Der Trainer hat gegen den FSV Mainz 05 zuletzt alle Feldspieler ausgetauscht. Doch nun drängen die in der Bundesliga geschonten Stars zurück in die Startelf.
In der Stunde des Sieges hat sich der Sportvorstand ein wenig Süffisanz erlaubt. Fabian Wohlgemuth schmunzelte, als er nach dem 2:1 über die Startaufstellung des VfB Stuttgart gegen den FSV Mainz 05 sprach. Die Maßnahme mit den vielen Personalwechseln war ja gut gegangen, und die Verantwortlichen durften sich in ihrer radikalen Rotation bestätigt fühlen.
Sebastian Hoeneß hatte die Rotationsmaschine angeworfen und volle Kraft laufen lassen. Alle zehn Feldspieler tauschte der Trainer aus – und die große Frage ist nun, wie viele Wechsel Hoeneß vornimmt, wenn es an diesem Mittwoch (18 Uhr) im DFB-Pokal in Mainz gegen den gleichen Gegner geht.
Wohlgemuth glaubt jedenfalls, voraussagen zu können, dass sich die Anfangself verändern wird. Und der Sportchef meint das mit einem Schuss Humor, denn vermutlich werden die Stuttgarter nie wieder in dieser Formation auflaufen. Zudem hebt auch ein erarbeiteter Erfolg die Laune. Zumindest, wenn es um die nationalen Aussichten geht. Fünf Siege hintereinander stehen in der Fußball-Bundesliga zu Buche. Saisonübergreifend hat der VfB auch mit fünf Heimsiegen in Folge an Stabilität gewonnen. Das bedeutet Tabellenplatz drei und eine Menge Selbstvertrauen. Zudem strebt der Pokalsieger das Achtelfinale im Cupwettbewerb an.
International hinter den Ansprüchen
Nur international hinkt der VfB nach dem 0:1 bei Fenerbahce Istanbul den Ansprüchen hinterher. Doch dass Hoeneß bis auf den Torhüter Alexander Nübel gegenüber dem Auftritt im Şükrü-Saracoğlu-Stadion eine praktisch komplett neue Mannschaft aufbot, hatte nichts mit einer Strafaktion oder Unzufriedenheit zu tun. Es geht dem Trainer um die nötige Belastungssteuerung.
Die vielen Spiele sollen in diesen anstrengenden Herbstwochen auf möglichst viele Schultern verteilt werden, um jeweils frische Energie auf den Platz zu bekommen. Das hat gegen die Rheinhessen funktioniert. Zudem ist mehrfach von Vertrauen in jeden einzelnen VfB-Profi die Rede gewesen. „Auf der einen Seite ist eine solche Aufstellung natürlich kurios“, sagt Hoeneß, „auf der anderen Seite stehe ich in der Verantwortung und muss die Spieler vor Verletzungen schützen und zeigen, dass ich ihnen vertraue.“
Chris Führich und Deniz Undav liefern Argumente
So sah der Chefcoach den Moment gekommen, Dan-Axel Zagadou, Pascal Stenzel und Ameen Al-Dakhil in das Rennen zu schicken. Spieler, die zuletzt in der Bundesliga überhaupt nicht mehr zum Zug gekommen waren und nun plötzlich einen wichtigen Teil des Defensivblocks bildeten. Sie erfüllten allesamt ihre Aufgaben, wenngleich die erste Hälfte zäh verlief und die Herausforderung mit dem 0:1 durch den verwandelten Handelfmeter von Nadiem Amiri (41.) nicht kleiner wurde. Chris Führich (45.+4) und Deniz Undav (79.), die ebenfalls in das Team gerückt waren, lieferten mit ihren schönen Toren dann passende Argumente, um weiter von Beginn an berücksichtigt zu werden. „Wir haben es dem Trainer schwer gemacht, die nächste Startelf zu finden“, sagt Undav.
Das liegt zum einen an der Breite des Kaders, zum anderen aber auch an den prominenten Bankreserven der Weiß-Roten. Oder soll man behaupten, dass Jamie Leweling, Finn Jeltsch und Chema, die wie Undav und Führich in Istanbul den Anpfiff von außen erlebt hatten, Kandidaten für eine B-Mannschaft sind? Wohl kaum. Hoeneß verfügt über kein A-Team. Er unterscheidet nicht in erste Reihe und zweiter Anzug. Selbst Angelo Stiller, das Herzstück des Stuttgarter Spiels, erhielt diesmal eine Pause.
Sebastian Hoeneß wägt ständig ab
Vielmehr ist Hoeneß ein Überzeugungstäter. Rotieren gehört zum Geschäft. Er wägt die Chancen und Risiken seiner Aufstellungen ab – und was gegen die Mainzer mit den vielen Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung als großes Wagnis betrachtet wurde, sah der Trainer als große Möglichkeit, sich in der Tabelle oben festzusetzen. Einer aufkommenden Empörung zum Trotz. „Wir kommen auf Grundlage von Kommunikation und unseren Eindrücken zu Entscheidungen. Gedanken über die medialen Konsequenzen, wenn es schiefgehen sollte, dürfen keine Rolle spielen“, erklärt Hoeneß.
Jetzt wird der Trainer wieder mit den Spielern sprechen, in die Mannschaft hineinhören und sowohl die medizinischen als auch leistungsdiagnostischen Daten abfragen, um sich ein umfängliches Bild zu machen. Danach bestimmt er elf Namen für den Kampf in der Mewa-Arena. „Er hat schon am Tag vor dem ersten Mainz-Spiel angedeutet, dass er womöglich alle Feldspieler wechseln wird“, erzählt Undav. Wirklich geglaubt haben es die VfB-Profis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Doch Hoeneß ist konsequent geblieben – und wird nun für Teil zwei der Mainz-Spiele wieder eine Reihe von Spielern austauschen. Aus voller Überzeugung.