Nicht nur Ermin Bicakcic (VfB) und Berns Emmanuel Mayuka haben an diesem Abend einen schweren Stand. In unserer Bildergalerie blicken wir auf die legendäre Europapokal-Partie des VfB zurück. Foto: imago/Rudel

Am Mittwoch treffen der VfB Stuttgart und die Young Boys Bern in der Champions League aufeinander. Vor 14 Jahren kam es zwischen den beiden Mannschaften schon einmal zu einem Europapokal-Duell. Erinnerungen an einen denkwürdigen Fußballabend.

Für den kommenden Mittwoch werden selbst im Stuttgarter Neckartal ein paar Schneeflocken vorhergesagt. Wie passend – treffen doch am selben Abend (21 Uhr) der VfB Stuttgart und die Young Boys Bern aufeinander. Unter Begleitung des selten gewordenen Naturereignisses in Weiß, das sich diese Begegnung anscheinend nicht nehmen lässt.

 

Wir gehen zurück ins Jahr 2010. 1. Dezember, der VfB ist am letzten Spieltag der Europa-League-Gruppenphase in der Schweizer Hauptstadt zu Gast. Bereits für die K.-o.-Runde qualifiziert, läuft eine B-Elf mit Spielern wie Mauro Camoranesi, Elson und Mamadou Bah auf. Doch das ist an diesem Abend genauso Nebensache wie das Endergebnis von 2:4. Vor dem Anpfiff im Stade de Suisse öffnet der Himmel seine Schleusen und schüttet eine Ladung Schnee auf die Schweizer Hauptstadt herab, wie sie jedem Wintersportgebiet paradiesische Zustände beschert hätte, die ein Fußballspiel aber unmöglich machen.

Dachlawinen bei minus drei Grad

Eigentlich. Angepfiffen wird trotzdem. Weil das Fernsehen und die Uefa es so wollen. Und vielleicht auch deshalb, weil es sportlich um nicht mehr viel geht – was eines der bizarrsten Spiele in der VfB-Vereinsgeschichte hervorbringt. Es beginnt mit einer halben Stunde Verspätung. So lange benötigen die Räumfahrzeuge, den Platz – einen Kunstrasen – überhaupt halbwegs bespielbar zu machen. Da es ununterbrochen weiter schneit, müssen die Schneeräumer auch während des Spiels immer wieder ausrücken. Torhüter Marc Ziegler greift selbst zum Besen und schippt die Linien seines Strafraums frei. Die 18 627 Fans – darunter 3000 aus Stuttgart – müssen bei minus drei Grad immer wieder Dachlawinen ausweichen. Spaß haben sie trotzdem. Die Berner Ultras erwärmen sich an Bengalos, andere an einer Schneeballschlacht.

Die Spieler halfen bei der Platzpflege tatkräftig mit. Foto: imago//Rudel

Nur die Spieler finden den Schneewalzer nicht so prickelnd. „Bei dem Wetter packe ich normalerweise die Skier aus“, ätzt VfB-Angreifer Martin Harnik. Seinem damaligen Mannschaftskollegen Zdravko Kuzmanovic kommt rückblickend eine andere Sportart in den Sinn. „Das war wie Schlittschuhlaufen. Man konnte keinen Ball annehmen.“ Die Sorge vor Verletzungen, sagt der 37-Jährige, sei größer gewesen als der Spaß an dem ungewöhnlichen Match.

Zeugwart Michael Meusch packt in weißer Voraussicht Petroleum ein. Damit bestreicht er die Sohlen der Kickstiefel – um zu verhindern, dass der Schnee haften bleibt. Und damit die Spieler einigermaßen standfest bleiben. Was den Gastgebern insgesamt besser gelingt. „Sie kamen mit ihrem Kunstrasen natürlich besser zurecht als wir“, erinnert sich Kuzmanovic, der in seiner Karriere sowohl für die Young Boys (2001–2004) als auch für den VfB (2009–2013) am Ball war. Am Mittwoch will er sich die Neuauflage in der Champions League vor Ort ansehen. Richtigen Fußball. „Das Spiel damals hatte mit Fußball nur bedingt zu tun“, sagt der Schweizer. Aber es hatte Unterhaltungswert – nicht nur wegen der sechs Tore. Und bleibt bis zum erneuten Aufeinandertreffen der beiden Vereine in Erinnerung.

Kurz nach dem Spiel war mal wieder Trainerwechsel angesagt

Die Stimmung im Lager der Stuttgarter passt sich damals dennoch den Temperaturen an. Nicht nur, weil sie statt mit dem Flieger, der wegen des Wetters nicht starten kann, mit dem Bus die Heimreise antreten müssen. Sondern auch, weil sich die sportliche Lage als äußerst brenzlig darstellt. In der Bundesliga steht der VfB nur auf Platz 17. Nach der Schneeballschlacht von Bern sitzt Trainer Jens Keller noch zwei Spiele auf der Bank. Danach wird er durch Bruno Labbadia ersetzt. Unter ihm erlebt der VfB schließlich ein kleines Frühlingserwachen – und beendete die Saison immerhin auf Platz zwölf.