Am Mittwoch gastiert Paris Saint-Germain beim VfB Stuttgart. Foto: IMAGO/Wassmuth

Eine Elf eigenwilliger Stars. So wurde Paris St. Germain lange charakterisiert. Doch diese Ära sei endgültig vorbei, wenn man dem Klub Glauben schenken darf.

Erfolglos ist Paris Saint Germain während der mittlerweile dreizehneinhalb Jahre, in denen der Klub mit Geld aus Katar alimentiert wurde und einige der größten Spieler dieses Fußballjahrhunderts beschäftigte, wahrlich nicht gewesen. Zehn Meisterschaften hat PSG in dieser Ära gefeiert, dazu sieben Pokalsiege und ganz nebenbei avancierte der Klub zu einer Edelmarke des Weltfußballs. Und doch entschlossen sich die Verantwortlichen nicht nur zu einem Paradigmenwechsel, sondern zu einer Umdeutung der eigenen Geschichte.

 

Lange hieß es, die große Sehnsucht nach dem Gewinn der Champions League sei trotz der vielen Superstars ungestillt geblieben. Die Neuerzählung klingt nun etwas anders: Der Klub blieb nicht trotz der Stars ohne europäischen Titel, sondern gerade wegen der vielen besonderen aber auch sehr eigenwilligen Spieler. Weil sich Kylian Mbappé, Zlatan Ibrahimovic, Neymar oder Lionel Messi nie konsequent den Interessen des Kollektivs unterwarfen. Und weil die Aufmerksamkeit für all die Prominenz allzu oft vom Wesentlichen ablenkte: dem Fußball.

Neymar spielte von 2017 bis 2023 bei PSG. Foto: IMAGO/Naoki Nishimura

Diese Ära ist jetzt vorbei: „Wir haben eine neue Stärke, und das ist die Art, wie wir als Team zusammenarbeiten“, sagte der Mittelfeldspieler Fabián Ruiz unlängst in einem Interview mit der „Bild“. „Jetzt ist jeder im Team gleich wichtig. Das ist ein entscheidender Teil der Philosophie unseres Trainers Luis Enrique, dessen Ideen immer besser sichtbar werden.“ Lange waren bekanntlich auch die Impulse der Chefcoaches zweitrangig, es ging um Namen, Strahlkraft Marketing und Macht. PSG hat in der Zeit unter katarischer Führung weit mehr als zwei Milliarden Euro für Transfers ausgegeben, was auf der internationalen Bühne aber gerade mal für eine einzige Teilnahme am Champions League-Finale reichte, das im Jahre 2020 mit 1:0 gegen Bayern München verloren wurde.

Die Sehnsucht nach dem Henkelpott

Spötter sagen, es sei für das Emirat Katar einfacher und günstiger gewesen, eine Weltmeisterschaft in die Wüste zu holen als mit dem üppig alimentierten Pariser Klub zumindest einmal diesen verdammten Henkelpott zu gewinnen.

In der Erkenntnis, dass Geld alleine nicht reicht für die Erfüllung des Traumes kündigte der Klubchef Nasser Al Khelaifi bereits 2022 an, dass sich etwas ändern werde. „Vielleicht sollten wir unseren Slogan ändern. ,Dream bigger’ ist gut, aber heute müssen wir realistisch sein, wir wollen kein grelles, blinkendes Bling-Bling mehr, das ist das Ende des Glitzers.“ Mit dem Wechsel von Kylian Mbappé zu Real Madrid im vorigen Sommer wurde dieses Vorhaben dann – nicht ganz freiwillig – final umgesetzt.

Kylian Mbappé wechselte zu Real Madrid. Foto: dpa/Manu Fernandez

Derzeit spielt kein Profi aus der kleinen Gruppe der Supersuperstars im Team. Zwar kosteten auch die Angreifer Bradley Barcola, Ousmane Dembélé und Gonçalo Ramos zusammen 160 Millionen Euro. Aber es handelt sich um Spieler, denen noch Entwicklungen zugetraut werden. „Wir haben eine junge Mannschaft, keine Eile und volles Vertrauen in Enrique und seinen Stil“, sagte der Klubchef Al Khelaifi vor einigen Wochen. Verfolgt wird die Idee eines kollektiven Fußballs. „Um unglaubliche Dinge zu sehen, muss man in den Cirque de Soleil gehen“, sagte Enrique während der Hinrunde, als er nach einem 3:0-Sieg gegen Toulouse mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, PSG biete nicht genug Spektakel.

Dazu passt, dass im November der neue Campus des Klubs in Poissy westlich des Zentrums eingeweiht wurde. Auf einem Areal von knapp 60 Hektar befinden sich 16 Fußballplätze, verschiedene Funktionsgebäude, die Jugendakademie für 140 Talente und ein kleines, 5000 Zuschauer fassendes, Stadion. Rund 300 Millionen Euro kostete diese Anlage, die der Facharbeit statt der Produktion großer Schlagzeilen dienen soll. PSG will zukunftssichere Strukturen, womöglich auch, weil die immer strenger werdenden Finanzregeln den Einkauf extrem teurer Spieler künftig schwerer machen wird. „Der Champions-League-Sieg ist diese Saison nicht das Ziel“, sagte Al Khelaifi anlässlich der Campus-Eröffnung.

4:2 nach 0:2 gegen Manchester City

Dieser Fokus auf Langfristigkeit ist wahrlich neu in Paris, aber bei aller Geduld: Ein Champions League-Aus in der Gruppenphase wäre nicht akzeptabel. Schließlich wurde der Königsklassenwettbewerb nicht zuletzt auf Betreiben von Al Khelaifi, der als Exekutivmitglied zu den mächtigsten Leuten in der Uefa zählt, so umgestaltet, dass die Toppklubs Ausrutscher und Leistungsschwächen während der ersten Saisonhälfte noch besser ausgleichen können.

PSG-Klubchef Nasser Al Khelaifi Foto: IMAGO/Federico Pestellini

So lautete jedenfalls die Annahme der meisten Experten und mutmaßlich der treibenden Kräfte hinter der Reform. Schließlich zeigt die Erfahrung aus den nationalen Ligen: Je mehr Spiele zu absolvieren sind, desto eher setzt sich das Geld aus dem Mittleren Osten durch. Das lässt sich gut an PSG erkennen, genau wie an Manchester City.

Vor wenigen Tagen trafen die beiden in der Champions League kriselnden Klubs aufeinander, in einem Duell, an dessen Ende die Pariser mit ihrer jungen Mannschaft und ganz ohne Messi, Neymar oder Mpappé eine der denkwürdigsten Champions League-Nächte ihrer Geschichte feierten. Zur Halbzeit lagen sie mit 0:2 zurück, am Ende gewannen Sie mit 4:2. Statt Zirkus erlebte das Publikum großes Kino, jenen Fußball also, der schon bald regelmäßig mit PSG assoziiert werden soll.