Gänsehautmomente begeistern die Sängerin Kerstin Ott auf der Bühne – demnächst auch auf der Esslinger Burg. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone

Mit ihrem Song „Die immer lacht“, den sie am Küchentisch für eine kranke Freundin geschrieben hatte, landete die Sängerin Kerstin Ott einen Superhit. Vor ihrem Auftritt am 21. Juli auf der Esslinger Burg plaudert sie im Interview aus dem Nähkästchen.

Mit ihrem Mix aus Pop, Schlager, Folk und Dance zählt Kerstin Ott zu den beliebtesten und erfolgreichsten Künstlerinnen im deutschsprachigen Raum. Live überzeugt die Singer-Songwriterin ihr Publikum vor allem mit ihren überaus authentischen Auftritten. Offen gesteht die 42-Jährige, die am 21. Juli auf der Esslinger Burg gastiert, dass sie auf der Bühne durchaus immer mal wieder von Lampenfieber geplagt wird.

 

Wie fühlt sich der Moment an, kurz bevor Sie auf die Bühne gehen?

Ich bin meist vor dem Auftritt sehr konzentriert. Manchmal gehe ich die Texte noch einmal durch. Ich will dann auch keine Gespräche mehr führen. Ich brauche Ruhe, um nicht abgelenkt zu sein, wenn ich gleich rausgehe.

Sind Sie kurz vor dem Auftritt positiv gespannt oder auch mal nervös?

Es ist abhängig von meiner Tagesform, ob ich Lampenfieber habe oder nicht. Manchmal bin ich völlig entspannt, manchmal habe ich Herzrasen. Das weiß ich vorher nie, und das kann ich auch nicht beeinflussen. Ich weiß auch nicht, womit das zusammenhängt oder was die Ursache dafür ist. Entweder kommt das mit Macht, oder es bleibt mir erspart.

Lässt diese Anspannung dann auf der Bühne nach?

Meistens ist das Lampenfieber im Laufe des ersten Songs weg. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass es sich während des Auftritts erst richtig aufgebaut hat. Das sind Momente, die ich nicht genießen kann. Das ist sehr destruktiv, ich fange an zu zittern. Aber ich bin in dieser Situation dann auch so ehrlich und sage dem Publikum, dass ich gerade sehr aufgeregt bin. Das hilft meistens, dann wird es besser. Vermutlich, weil ich mir in dem Moment klargemacht habe: Das Publikum weiß jetzt Bescheid, worum es geht. Die Leute wissen, dass ich aufgeregt bin und dass ich das nicht auf die leichte Schulter nehme.

Kann der Blick ins Publikum auch verunsichern und Angst machen?

Ja, das gebe ich gerne zu, das kann durchaus einschüchternd wirken. Vor allem an Tagen, an denen man mal nicht als Rampensau unterwegs ist. Aber meine Taktik ist völlige Offenheit. Ich gebe offen zu, dass mich das schreckt. Ich habe bis jetzt damit gute Erfahrungen gemacht. Es kommt positiv rüber, dass ich mich nicht verstecken möchte.

Treten Sie lieber im großen Stadion oder im kleinen Club auf?

In der Mercedes-Benz-Arena in Berlin habe ich vor 8000 Leuten gesungen. Das ist einfach wahnsinnig. Da muss ich mich heute noch manchmal kneifen, dass ich das glauben kann. Es ist leichter, je mehr Leute da sind. Je kleiner die Location ist, desto privater ist es auch, desto direkter gucken einem die Leute ins Gesicht. Darauf muss man sich einstellen. Da kann man weniger überspielen, zum Beispiel die Nervosität. Das ist in großen Hallen ein bisschen leichter.

Aber die Menschen sind Ihre Fans, die alle kommen, um Sie zu erleben . . .

Ja, aber dessen ist man sich in diesem Moment der Unsicherheit auf der Bühne nicht bewusst. Man möchte all diesen Leuten ja unbedingt eine schöne Zeit bereiten, und dann wächst eben manchmal die Angst vor einem Texthänger oder einem Blackout.

Ist das Publikum jedes Mal anders?

