Favoriten wird regelmäßig als größter Problemfall dargestellt – immer dann, wenn dort ein Gewaltverbrechen geschieht. Der Migrantenanteil ist hoch, Wohnblöcke bestimmen das Bild. Doch ein junger Konservativer wie der 35-jährige Nico Marchetti, seit kurzem Bundesgeneralsekretär der ÖVP, sagte dieser Zeitung: „Ich komme aus Favoriten, lebe in Favoriten und mag Favoriten.“

Auch in Wien gibt es 20 Prozent FPÖ-Wähler. Schaut man sich das Gesamtergebnis aber mit Blick auf die Bundespolitik an, lässt sich sagen: Die neue Regierung aus ÖVP, SPÖ und den Neos kommt gar nicht so schlecht weg. Mit einer Ausnahme, der ÖVP. Bayerns CSU-Chef Markus Söder warnte die Union in Deutschland kürzlich, dass die AfD sie „zerstören“ wolle. In Österreich ist das voll im Gange: Die Konservativen verlieren auf drastische Weise an die FPÖ.

Die beiden aktiven älteren Herren im Grätzl vom Reumannhof sagen: „Wir lieben unser Wien.“ Sie waren ganz normale Beschäftige, jetzt schreibt der eine Erzählungen, der andere fertigt Kunstwerke. Für sie ist klar: „Aus unseren Wohnungen ziehen wir nur im Sarg aus.“