In die Modernisierung des Audi-Werks in Neckarsulm sind zuletzt Millionenbeträge geflossen. Foto: Werner Kuhnle

Der VW-Konzern, zu dem auch Porsche gehört, leidet unter Überkapazitäten. Ein internes Papier stellt jetzt offen das Audi-Werk in Neckarsulm in Frage. Der Betriebsrat beschwichtigt.

Steht nach mehr als 100 Jahren der Automobilbau in Neckarsulm auf der Kippe? Ein 160 Seiten starkes Strategiepapier, das am Montag den 20 Mitgliedern des VW-Aufsichtsrats vorgestellt worden ist, verordnet dem Konzern einen dramatischen Schrumpfungskurs. Dabei stehen nach Informationen des „Handelsblatts“ erstmals auch deutsche Werke bei Europas größtem Autobauer zur Disposition. Neben den VW-Werken in Emden und Zwickau und dem Nutzfahrzeugwerk in Hannover wird überraschend auch das Audi-Werk in Neckarsulm genannt.

 

Noch ist nichts entschieden. Doch in dem von Konzernchef Oliver Blume mit Unterstützung der Boston Consulting Group erarbeiteten Papier werde den vier Standorten „strukturelle Schwächen“ attestiert, zitiert das „Handelsblatt“. Hintergrund sind offenbar die anhaltenden Überkapazitäten im VW-Konzern. Demnach setzt die Gruppe gegenwärtig weltweit neun Millionen Fahrzeuge im Jahr ab. Ausgelegt sind die rund 100 Standorte zusammengenommen aber für rund zehn Millionen Autos. „Überkapazitäten sind für unser Unternehmen langfristig nicht tragfähig“, sagte Blume dem „Manager Magazin“.

Bisher steht der Audi-Vorstand zu Neckarsulm

Unter den 15 000 Audi-Mitarbeitern in Neckarsulm und am Standort Böllinger Höfe in Heilbronn sorgen die Ankündigungen für Verunsicherung. „Angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage mit Kriegen, hohen Energiekosten und einer ohnehin wachsenden Verunsicherung in der Gesellschaft tragen zusätzliche Gerüchte über Werksschließungen nur dazu bei, Ängste anzuheizen“, sagte der Arbeitnehmervertreter Alexander Reinhart unserer Zeitung. „Das ist aus unserer Sicht unnötig und verantwortungslos, gerade gegenüber der Belegschaft in Neckarsulm.“

Noch wird die Luxuslimousine Audi A8 in Neckarsulm produziert, doch die aktuelle Generation läuft aus. Foto: imago/Sven Simon

Reinhart rückt zum 1. Mai zum Betriebsratschef in Neckarsulm auf. Er verweist auf die bereits laufende Konsolidierung inklusive Beschäftigungsgarantie und versucht, die Belegschaft zu beruhigen. „Fakt ist: Es gibt eine gültige Zukunftsvereinbarung, in der Investitionen in die Zukunft der beiden deutschen Audi-Standorte fest verankert sind.“ Bisher habe sich der Audi-Vorstand in Ingolstadt auch klar zu Neckarsulm „als wichtigem und zukunftsfähigem Bestandteil des Unternehmens“ bekannt. Es gebe bisher keinen Grund, „mit der Fahne rauszugehen“, sagte ein Betriebsratssprecher.

Welches Elektromodell kommt nach Neckarsulm?

Eigentlich zählt der Standort Neckarsulm nach zuletzt hohen Investitionen zu den modernsten im gesamten VW-Konzern. Eine der fortschrittlichsten Lackierereien der Branche steht hier, in der neuen Montagehalle können Verbrenner und E-Autos auf einer Linie gefertigt werden. Auch die Kostenstruktur gilt im Konzernvergleich als gut, auch wenn Zahlen nicht veröffentlicht werden.

Aktuell profitiert Neckarsulm von der starken Nachfrage nach den Verbrenner-Modellen A5 und A6, die hier gefertigt werden. Nach etlichen schwachen Jahren sei das Werk wieder deutlich besser ausgelastet, sagte ein Betriebsratssprecher. 2025 wurden fast 50 000 Fahrzeuge mehr gebaut als im Vorjahr. Doch genau hier liegt das Problem: die Zukunft ist elektrisch. Und noch fehlt die Zusage, welches volumenstarke Elektromodell künftig in Neckarsulm vom Band laufen wird. Denkbar ist inzwischen sogar, dass ein Modell einer anderen Konzernmarke nach Neckarsulm kommt.

„Es gibt intelligentere Lösung, als ein Werk zu schließen“, hatte Blume bisher immer betont. Doch laut „Handelsblatt“ steht er unter massivem Druck der wichtigsten Eigentümerfamilien Piëch und Porsche, die endlich Taten sehen wollen. Auf der anderen Seite steht das Land Niedersachsen als Großaktionär, das Werkschließungen in Deutschland verhindern will. Der Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) spekulierte jüngst darüber, dass notfalls auch chinesische Hersteller Produktionskapazitäten übernehmen könnten. Es wäre kein Novum. Am Bosch-Standort in Schwäbisch Gmünd geht demnächst eine chinesische Roboterfabrik an den Start.