Der Sportchef Fabian Wohlgemuth hat einen breiten Kader gebaut, den der Trainer im Spiel bei Fenerbahce Istanbul wieder gut nutzen will. Wir beleuchten die Entwicklung.
Wer sich den Kader des VfB Stuttgart genauer ansieht, der kann natürlich auf ein Ungleichgewicht stoßen: Zwei Rechtsverteidiger zu viel und ein Mittelstürmer zu wenig lassen sich da ausmachen. Zudem war es der Plan, nach einer eingehenden Saisonanalyse die Elf mit Spitzenkräften zu verstärken, um mehr Führung und Erfahrung auf dem Platz zu haben. Denn in diesen Bereichen wurden in der vergangenen Spielzeit Defizite ausgemacht. Gerade in engen Spielphasen, die zu Niederlagen führten.
Jetzt ist es anders gekommen, da die Kaderplanung eines Fußball-Bundesligisten selten den Idealvorstellungen der Verantwortlichen oder der Öffentlichkeit folgt. Pragmatismus ist angebracht – und diesen zeigen sowohl der Sportchef Fabian Wohlgemuth in der Umsetzung der personellen Möglichkeiten als auch der Trainer Sebastian Hoeneß im Umgang mit den Profis.
„Wir haben einen breiten Kader. Das kommt nun zum Tragen, da wir bis Anfang November viele Spiele in wenigen Wochen zu absolvieren haben“, sagt Wohlgemuth, der Hoeneß eine Reihe von Spielern hingestellt hat, die trotz ihrer Jugend bereits über Qualität verfügen und mit Blick auf die Zukunft weiteres Potenzial erkennen lassen. Das erhöht die Aussicht auf nachhaltigen Erfolg und verspricht Zuwächse bei den Marktwerten, was mit ein Verdienst der Mitarbeiter rund um Wohlgemuth ist – dem Sportdirektor Christian Gentner und der Scoutingabteilung. Doch letztlich kommt es für Siege auf die Trainerarbeit an. „Solange Sebastian hier beim VfB arbeitet, hat er nie einen Bogen um Herausforderungen gemacht. Bei seinem Amtsantritt im April 2023 blieb ihm eine Trainingseinheit mit der Mannschaft vor dem ersten Pflichtspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Schon damals ging es nur um Lösungen“, sagt Wohlgemuth.
Vom Abstiegskandidaten zum Pokalsieger führte der Weg – über Vizemeisterschaft und einem neunten Ligarang, der unter den Erwartungen blieb. Nun will der VfB wieder in das vordere Tabellendrittel vorstoßen. „Aktuell hat der Kader eine andere Qualität als damals. Ansprüche und Herausforderungen sind auch andere. Sebastian ist seiner Linie immer treu geblieben. Er ist nach wie vor derjenige, der die Situation annimmt, wie sie ist, und immer versucht, das Beste daraus zu machen“, erklärt der Sportvorstand.
Zu sehen war die positive Entwicklung zuletzt beim 3:0 in Wolfsburg – und am Donnerstag (18.45 Uhr/RTL+) in der Europa League soll beim VfB die Last des Doppellebens mit nationalen und internationalen Aufgaben in Istanbul gegen Fenerbahce wieder gut verteilt werden, damit der VfB mit dem nächsten Sieg Lust auf mehr macht.
„Es gibt keine erste Elf mehr“, sagt Hoeneß, der aufgrund der Belastungssteuerung bei der Aufstellung rotiert, ohne, dass die Spieler durchdrehen. Die Einsätze werden passend verteilt, um das Team jeweils körperlich frisch und die einzelnen Spieler bei Laune zu halten. 23 Profis kamen in bisher elf Pflichtpartien zum Zug. Alle werden gebraucht – so lautet Hoeneß’ Credo, der mit großer Klarheit kommuniziert.
Ähnlich wie es in der Doublesaison 2023/2024 bei Bayer Leverkusen lief. Da absolvierten die Rheinländer 53 Begegnungen und dem damaligen Chefcoach Xabi Alonso gelang es, Spannung und Motivation über ein Jahr hochzuhalten. Nur ein Pflichtspiel wurde verloren. Nicht zu kopieren ist diese Meisterleistung der Mannschaftsführung, doch an diesem Vorgehen orientiert sich Hoeneß. Er moderiert die Lage, in dem er jeden Spieler wissen lässt, woran er ist. Und zudem beweist der 43-Jährige ein feines Gespür im Umgang mit den Einzelnen.
Beispiel Atakan Karazor. Der Kapitän ist drauf und dran, seinen Stammplatz an den jungen Chema zu verlieren. An Karazors Bedeutung lässt Hoeneß jedoch keinen Zweifel. Vielmehr lobt er den Umgang des 29-Jährigen mit der ungewohnten und schwierigen Situation, da Karazor mit dem unantastbaren Angelo Stiller auf der Doppelsechs lange als gesetzt galt.
Nun sitzt Karazor öfter auf der Bank. Das schafft Unzufriedenheit. Unmut ist aus der Kabine dennoch nicht zu vernehmen. Weder von Karazor, der als bislang verhinderter türkischer Nationalspieler auf einen Startelfeinsatz am Bosporus hoffen darf, noch von anderen Spielern, die weiter hinten dran und gar als Härtefälle zu bezeichnen sind.
https://www.youtube.com/watch?v=RpPzS4kKq8IYannik Keitel spielt für das Mittelfeld so gut wie keine Rolle, Pascal Stenzel und der lange verletzte Leonidas Stergiou haben auf der rechten Abwehrseite kaum eine Perspektive. Und der Innenverteidiger Ameen Al-Dakhil ist sicher mit anderen Ansprüchen nach Stuttgart gekommen, als dauerhaft Reservist zu sein. Für sie bietet das kommende Wintertransferfenster eventuell neue Möglichkeiten – und der VfB hat die Chance, das Ungleichgewicht im Kader zu begradigen.