Die Polizei nimmt in Gerlingen einen Tatverdächtigen fest. Foto: SDMG/Schulz

Am Mittwochabend hat sich der Bezirksbeirat in Weilimdorf mit den Schüssen vom Samstag befasst. Die Polizei hat dabei Details erzählt – und musste sich Fragen stellen.

Es ist keine gewöhnliche Sitzung, zu der sich der Bezirksbeirat Weilimdorf am Mittwochabend trifft. Außerhalb der Tagesordnung beginnt sie mit einem aktuellen Punkt, der kurzfristig angesetzt worden ist: den Schüssen auf dem Spielplatz „Beim Esel“ am vergangenen Samstag. Bezirksvorsteher Julian Schahl hat Polizei und mobile Jugendarbeit eingeladen, um zu berichten. „Es ist wichtig, Transparenz zu schaffen und Sorgen und Ängste ernst zu nehmen“, sagt er auch in Richtung der gut gefüllten Zuschauerplätze.

 

Und was die Besucherinnen und Besucher da erfahren, geht weit über das hinaus, was bisher öffentlich bekannt geworden ist. Alexander Schmidt-Rüdt, stellvertretender Leiter des Polizeireviers in Stuttgart-Feuerbach, berichtet detailliert über das, was bisher feststeht. Auf dem Spielplatz seien am vergangenen Samstag gegen 22.45 Uhr zwei Gruppen aufeinander getroffen. „Sie bestanden aus bis zu 15 Personen, teils vermummt. Es wurden mehrere Schüsse aus Schreckschusswaffen und einer scharfen Waffe abgegeben“, sagt er.

Ein dritter Tatverdächtiger?

Dabei hat ein 16-Jähriger einen Bauchdurchschuss erlitten. Der Jugendliche ist dabei schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt worden. Er wurde wenig später in Begleitung einer weiteren Person am Nordbahnhof gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Ermittelt wird wegen eines versuchten Tötungsdelikts.

Dabei hat die Polizei schnell einen Erfolg verzeichnet. Spezialkräfte haben bereits in der Nacht auf Montag in Gerlingen und Feuerbach zwei junge Männer im Alter von 16 und 18 Jahren festgenommen. Der Jüngere kam in Untersuchungshaft. Wie sich auf der Bezirksbeiratssitzung herausstellt, ist aber inzwischen offenbar ein weiterer junger Mann in den Blick der Ermittler geraten. Er kommt aus Weilimdorf. Man habe zahlreiche Videos bekommen, die man auswerte, so Schmidt-Rüdt. Über die Motivlage wisse man bisher noch nichts.

Allerdings haben die Ermittler offenbar den Ärger mancher Anwohner zu spüren bekommen. „Bei der Nachbarschaftsbefragung gab es Unmut gegenüber der Polizei“, so Schmidt-Rüdt. Im Umfeld des Spielplatzes sehen manche schon länger einen Brennpunkt. „Wir nehmen diese Ängste ernst“, so Schmidt-Rüdt. In den vergangenen Tagen habe die Polizei dort regelmäßig Präsenz gezeigt, sowohl tagsüber als auch abends. Bei den Kontrollen habe man zwei Platzverweise erteilt und ein Messer sichergestellt.

Schmidt-Rüdt sagt: „Die Tat war nicht vorhersehbar.“ Er betont erneut, die Polizei sehe an dem Spielplatz keinen Brennpunkt – und bringt Zahlen mit. Die allerdings stoßen in Teilen des Publikums auf Erstaunen. Seit Jahresbeginn verzeichnet die Polizei auf dem Spielplatz 23 Vorfälle, darunter acht Straftaten. Dazu kommt eine Bedrohung mit einer Schusswaffe nur wenige Hundert Meter entfernt eine Woche vor der Schießerei.

Was ist ein Brennpunkt?

Wie hoch die Zahlen denn noch sein müssten, um einen Brennpunkt zu sehen, kommt mehrmals als Anmerkung von Mitgliedern des Bezirksbeirats und von Zuschauern. „Das hat sich dort über Jahre entwickelt“, heißt es etwa. Eine Anwohnerin verliest gar eine Stellungnahme, spricht unter Beifall von „rivalisierenden Banden“ und Anrufen bei der Polizei, die dort abgetan würden.

Es gibt allerdings auch andere Stimmen. Mehrfach ist davon die Rede, dass man unterscheiden müsse zwischen normalen Jugendlichen und gewaltbereiten Gruppen. Es müsse Treffpunkte für junge Leute geben. Ein Anwohner sagt, er fühle sich sicher, und wirbt für Differenzierung.

Auf dem Spielplatz „Beim Esel“ sind aus mehreren Waffen Schüsse abgegeben worden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Auch die Vertreter der mobilen Jugendarbeit betonen, man habe die Schießerei nicht kommen sehen. „Wir hatten bisher nicht den Eindruck, dass es auf dem Spielplatz besonders aggressiv zugeht“, sagt Sozialarbeiter Oliver Wieland. Man sei dort häufig auch abends unterwegs, allerdings nicht am Wochenende. „Dort treffen sich gerne junge Menschen, oft verschiedene Gruppen nebeneinander.“ Nicht alle, die sich dort aufhalten, seien kriminell.

Wieland berichtet, dass es auch unter den Jugendlichen selbst wegen der Schießerei große Sorgen gebe: „Es herrscht allgemeines Unverständnis und gibt Gesprächsbedarf“, sagt er. Deshalb werde auch die mobile Jugendarbeit verstärkt auf der Straße unterwegs sein. Damit habe man bereits begonnen.

In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass es zumindest für eine bessere Beleuchtung des Spielplatzes viele Fürsprecher gibt. Eine Verdrängung der Jugendlichen, gar ein Sicherheitsdienst? Das ist umstritten. Denn dann würden sich die Probleme wohl nur verlagern.