Mit der Rebflurbereinigung verschwanden die einst typischen Schlehdornhecken aus dem Remstal. Im Zuge eines Projekts kehren sie zurück – gemeinsam mit teils exotischen Bäumen.
Die Bäume sind schon im Boden, jetzt kommen die Sträucher an die Reihe. Christoph Klopfer hat im gut einen Hektar großen Weinberg oberhalb des Großheppacher Familienweinguts alles vorbereitet. Wo bis vor kurzem Reben am Spalier standen, ist an diesem sonnigen Vormittag nur braune, krümelige Erde zu sehen. Darin verbuddelt der Bio-Wengerter aus Weinstadt (Rems-Murr-Kreis) nun paarweise Heckenrosen, Sanddorn- und Weißdornbüsche sowie Haselnusssträucher. Später folgen noch Schlehdornsträucher, wie sie vor 100 Jahren fast überall im Remstal wuchsen.
In ein paar Jahren, so die Hoffnung, sind die Sträucher zu stattlichen Hecken herangewachsen. Sie sollen Lebensraum und Nahrungsquelle für Vögel, Fledermäuse und Insekten bieten und die Rebstöcke im Weinberg vor starken Winden schützen. Die seien, wie Hagel, an dieser Stelle keine Seltenheit, sagt Christoph Klopfer, der auch großkronige Baumarten wie Wildbirnen, Sandbirken, Elsbeeren und Burgenahorn als Schattenspender gesetzt hat. Denn eine große Herausforderung im Weinbau ist der Klimawandel, der sich immer mehr durch extreme Wetterereignisse bemerkbar macht.
Was tun? Vier Vollerwerbsweingüter und einige Nebenerwerbsbetriebe im Remstal testen nun unter wissenschaftlicher Begleitung der Uni Hohenheim, ob sich die Pflanzung von Sträuchern und Bäumen im Weinberg – bekannt unter dem Namen Vitiforst – positiv auf Reben und Wein auswirken. Jürgen Frank vom Klimabündnis Weinstadt fasst die Ziele kurz und knapp zusammen: „Es geht darum, pragmatische Lösungen für den Klimawandel zu finden und Ökonomie und Ökologie zu vereinbaren.“ Gemeinsam mit der in Gründung befindlichen Zukunftsstiftung Remstal soll auch erforscht werden, wie sich die Pflege im Weinberg mit Technologie vereinfachen und effizienter machen lässt.
Weingüter im Remstal setzen auf Vielfalt und Nachhaltigkeit
„Das Klima ändert sich und der Weinkonsum sinkt. Wir können nicht weitermachen wie unsere Großeltern und Urgroßeltern“, sagt Stefanie Karpf vom Weingut Zimmer in Kernen-Stetten: „Wir müssen neue Wege gehen und umdenken.“ Schon seit längerem denke ihre Familie darüber nach, wie sie Brachflächen sinnvoll nutzen und der Natur etwas zurückgeben könne. Das Vitiforst-Projekt, an dem auch Achim Stilz vom Schnaiter Weingut Im Hagenbüchle und das Weingut Bader-Singer aus Korb teilnehmen, kam da gerade recht.
Jeder geht ein bisschen anders an die Sache heran, denn jeder Standort hat seine Besonderheiten, jedes Weingut eigene Themen. Während die Klopfers bewusst keine Obstbäume pflanzen, setzt man beim Weingut Zimmer auf Obstgehölze und Nüsse. „Unser Ansatz ist, aus den Früchten noch etwas anderes herzustellen, zum Beispiel einen Secco, den man vermarkten kann“, sagt Stefanie Karpf. Der Nachwuchs, fünf und sieben Jahre, hat fleißig mitgebuddelt und gepflanzt: „Die Kinder waren immer dabei. Sie kriegen mit, dass ein Umbruch im Gang ist und sollen wissen, warum wir das tun.“
Obstbäume und Schatten für optimale Traubenqualität
Achim Stilz wiederum pflanzt in Rotweinlagen, die weniger Schatten brauchen, Obstbäume wie Aprikose, Pfirsich, Quitte oder auch Kaki. In Weißweinlagen hat er höhere Bäume, zum Beispiel Mehlbeere, Ahorn, Ulme, Kiefer und Lärche gesetzt. Sie sorgen für etwas Schatten und tragen so dazu bei, dass der Zuckergehalt der Trauben nicht zu sehr in die Höhe schnellt.
„Wir sind froh, dass es Leute gibt, die solche Vitiforst-Systeme anlegen“, sagt Jakob Heni, der als Doktorand an der Uni Hohenheim zum Weinbau forscht. Die Datenlage dazu sei extrem schlecht: „Wir stehen ganz am Anfang, die Möglichkeiten zu erforschen.“ Er selbst untersucht Mischpflanzungen in einem kleinen, extrem kontrollierten Umfeld – mit jeweils zwei Pflanzen in einem Gefäß. Ein Trockenstressversuch zeigte, dass Weinreben die Dürre besser verkraften, wenn ein Baum mit im Gefäß war. Henis Fazit: „Die Bedenken, dass Bäume im Vitiforst den Reben das Wasser wegnehmen, teilen wir nicht.“
Wie wirken sich die Bäume und Büsche auf den Boden und die Lebewesen dort aus? Welche Veränderungen bringen die Tiere mit sich, die in den Hecken Nahrung und Unterschlupf finden? Auf viele Fragen gibt es noch wenige Antworten. „Das Projekt ist spannend, es braucht aber viel Geduld. Vom Vitiforst werden wohl erst meine Kinder profitieren“, sagt Christoph Klopfer. Er hofft beispielsweise, dass er durch mehr Fledermäuse im Weinberg den gefürchteten Traubenwickler besser in Schach halten kann. Eine Studie aus Frankreich ist zu diesem Ergebnis gekommen. Für Achim Stilz steht bereits jetzt fest: „Das Landschaftsbild wird durch die Bäume und Büsche auf alle Fälle positiv beeinflusst.“
Zwei Touren zur Vitiforst-Anlage
Besichtigung
Am Sonntag, 26. April, bietet das Weingut Klopfer in Weinstadt, Gundelsbacher Straße 1, eine Verkostung seiner Frühjahrsweine in der Kelterhalle an. Die Veranstaltung findet zwischen 11 und 18 Uhr statt, die Teilnahme kostet zehn Euro. Im Rahmen des Events lädt Christoph Klopfer Interessierte zu einer kostenlosen Führung durch den Weinberg ein, in dem der Vitiforst angelegt wurde. Die Touren beginnen um 14 und 16 Uhr, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.