Als Mann der Stunde beim VfB trifft Nick Woltemade auf seinen Ex-Club aus Bremen, wo er als Achtjähriger begann. Dass man den Stürmer im Sommer ablösefrei ziehen ließ, hat bei Werder einen faden Nachgeschmack hinterlassen.
Als der VfB Stuttgart Ende November am Bremer Osterdeich spielte, da war für Nick Woltemade nur eine Nebenrolle reserviert. Im Fokus stand beim 2:2 der Stürmerkollege und Doppelpacker Ermedin Demirovic, der den Stuttgartern mit einem feinen Lupfer kurz vor Schluss einen Punkt sicherte. Woltemade dagegen war an seiner alten Wirkungsstätte erst nach 67 Minuten für Fabian Rieder ins Spiel gekommen.
„Der Anfang war nicht so gut von mir“, sagt der Stürmer rückblickend zu seinem Start beim VfB. Schließlich hatte es der Sommer-Neuzugang vom SV Werder Bremen im ersten Saisondrittel nie in die Startelf des Vizemeisters geschafft, stand nicht im Kader für die Champions League. Es brauchte im neuen Revier Zeit, um warm zu werden.
Am Sonntag (15.30 Uhr) geht es für die Elf von Trainer Sebastian Hoeneß im Bundesliga-Heimspiel nun wieder gegen die Bremer. „Es treffen zwei gute Mannschaften aufeinander, die beide fußballerisch viel Qualität besitzen“, sagt Nick Woltemade, für den sich das Blatt komplett gewendet hat. Denn der Mann ist heiß gelaufen. Mit in Summe 13 Pflichtspieltoren, teils atemberaubenden Dribblings, einem charismatischen Spielstil und einer für einen 1,98-Meter-Mann außergewöhnlichen Technik ist der 23-Jährige der Mann der Stunde beim VfB.
Mehr noch: Woltemade ist auch eine interessante Zukunftsaktie. Schließlich klopft er seit seinem Dreierpack für die deutsche U 21 beim 3:1 gegen Spanien vehement an die Tür zur A-Nationalelf. Auch der Stuttgarter Chefcoach Sebastian Hoeneß sagt: „Nick wird seinen Weg gehen – und er wird eine sehr wichtige Personalie für den VfB in den nächsten Jahren sein.“
Kein Wunder also, dass viele in Bremen dem verlorenen Sohn nachtrauern. „Das Hinspiel im Weserstadion war etwas sehr Spezielles, da es die erste Rückkehr nach dem Wechsel war. Ich kannte gefühlt jeden vom Verein, der im Stadion war“, sagt Woltemade, dessen Eltern – die Mutter ist Floristin und der Vater arbeitet bei einer Sozialversicherung – weiter an der Weser wohnen. Beim Stadtteilverein TS Woltmershausen wurde der Stürmer, der bis zum 14. Lebensjahr auch sehr gut Handball spielte, vom Vater trainiert. 2010 wechselte Woltemade in die Werder-Jugend, bereits mit 17 Jahren debütierte er in der Profi-Elf unter dem damaligen Coach Florian Kohfeldt in Liga eins, ehe man ihn im vergangenen Sommer ziehen ließ. Ablösefrei. Was war da nur schiefgelaufen?
Kritik von Werder-Legende Oliver Reck
Tatsächlich hat es an der Weser deswegen bereits offene Kritik gegeben. Etwa von der Torhüterlegende Oliver Reck, die nicht versteht, warum man das Talent aus dem eigenen Stall nicht halten konnte. Allerdings ist es keineswegs so gewesen, dass man nicht um den Vegetarier mit dem Faible für Mode gekämpft hätte. „Ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet“, sagt der Werder-Cheftrainer Ole Werner: „Was die sportliche Einschätzung angeht, haben wir ihn alle gleich gesehen. Deshalb hat er ein sehr gutes Angebot von uns bekommen, das bei uns schon in der Spitze gewesen wäre.“
Letztlich hat sich Nick Woltemade aber für eine Zukunft in Stuttgart entschieden – obwohl die Bremer ihr Angebot noch einmal nachgebessert hatten. „Er hat sich für einen anderen Weg entschieden“, ergänzt Ole Werner: „Ich wünsche ihm nur das Beste, außer zweimal im Jahr gegen uns.“
Schließlich war neben den finanziellen Aspekten auch die persönliche Beziehung ein Trumpf, die Woltemade von klein auf nach Bad Cannstatt hat. „Mein Vater ist seit der Zeit des Magischen Dreiecks großer VfB-Fan“, sagt der 23-Jährige. Wann immer es geht, besucht Tim Woltemade weiterhin die Spiele der Stuttgarter – auch auswärts. Diese Leidenschaft hat er von seinem Vater geerbt.
Weil die Tante mit der Familie in Mönsheim im Enzkreis lebt, hat Nick Woltemade bei den regelmäßigen Familienbesuchen schon als kleiner Junge beim Training an der Cannstatter Mercedesstraße zugeschaut. Seine zwei schwäbischen Cousins Toni und Max Skrzypek sind enge Kumpels – und ambitionierte BMX-Fahrer. Der ältere Toni ist bereits Mitglied des Nationalteams und ein Kandidat für das deutsche Olympia-Team für Los Angeles 2028. „Meine Cousins haben mir vor allem in der Anfangszeit sehr geholfen, mich hier einzuleben“, sagt der VfB-Profi: „Ich verbringe viel Zeit mit ihnen.“
Als er für seinen Umzug von Bremen nach Stuttgart seine Siebensachen packte, da sind Nick Woltemade alte Bilder in die Hände gefallen: Darauf zu sehen sind auch Cacau und Mario Gomez, die Stars seiner Jugend. Nun schlüpft er selbst zum Rendezvous mit der alten Liebe Werder ins VfB-Dress. Diesmal strebt Nick Woltemade im Duell mit Werder eine Hauptrolle an.