Der Traditionsverein blickt auf eine außergewöhnliche Saison zurück, doch beim Blick in die Zukunft ergeben sich einige kritische Punkte.
Der Unterschied verdeutlicht sich in nur einer Szene. Michael Olise hat den Ball am Fuß. Vor ihm baut sich Ramon Hendriks auf. Der VfB-Verteidiger hat bis zu diesem Moment stark gegen den Flügelstürmer des FC Bayern gespielt. Dann kommt die Finte des Franzosen, danach die Flanke. Mit dem rechten Fuß. Ungewöhnlich – und doch landet der Ball genau bei Harry Kane. Kopfball, 1:0 – der Anfang vom Ende beim DFB-Pokalfinale für die Stuttgarter. Beim Abpfiff im Berliner Olympiastadion heißt es aus VfB-Sicht 0:3 durch zwei weitere Kane-Treffer. „Schlicht Weltklasse“, sagt Trainer Sebastian Hoeneß, dessen Elf in vergleichbaren Situationen ihre Gelegenheiten auslässt.
Die Enttäuschung über die Niederlage ist groß gewesen beim VfB. Im ersten Augenblick. Doch Alexander Wehrle hat die Einordnung der Saison gleich zur Chefsache gemacht. Nichts soll verrutschen und mehr Freude als Frust herrschen. „Es war eine außergewöhnlich erfolgreiche Saison für uns mit der Qualifikation für die Champions League sowie dem erneuten Einzug in das Pokalfinale. Und wenn man es etwas größer betrachten will, dann ist es für den Club auch stark, dass wir zwei Titel im Juniorenbereich geholt haben. Die U17 ist Meister und die U19 Pokalsieger. Zudem ist das Frauen-Team in die Bundesliga aufgestiegen“, bilanziert Wehrle.
Der VfB steht also gut da, bevor es für neun Spieler in Richtung WM nach Nordamerika geht. Vier davon (Nübel, Stiller, Undav, Leweling) gehören zur Auswahl der deutschen Nationalmannschaft. Das sind Zahlen, die es beim Traditionsclub von 1893 noch nie gab und die erlangte Qualität belegen. Nun geht es darum, sich dennoch weiter zu verbessern, sportlich wie wirtschaftlich. „In kleinen Schritten“, wie der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth betont. Was für ihn viel Arbeit bedeutet, während die restlichen Spieler in die Sommerpause entfliehen, ehe Mitte Juli wieder die Saisonvorbereitung beginnt . Zurück bleiben zunächst Fragen, die es zu klären gibt.
Wie sieht es bei der Undav-Verlängerung aus?
Deniz Undav gibt sich zuversichtlich. Der Stürmer hat eine Rekordofferte vorliegen, um seinen Vertrag vorzeitig zu verlängern. Bisher endet das Arbeitspapier 2027. Bis zu sechseinhalb Millionen Euro pro Saison hatte sich der 29-Jährige für seine Unterschrift vorgestellt, für einen Vierjahresvertrag. Nun ist der VfB bereit, viel Geld auszugeben, um den Torjäger zu halten. Dennoch wollen die Verantwortlichen Vernunft walten lassen. Eine Aufstockung des bisherigen Jahresgehalts von viereinhalb Millionen Euro ist aber unvermeidlich – und ein neues Rekordsalär für Undav ebenso. Ob die Einigung noch vor dem Start in die WM-Mission Anfang Juni gelingt, bleibt aber abzuwarten.
Wer steht nächste Saison im Tor?
Ursprünglich lautete die Antwort: Dennis Seimen. Das an den SC Paderborn ausgeliehene Eigengewächs sollte zurückkehren und die Nachfolge von Alexander Nübel antreten. Doch plötzlich gibt es Überlegungen, ob es nicht doch eine Chance gibt, um den Nationaltorwart zu halten. Über eine weitere Leihe vom FC Bayern oder über eine Festverpflichtung. Allerdings wäre ein Transfer teuer und würde das Projekt mit Seimen quasi beenden. In der nächsten Woche soll mehr Klarheit geschaffen werden. Dann ist auch entschieden, ob die Paderborner über die Relegation in die Bundesliga aufsteigen. Das würde dem VfB die Möglichkeit eröffnen, den 20-jährigen Seimen weiter reifen zu lassen und mit Nübel in die Champions-League-Saison zu gehen. Planspiele. Zumal es andere Interessenten für Nübel geben soll.
Wird die Mannschaft verstärkt?
Das ist die Absicht. Allerdings wird diskutiert, in welcher Form. Erfahrung oder Jugend. In Grischa Prömel wird ein erprobter Mann für das Mittelfeld kommen. Mit Führungsqualitäten wie es heißt. Fest verpflichtet wurde zudem Bilal El Khannouss, da die Kaufpflicht für die Leihgabe schon vor Längerem gegriffen hat. Das erste Bestreben ist aber ohnehin, den Kern der Mannschaft zusammenzuhalten. Was mit dem Einzug in die Königsklasse einfacher geworden ist. Dennoch bleiben Angelo Stiller und Jamie Leweling Transferkandidaten. Doch dafür müsste jeweils eine sehr hohe Ablösesumme fließen, sofern die Spieler einen konkreten Wechselwunsch äußern. Bisher ist das nicht geschehen.
Benötigt der Club Transfereinnahmen?
Rein bilanztechnisch nicht. Der VfB wird demnächst einen Rekordumsatz vermelden und der AG-Boss Alexander Wehrle hat ausgeführt, dass der VfB ein Jahr ohne Spielerverkäufe oder internationales Geschäft ordentlich überstehen kann. Trotz der wachsenden Ausgaben. Mit einer schwarzen Null. Das Ziel ist aber Gewinn und so wird es mittelfristig beim VfB immer zu Transfers kommen. Unter wirtschaftlichem Druck stehen die Stuttgarter aber nicht, was ihnen auf dem Markt eine Position der Stärke verschafft.
Ist man sich mit Sportchef Wohlgemuth einig?
Noch nicht. Der Aufsichtsrat und Fabian Wohlgemuth befinden sich aber in guten Gesprächen, wie es so schön heißt. Bedeutet im Fall des Sportvorstandes: die gegenseitige Wertschätzung ist vorhanden, die Absicht die Zusammenarbeit zu verlängern ebenso. Auf beiden Seiten. Jetzt geht es ums Geld. Wohlgemuth gehört mittlerweile zur ersten Reihe der Sportchefs in der Bundesliga. Auch hier wird also über eine Gehaltserhöhung verhandelt. Formal soll die Personalie bis zum 1. Juli geklärt sein. Praktisch wird es wohl früher geschehen – bei anderen Fragen braucht es da sicher mehr Geduld.