Angelo Stiller (rechts) spielt fast immer unter Sebastian Hoeneß und ist rechtzeitig für das Spiel gegen Celtic wieder fit. Er könnte dennoch eine Pause erhalten. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Das Polster ist komfortabel, Sebastian Hoeneß will gegen Celtic Glasgow zugleich nicht im Schongang weiterkommen. Dennoch dürfte es Wechsel geben.

Offizielle Erhebungen gibt es keine. Aber würde man die am häufigsten gebrauchten Vokabeln rund um den VfB Stuttgart ermitteln, wären Rotation und Belastungssteuerung mit Sicherheit weit vorne dabei. Zwischen Bundesliga und Europa stellt sich ständig die Frage nach dem Aufstellungspuzzle, das Woche für Woche Änderungen unterliegt. Wie viele Wechsel sind sinnvoll, um im Drei-Tages-Rhythmus Frische auf den Platz zu bringen? Und wie viel Kontinuität ist zugleich nötig für ein stabiles Gebilde? Die Antwort fiel in dieser Saison schon sehr unterschiedlich aus.

 

Während Trainer Sebastian Hoeneß in der Hinrunde mitunter sämtliche Feldspieler tauschte wie beim 2:1 gegen den FSV Mainz 05, gab es in diesem Kalenderjahr nie mehr als sechs Änderungen in der Anfangsformation – oft waren es deutlich weniger. Vor allem im Zentrum absolvierten manche Profis fast jedes der zwölf Pflichtspiele von Beginn an. Innenverteidiger Jeff Chabot elf, Mittelfeld-Regisseur Angelo Stiller und Stürmer Deniz Undav jeweils zehn. Hinzu kommt Offensivakteur Bilal El Khannouss, der aufgrund des Afrika-Cups keine Winterpause hatte und praktisch seit einem halben Jahr durchspielt. Dass da eine Verschnaufpause gelegen käme, liegt auf der Hand.

Einer wird sie in jedem Fall bekommen, wenn der VfB an diesem Donnerstag (18.45 Uhr/RTL) in der Europa League gegen Celtic Glasgow um den Einzug ins Achtelfinale spielt: Chabot steht bei fünf Gelben Karten und fehlt gesperrt. Dabei dürfte es aber nicht bleiben, zumindest auf den ersten Blick spricht vieles für weitere Änderungen: Nach dem 4:1 im Hinspiel gehen die Stuttgarter mit einem überaus komfortablen Polster ins Rückspiel der Play-offs, in dem man sich sogar eine Niederlage mit zwei Toren Unterschied erlauben könnte. Wann also, wenn nicht jetzt, ließe sich Stammkräften eine Pause gönnen und die Rotationsmaschine mal wieder in größerem Umfang anwerfen?

Der Trainer aber warnt – und will keineswegs im Schongang die nächste Runde erreichen. Das Ziel ist klar formuliert: nicht nur das Weiterkommen, sondern ein Sieg. „Es geht darum“, sagt Hoeneß, „Erfolgserlebnisse zu sammeln. Es hilft keinem, wenn du mit Ach und Krach weiterkommst ohne gutes Gefühl.“ Die Art und Weise beeinflusst aus Sicht des Coaches im Übrigen auch, wie gut die Belastung weggesteckt werden kann: „Siege sind immer die beste Regeneration, weil du dich am nächsten Tag damit ein Stück weit besser fühlst und einfach die mentale Komponente eine Rolle spielt.“

Sebastian Hoeneß will die Belastung weiter verteilen

Der Erfolgshunger wiederum bedeutet natürlich nicht, dass es keine Wechsel geben wird. Im Gegenteil. „Natürlich macht sich die Anzahl der Spiele bemerkbar“, sagt Hoeneß, „deswegen ist es wichtig, damit begonnen zu haben, die Belastung zu verteilen.“ Das funktionierte bislang gut: Der VfB hat in dieser Saison schon mehrfach von seinem breiten Kader profitiert und Spiele in der Schlussphase durch Einwechselspieler entschieden. Aber: Ausgeglichen verteilt sind die Spielminuten innerhalb des Kaders zugleich nicht. Mehrere Profis kommen derzeit kaum zum Einsatz – und könnten nun gegen Celtic ihre Chance bekommen.

Flügelstürmer Badredine Bouanani zum Beispiel, der im Sommer für 15 Millionen Euro vom französischen Erstligisten OGC Nizza nach Bad Cannstatt gewechselt war und noch nicht wirklich durchgestartet ist. Zuletzt blieb er dreimal in Folge ohne Einwechslung. In der Defensive haben zudem zwei Innenverteidiger kaum Spielpraxis. Luca Jaquez, der sich nach einer zweimonatigen Zwangspause wegen einer Oberschenkelverletzung vor Kurzem zurückgemeldet hat. Und Ameen Al-Dakhil, der lange anfällig für Krankheiten und Verletzungen war – momentan aber fit und in diesem Jahr dennoch ohne Pflichtspiel-Minute ist.

Badredine Bouanani kam zuletzt dreimal in Folge nicht zum Einsatz. Foto: Baumann/Julia Rahn

Die Liste dieser Kandidaten wäre noch länger, wenn nicht einige Spieler aufgrund der Regularien außen vor wären: Winter-Neuzugang Jeremy Arevalo, Routinier Pascal Stenzel, der von einer Muskelverletzung frisch genesene Dan-Axel Zagadou und Youngster Noah Darvich sind alle nicht für die Europa League gemeldet und damit nicht spielberechtigt. Möglichkeiten zur Rotation gibt es aber für die Stuttgarter auch ohne das Quartett zur Genüge.

Ob auf der anderen Seite Celtic munter durchwechselt, ist derweil offen. Zwar wartet auf den schottischen Traditionsclub am Sonntag das wichtige Stadtderby bei den Glasgow Rangers, Trainer Martin O’Neill richtet den Fokus aber einzig auf das Stuttgart-Spiel: „Für mich war es nie ein 1:4 im Hinspiel“, sagt der 73-Jährige mit Blick auf die Leistung seiner Mannschaft. Diese sei bis zur Halbzeit gut im Spiel gewesen und habe einige Chancen ausgelassen. Ergo folgert der erfahrene Coach: „Wir wollen konkurrenzfähig auftreten.“ An der Favoritenrolle ändert das freilich nichts, sie liegt eindeutig beim VfB. Unabhängig vom Ausmaß der Rotation.