Nach der Insolvenz von Paulus Wohnbau stellen sich viele Fragen rund ums Wohnen in der Region. Viele scheuen aktuell einen Immobilienkauf, Bauträger geraten dadurch in Geldnot – und der Mietmarkt wird immer umkämpfter.
Die Bautätigkeit in Deutschland und im Landkreis Ludwigsburg hat stark nachgelassen. Grund sind hohe Bauzinsen, gestiegene Materialkosten und komplexe Vorgaben. Ein bisher weniger beleuchtetes Problem: Wegen der hohen Preise und den hohen Zinsen sinken die Wohnungskäufe. Die Menschen können sich den Kauf nicht mehr leisten, oder warten auf günstigere Zeiten.
Das sieht man unter anderem bei der Bietigheimer Wohnbau, die 100 Eigentumswohnungen im Neubaukomplex Lothar-Späth-Carré gebaut hat. „In besseren Zeiten haben wir in kurzer Zeit 80 dieser Wohnungen verkauft“, sagt Geschäftsführer Carsten Schüler. „In den letzten 18 Monaten haben wir von den übrigen 20 Wohnungen nur eine einzige verkauft.“ Der Einbruch der Nachfrage hat fatale Folgen.
Unternehmen unter Druck
Zum einen gefährdet die sinkende Nachfrage das Geschäft der privaten und genossenschaftlichen Bauträger. Zwar stehen keine Neubauwohnungen leer, die Nachfrage nach Eigentumswohnungen ist aber so stark gesunken, dass Bauträger dazu übergehen, diese zu vermieten.
Eine Notlösung, denn „mit dem Verkauf wird das große Geld gemacht“, sagt Eckart Bohn, der Vorsitzende des Mietervereins Ludwigsburg. Eigentlich brauchen die Bauträger die Erlöse aus den Verkäufen, um die Darlehen bei der Bank zu bedienen und neue Projekte zu verwirklichen. Derzeit ist das Geld vieler Bauträger aber gebunden.
Keine weiteren Insolvenzen erwartet
Eine weitere Insolvenz wie die der Paulus Wohnbau ist laut der Wohnungsbau Ludwigsburg und der Bietigheimer Wohnbau, Layher sowie Pflugfelder, erst einmal nicht zu erwarten. Auch die Baubranche, also Bau- und Handwerksunternehmen, bleiben bislang verschont. Die Insolvenzen im Land bewegen sich im bisherigen Jahr auf normalen Niveau, sagt Eleni Auer, die Sprecherin der Bauwirtschaft Baden-Württemberg.
Wohnungsbau bricht ein
Viele Bauprojekte im Kreis werden aufgeschoben oder aufgegeben. Laufende Projekte würden zwar fertiggestellt werden, sagt Wohnungsbau Ludwigsburg-Geschäftsführer Andreas Veit – rund 350 geplante Wohnungen in Grünbühl, im Gämsenberg, in der Brucknerstraße und weiteren Baugebieten könnten aber nicht mehr realisiert werden. Die Bietigheimer Wohnbau berichtet, dass das Baugebiet Aurain-Carré ursprünglich innerhalb von drei Jahren fertig werden sollte. „Jetzt bauen wir ein Objekt nach dem anderen und gucken, wie es läuft“, sagt Schüler.
Privaten Bauträgern der Region geht es ähnlich, sie geben aber weniger Details bekannt. „Wir gehen nur sehr selektiv mit Projekten an den Start“, sagt der Geschäftsführer Julian Pflugfelder.
Mieten steigen
Der gedrosselte Wohnungsbau betrifft aber nicht nur die Bauträger, sondern auch die Mieter. Denn es fehle das Neubau-Angebot, das eine „Wanderbewegung“ bewirken würde, sagt Julian Pflugfelder. Diese Wanderbewegung würde dem gesamten Mietmarkt helfen, weil durch viele Umzüge in neue Wohnungen, alte und häufig preiswerte Wohnfläche frei würde.
Stattdessen verschärft sich das Problem: Denn derzeit drängen immer mehr finanzstarke Personen oder Familien auf den Mietmarkt, die eigentlich gerne kaufen würden, aber erst einmal abwarten. „Es greifen die Mechanismen des Marktes“, sagt Andreas Veit von der Wohnungsbau Ludwigsburg. Einer großen Nachfrage von finanzstarken Interessenten steht ein geringes Angebot an Mietwohnungen gegenüber. Dadurch werden auch hoch angesetzte Mieten gezahlt, das Mietniveau steigt und Wartezeiten auf bezahlbare Wohnungen verlängern sich. Die Folge: Der Wohnungsbau Ludwigsburg liegen rund 1600 Wohngesuche vor. Und einige geben diese Suche auf. „Wir sehen, dass immer mehr Menschen im ländlichen Raum nach neuen Wohnungen suchen, nicht mehr in unseren Ballungsräumen“, sagt Eckart Bohn vom Mieterverein. Die Mietpreisbremse helfe zwar, die hohen Preise bei Neuvermietungen und der steigende Mietspiegel bereiten ihm aber große Sorgen.
Unterschiedliche Zukunftsprognosen
Wenn sich an den Förderungen nicht schnell etwas ändere, und die Anforderungen an Energieeffizienz verschärft werden, „wird in den kommenden Jahren so gut wie keine neue Wohnung auf den Markt kommen“, sagt Andreas Veit von der Wohnungsbau Ludwigsburg. Geförderter Wohnungsbau werde in den kommenden Jahren kaum stattfinden, sagt Eckart Bohn vom Mieterverein. Sinkende Mieten seien derzeit völlig unrealistisch.
Die privaten Bauträger sind derweil optimistischer. Wenn der Bund neue Anreize für Wohnungskäufer setzt, und es neue Wohnbauförderungen gibt, „könnte es in Richtung 2025 aufwärtsgehen“, sagt Julian Pflugfelder. Auf dem Wohnungsmarkt habe es schon immer Höhen und Tiefen gegeben, schreibt die Presseabteilung von Layher. „Nach dem Motto: ,In der Ruhe liegt die Kraft’ glauben wir, dass es wieder besser laufen wird.“