Trotz Wettverbots tauchen im Nachwuchs- und Amateurfußball immer öfter Datenscouts der Anbieter auf den Tribünen auf. Betroffen waren zuletzt auch der VfB Stuttgart und die Stuttgarter Kickers. Wie reagieren die Vereine?
Die Partie zeigte keine besonderen Auffälligkeiten. 3:0 hieß es am Ende zwischen der U 19 des VfB Stuttgart und Sparta Prag in der Youth League am 1. Oktober. Ein klares Ergebnis, keine merkwürdigen Tore, keine seltsamen Schiedsrichter-Entscheidungen. Und damit auch kein Spiel, das weitere Untersuchungen durch die Sportgerichtsbarkeit nach sich ziehen dürfte.
Dennoch haftet der Partie ein Nachgeschmack an. Sie wurde nämlich zum Wetten angeboten. Nicht in Deutschland, dort sind Wetten außerhalb des Profibereichs verboten. Aber im Ausland. Unter anderem auf der belgischen Webseite des auch hierzulande populären Anbieters bwin.
Ein Einzelfall? Mitnichten. Regelmäßig werden Begegnungen aus dem deutschen Amateurfußball zum Zocken angeboten. Von der Regionalliga bis hin zu Nachwuchspartien wie jenen des VfB. Die Niederungen der deutschen Sportart Nummer eins sind Teil eines Millionengeschäfts, an dem sich einige wenige eine goldene Nase verdienen. Kürzlich wurde auch die Regionalligapartie der Stuttgarter Kickers gegen die TSG Hoffenheim II (1:2) auf einschlägigen Portalen gelistet. Aktuell laufen bundesweit Ermittlungen wegen des Verdachts der Spielmanipulation in 17 Fällen. Betroffen ist vor allem die Oberliga Hamburg.
Dass Spiele im Netz zum illegalen Wetten angeboten werden, ist nicht die Schuld der Vereine. Sie sehen sich einem perfiden System ausgesetzt, in dem sogenannte Datenscouts eine entscheidende Rolle spielen. Sie dienen als Handlanger der Wettanbieter und beliefern diese über zwischengeschaltete Unternehmen wie etwa „Sportradar“ von der Tribüne des Sportplatzes aus mit Livedaten: Wer bekommt den ersten Einwurf? Wer die erste Gelbe Karte? Das Angebot bei Livewetten ist grenzenlos. Auf Basis der von den Scouts übermittelten Daten variieren die Quoten ständig.
Für ein besseres Taschengeld von etwa 50 Euro platzieren sich die Späher unauffällig auf den Tribünen und bilden das Geschehen über ihr Smartphone ab. Sie machen es erst möglich, dass ein Spiel bei einem Wettbüro angeboten wird. Ein Liveticker, sofern vorhanden, ist zu oberflächlich, das Fernsehbild verzögert. Beim Wetten geht es um jede Sekunde. Scouts spiegeln das Spiel in Echtzeit.
So konnte auch Geld auf besagte Partien des VfB in der Youth League sowie der Kickers gegen Hoffenheim gesetzt werden. In beiden Fällen hatten sich Datenscouts auf die Tribüne des Gazi-Stadions geschlichen und die Partie vor Anpfiff live geschaltet.
VfB und Kickers wurden vorab gewarnt
Einer, der davon wusste, ist Thomas Melchior. Der 45-Jährige gilt als gebranntes Kind, hat als jahrelang Spielsüchtiger viel Geld verloren und bekämpft nun als Anti-Wettspiel-Aktivist mit großem Eifer ein in Teilen kriminelles System. Spielsucht ist dabei nur ein Faktor. Melchior steckt tief im Thema und in der Szene drin. Und bekam Wind vom Besuch der Scouts im Gazi-Stadion. Also schickte er am jeweiligen Spieltag eine Mail an den VfB und an die Kickers; so wie er es bei anderen Vereinen in ganz Deutschland auch praktiziert. Seine Warnung wurde beim VfB nicht rechtzeitig registriert beziehungsweise ging aufgrund der Kurzfristigkeit unter.
Man habe die Mail erhalten, bestätigt der VfB auf Anfrage und betont, dass man für die Thematik grundsätzlich sensibilisiert sei. Zugleich räumt man die Unmöglichkeit des Unterfangens ein, unter 1400 Zuschauern eine Einzelperson zu identifizieren. Zumal es bei solchen Spielen inzwischen auch Liveübertragungen gibt. Beim Club aus Cannstatt habe man bei anderen vergleichbaren Begegnungen, gerade im Jugendbereich, noch keine Beobachtungen diesbezüglich machen können, heißt es weiter. Wert legt man darauf, bei allen Spielern Schulungen zum Thema Spielmanipulation anzubieten.
„Können nicht jeden, der ein Handy in der Hand hält, verdächtigen“
Ähnlich äußern sich die Kickers, die ebenfalls am Spieltag selbst eine Mail mit dem Hinweis auf heimliche Beobachter erhielten. „Wir haben unser Sicherheitspersonal darum gebeten, die Augen aufzuhalten“, sagt Geschäftsführer Matthias Becher. „Gleichzeitig können wir nicht jeden, der ein Handy in der Hand hält, verdächtigen.“ Man sei für das Thema inzwischen aber „hochsensibilisiert“, versichert Becher. Mit der Regionalliga Südwest befinde man sich dazu in engem Austausch.
Rechtlich bewegen sich die Datenübermittler im Graubereich. Sie verstoßen gegen kein Gesetz. Allerdings kann jeder Verein von seinem Hausrecht Gebrauch machen und unerwünschte Besucher aus dem Stadion verweisen. Was andernorts, auch mit Hilfe der Polizei, schon geschehen ist. Beim Oberligisten FSV Bietigheim-Bissingen tauchte kürzlich in der Partie gegen den SV Oberachern ebenfalls ein ungebetener Gast aus der Wettszene am Sportplatz am Bruchwald auf. Als FSV-Vorstand Manfred Bleile den ständig auf seinem Smartphone tippenden Mann mit Headset entlarvte, weigerte dieser sich zwar, die Tribüne zu verlassen. Dafür gab er sein Mobilgerät für die Zeit des Spiels beim Sicherheitspersonal ab. Woraufhin auf den Plattformen die Übertragung der Echtzeitdaten des Oberligaspiels abbrach – plötzlich gab es auch keine Quoten und die Möglichkeit auf Livewetten mehr.
Warum Livewetten so gefährlich sind
„Livewetten sind der zentrale Faktor bei der Entstehung von Spielsucht, zum anderen bieten sie eine sehr große Angriffsfläche für das Thema Spielmanipulation“, sagt Melchior. Erfolge wie jüngst in Bietigheim bestärken den Aktivisten in seinem Tun. „Sie sind ein kleiner Schritt hin zu einem sauberen und fairen Sport, insbesondere im Amateurbereich.“
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat inzwischen einen Leitfaden für Vereine entwickelt, um die „Integrität des sportlichen Wettbewerbs zu schützen“, wie es heißt. Ob das in diesem Katz-und-Maus-Spiel ausreicht, steht auf einem anderen Blatt.