Was wird aus dem Stadtmodell des vor einem Jahr verstorbenen Architekten Roland Ostertag? Ein virtueller Rundgang beweist nun allen Neugierigen, was es hier zu bewahren gilt.
Stuttgart - Warum ist diese Schau so wichtig? „Diese Ausstellung zu sehen, das heißt Stuttgart zu verstehen“, soll Markus Müller, der Präsident der Architektenkammer des Landes, gesagt haben, als er einmal Roland Ostertags Ausstellung „Stuttgart woher-wohin“ am Gähkopf 5 besuchte. Dies wiederum erzählt Achim Söding, der gemeinsam mit Knut Göppert das Architekturforum Baden-Württemberg leitet, dessen Arbeit Ostertag viele Jahre lang wesentlich geprägt hat. Später wandelt Söding diesen Punkt noch einmal ab: Ostertags fünf mal fünf Meter großes Stadtmodell zu sehen „heißt, die ganze Kesselproblematik zu verstehen.“
Im Mai vergangenen Jahres ist Roland Ostertag gestorben. Seither hat seine Frau die Ausstellungsräume weiter gemietet, um die Ausstellung Interessenten zugänglich zu halten. Dauerhaft wird das aber nicht gehen; vermutlich ist Ende April am Gähkopf Schluss und der künftige Verbleib der Sammlung ungewiss. Deshalb hat der Architekt und Fotograf Heiko Stachel einen virtuellen Rundgang angefertigt, den er nun im Stadtmuseum im Wilhelmspalais vorgestellt hat. In Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv hat er schon viele solcher Rundgänge in zumeist dem Abbruch geweihten Gebäuden produziert. Stachel arbeitet mit Stativ und einer gewöhnlichen Digitalkamera. Er dokumentiert umfassend die Räume, mit denen er sich beschäftigt, und setzt hernach am Computer die Bilder zu einem Rundum-Panorama zusammen, durch das sich der Betrachter mit der Maus und dem Scrollrad eigenständig bewegen kann. Anfang 2020 soll es dazu im Stadtpalais eine Ausstellung geben. Die Präsentation des Ostertag-Rundgangs ist nun praktisch ein Vorgeschmack darauf.
Bisher hat sich niemand das Modell gesichert
Die Stadt Stuttgart hat von Gebäuden, die aus dem Stadtbild für immer verschwinden sollen, schon immer gern ein Stück Erinnerung aufbewahrt. Doch an Roland Ostertags Ausstellung hat sie bisher kein Interesse erkennen lassen. Diese ist allerdings ein Spezialfall, wie Söding verdeutlichte: Ihre Existenz ist ohne die Persönlichkeit des Architekten Ostertag gar nicht vorstellbar, „Teil seiner unermüdlichen Tätigkeit für die Stadt.“ Ostertag habe sich überall eingemischt, erklärt Söding. Ohne ihn wären das Alte Schauspielhaus, das Bosch-Areal, die Gedenkstätte an die NS-Judendeportation am Nordbahnhof, die Ruine des Neuen Lusthauses im Mittleren Schlossgarten und vieles andere Stätten nicht oder nicht mehr da. In einem Video, das Teil von Stachels Rundgang ist, sagt Ostertag in einer Selbstauskunft, seine Ausstellung sei kein Museum, sondern „ständig im Wandel“. Viele der Pläne, die er für seine Schau verwendet hat, stammen aus dem Stuttgarter Stadtarchiv, das selbst die Ausstellung aber nicht übernehmen will, weil es ja bereits die Originale besitzt.
Auf ihre Art ist die Ausstellung aber doch einzigartig. Die aktuelle Stuttgarter Stadtplanung charakterisiert Söding mit den Worten: „Da hüpfen als Ideen die Konzerthäuser durch die Gegend, aber das Ganze hat man nicht richtig im Kopf.“ Just diesen Gesamtblick habe Ostertag gehabt, daher die Verve bezogen, sich einzumischen. Aus der Topografie und der 500-jährigen Geschichte der Stadt habe er Kriterien für ihre weitere Entwicklung abgeleitet. Vieles davon bleibe höchst aktuell, sagt auch die Städtebau-Professorin Martina Baum. Wie Ostertag würden ihre Studenten Häuser an die Hauptstätter Straße planen, um die Wunde wieder zu schließen, die nach dem Weltkrieg durch Planung einer „autogerechten Stadt“ ins Stadtbild gerissen wurden. Baum meint, es brauche Visionen. Allerdings fehlt auch ihr manchmal der Blick fürs Ganze, wenn sie etwa als Entwurfsaufgabe für ihre Studierenden die Gäubahn zu einem „Stadtboulevard“ umgestalten lässt – als Ausweichstrecke bei S-Bahn-Pannen wird man auf die Gleise wohl auch in Zukunft nicht verzichten können.
Ist das Kunstgebäude ein geeigneter Platz?
Ostertags Nachlass als Architekt übernimmt das Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau (SAAI) in Karlsruhe. Seine Ausstellung und sein Stadtmodell möchte das Archiv aber nicht haben. Es ist das größte Modell von Stuttgart überhaupt und hat 100 000 Euro gekostet. Kann es sich die Stadt wirklich leisten, auf diesen Schatz schlicht zu verzichten? Einzelne Architekten sehen es als Kern einer künftigen Architekturausstellung, für die aber noch Ort und Rahmen gefunden werden müssen. Eine Idee: die früheren Räumen der städtischen Galerie im Kunstgebäude. Dort ist die Zukunft kulturpolitisch gerade offen.
Die Ausstellung am Gähkopf 5 ist derzeit noch samstags von 11 bis 15 Uhr zu besichtigen. Heiko Stachels Rundgänge kann man sich auf seiner Website http://www.zitronenwolf.com ansehen.