Er hat sich zu einem Wahrzeichen der etwas anderen Stadt entwickelt. Über Degerloch thront der Fernsehturm, über den Stuttgarter Wagenhallen die Pylonia. Eigentlich sollte der 56 Meter hohe Turm der Interimsoper weichen. Gibt es nun eine Wende?
Er ist ihm ans Herz gewachsen, sein Turm namens Pylonia. In Belgien hat er den Strommast einst abgebaut, zerlegt, alles nummeriert und „wie ein Puzzle“ in Stuttgart in zwei Jahren Arbeit wieder zusammengesetzt. 2017 stand er dann in voller 56 Meter hoher Schönheit vor den Wagenhallen, produzierte per Solarzellen „Kunststrom“ und bot im Container im ersten Stock Platz für Ateliers und Veranstaltungen.
Stuttgarts ehemaliger OB Fritz Kuhn hat sich in Wendels Büchlein zum Projekt Pylonia mit folgenden Worten zitieren lassen: „Ich halte es für eine besonders wichtige Aufgabe meiner Politik, solche Freiräume zu schaffen und zu schützen.“ Er meinte die Wagenhallen und Raum drum herum, den die Macher als Kulturschutzgebiet definierten.
Einsam in der Brache
Beim Wettbewerb hat sich der Entwurf von a+r Architekten GmbH, Stuttgart und NL Architects aus Amsterdam durchgesetzt. Und was ist darauf zu sehen neben der Interimsoper? Der Turm Pylonia. „Da ist er integriert“, sagt Wendel, „aber das scheint man offenbar vergessen zu haben.“ Um daran zu erinnern, ist er aus Brandenburg wieder mal nach Stuttgart gekommen. Bei Luckenwalde lebt er mittlerweile mit seiner Familie und betreibt in einem Braunkohlekraftwerk die Firma Performance Electrics. Mit Holzschnitzeln erzeugt er Strom und beliefert 300 Haushalte. Damit finanziert er die Ateliers für die Künstler, die in dem Kraftwerk arbeiten.
Als Tonkrieger in des Kaisers Armee
Vor Herausforderungen ist er nie zurückgeschreckt. In Stuttgart hat er mittels eines Riesendynamos eine Kirchturmuhr angezapft, in London studierte er am London College of Art, besetzte nahe der Hochschule einen leeren Fish-and-Chips-Stand und konstruierte zwischen dem Notausgang der Kunstakademie und der Frittenbude eine Treppe aus Abfallholz. Die jedoch verstieß gegen die Sicherheitsvorschriften, fand die Kunsthochschule und riss sein Werk ab. Mit 26 machte er weltweit Schlagzeilen, als er sich als Tonkrieger in die Terrakotta-Armee in Xi’an, China, schmuggelte. Er hatte sich aus einem Panzerhemd eine Kutte gemacht, den Hut aus Modelliermasse geformt und für die Schuhe alte Autoreifen sowie Fahrradschläuche verwendet. Damals wurde er sechs Stunden verhört, dann freigelassen.
Wie geht es weiter?
Konfrontation scheut Pablo Wendel also nicht. Und so hat er seine Argumente gegenüber der Stadt deutlich gemacht. „Kunst bewegt, aber man darf Kunst auch bewegen“, sagt er, „der Turm ist versetzbar, man braucht einfach ein neues Fundament.“ Und dann könnte er einen neuen Platz vor der Interimsoper finden. Und womöglich gibt es auch Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der Oper, sinniert er. Von der Stadt hat er in letzter Minute das Signal erhalten, dass erst mal nicht abgerissen wird. Aus der Verwaltung heißt es: „Wir sind im Austausch mit dem Künstler und suchen nach einer konstruktiven Lösung.“
Zeit dafür hat man eigentlich. Denn erst einmal wird es einen Kahlschnitt geben, das Gelände wird eingezäunt, und es werden Eidechsen gezählt und vergrämt. Und dabei stört der Turm nicht.