Es ist an jedem Tag, bei jedem Konzert und in jeder Location unterschiedlich. Vielleicht braucht man bei manchen Konzerten in Norddeutschland mal ein bisschen länger, um das Publikum zu knacken, aber dann geben die Leute auch Vollgas. Genau das sind die Momente, die ich nicht missen möchte.

Sie sind in diesem Sommer auf Festivaltour unterwegs – was bedeutet Open-Air für eine Sängerin?

Open-Air-Auftritte sind für mich verbunden mit Leichtigkeit und Sonnenschein. Die Menschen sind draußen, sie können gemeinsam der Musik lauschen, zusammen feiern und Spaß haben, den Alltagstrott vergessen, sich ihren Gefühlen hingeben, gemeinsam singen, tanzen und jeden Moment genießen. Das ist immer eine schöne, sehr emotionale Geschichte.

Und wenn Sie einen Regentag erwischen?

Ich hatte das schon ein- oder zweimal, dass es beim Auftritt richtig doll geregnet hat. Witzigerweise beflügelt das manchmal sogar: Man ist klitschnass, und dann ist eh schon alles egal, dann kann das auch richtig Spaß machen. Aber manchmal ist so ein fieser leichter Nieselregen auch einfach nur eine Herausforderung für die Leute im Publikum. Ich kann nachvollziehen, dass da keiner richtig Bock drauf hat und dass dann auch die Regenschirme aufgespannt werden.

Während eines abendlichen Konzerts bricht die Dämmerung herein, das Licht und die Stimmung verändern sich. Nehmen Sie das auf der Bühne wahr?

Ja, auf jeden Fall. Wenn die Sonne untergeht, gehen die Bühnenlichter an, das ist jedes Mal ein ganz besonderer Moment. Das macht etwas mit den Menschen auf und vor der Bühne. Das sorgt immer wieder für Gänsehaut.

Wie viel nehmen Sie während des Konzerts überhaupt von der Umgebung wahr?

Ich achte darauf, auch einzelnen Menschen ins Gesicht zu gucken. Weil ich das wichtig finde. Früher habe ich mir im Publikum links, in der Mitte und rechts je einen Menschen ausgeguckt, der mich besonders nett angeschaut hat. Wenn ich heute einen guten und selbstsicheren Tag habe, gucke ich mir immer diejenigen aus, die nicht lächeln – genau die möchte ich knacken.

Warum ist Ihnen die Nähe zu Ihren Fans so wichtig?

Ich bin überhaupt erst so bekannt geworden dadurch, dass ich ein ganz normales A . . . bin. Ich zitiere gerne Jürgen Klopp, als er sagte, er sei „a normal one“. So geht es mir auch. Es liegt mir nicht, auf Möchtegern-Superstar zu machen, das bin ich nicht, ich bin anders.

Mit dem Hit „Die immer lacht“ startete eine Karriere

Die Sängerin
 Als Dreijährige wurde Kerstin Ott von ihrem Bruder und ihrer alleinerziehenden Mutter getrennt, lebte in Kinderheimen, später in einer Pflegefamilie. Sie nahm schon als Kind an Talentwettbewerben teil, sang im Chor des Kinderliedermachers Rolf Zuckowski und legte als DJane auf. Sie übte ihren Beruf als Malerin und Lackiererin aus, bis sie 2016 mit ihrem Lied „Die immer lacht“ bekannt wurde.

Die Songwriterin
Für eine kranke Freundin schrieb Kerstin Ott 2005 am Küchentisch innerhalb von nur fünf Minuten den Song „Die immer lacht“ über eine Frau, die sich nach außen hin stets fröhlich gibt, bis ihr klar wird, dass sie auch ihre wahren Gefühle zeigen muss. Jahre später wurde das Lied auf YouTube entdeckt, als Party-Remix veröffentlicht und zum erfolgreichsten Musikstück 2016.

Veröffentlichungen
Ob fünf Alben von „Herzbewohner“ bis „Best OTT“, Songs wie „Scheißmelodie“, „Lebe laut“ und die aktuelle Single „Rockstar“, das Duett „Regenbogenfarben“ mit Helene Fischer oder die Zusammenarbeit mit Ben Zucker bei „An diesen Tagen“ – Kerstin Otts Songs sind überaus erfolgreich und haben die deutschsprachige Popmusik der jüngeren Zeit wesentlich geprägt.