Lothar Matthäus ist omnipräsent als TV-Experte – an diesem Donnerstag ist er in der Europa League in Stuttgart im Einsatz. Vorher spricht er hier ausführlich über den VfB.
Lothar Matthäus hat einen sportlichen Tag vor sich. Tennisspielen und der Gang ins Fitnessstudio stehen nach dem Gespräch mit unserer Redaktion auf dem Plan. Zudem joggt der heute 64-jährige Weltmeister von 1990 daheim in München fünfmal in der Woche jeweils eine Stunde lang durch den Englischen Garten. Ansonsten ist Matthäus als TV-Experte in Europas Stadien unterwegs – an diesem Donnerstag im Free-TV bei RTL beim Europa-League-Heimspiel des VfB Stuttgart gegen Feyenoord Rotterdam (21 Uhr). Vorher gibt er bei uns seine Expertise zu den Weiß-Roten ab.
Herr Matthäus, VfB-Nationalspieler Jamie Leweling hat auf der Pokalsiegerfeier Ende Mai vollmundig den Europa-League-Titel als Ziel ausgerufen für diese Saison. Ist das jetzt noch drin nach zwei Niederlagen aus den ersten drei Spielen?
Nach so einem tollen Triumph trinkt man vielleicht auch mal das eine oder andere Fläschchen zu viel und haut einen Spruch raus in der Euphorie – es muss jetzt für den VfB Schritt für Schritt in die Play-offs im nächsten Jahr gehen. Und dann ist alles möglich. Ich erinnere da gerne an den amtierenden Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain, der sich im vergangenen Jahr erst am letzten Spieltag der Ligaphase in Stuttgart das Play-off-Ticket gesichert hat.
Sie trauen dem VfB also den Titelgewinn in der Europa League zu?
Ja. Der VfB gehört mit dem Blick auf die Qualität der Spieler und des Trainers zum engeren Favoritenkreis. Ich sehe in diesem Wettbewerb keinen Gegner, der übermächtig ist – auch nicht Aston Villa oder AS Rom beispielsweise. Der VfB wird in meinen Augen gegen keinen Gegner als Außenseiter ins Spiel gehen.
Gegen Feyenoord steht man aber schon jetzt gehörig unter Druck.
Richtig – die beiden Auswärtsniederlagen beim FC Basel und bei Fenerbahce Istanbul (0:2 und 0:1, d. Red.) waren unnötig. Vorne haben die Stuttgarter den Ball nicht reingemacht und hinten teilweise schlecht verteidigt. Ich war ja auch schon bei der Partie in Basel als Experte im Stadion – das war von der Spielweise und der Spielidee im besten Sinne ein Sebastian-Hoeneß-Spiel. Das war total dominant. Die Fehler haben dann hinten wie vorne die Profis auf dem Platz gemacht.
Sie sprechen den Trainer an – was zeichnet Sebastian Hoeneß aus?
Seine klare Idee, die ideal zur Mannschaft passt. Er lebt die Kultur vor, die mit der DNA des VfB Stuttgart einhergeht. Die besteht nicht darin, wie beispielsweise Union Berlin eher defensiv ausgerichtet zu agieren. Nein, es geht mit klarem Plan attraktiv und möglichst dominant nach vorne. Das ist Hoeneß, das ist der VfB – eine andere Idee wäre den Fans auf Dauer auch nicht zu verkaufen.
Hoeneß’ familiärer Hintergrund und seine Vita sind bekannt, seine Arbeit beim VfB weckt auch anderswo Begehrlichkeiten. Wird er irgendwann mal Trainer des FC Bayern?
Kurz erklärt ist es so: Dass Trainer Vincent Kompany kürzlich seinen Vertrag in München langfristig verlängert hat, war auch für den VfB Stuttgart eine sehr, sehr positive Nachricht. Was ich damit meine, kann sich, denke ich, jetzt jeder selbst zusammenreimen (lacht).
Auf der Trainerposition herrscht in Stuttgart aktuell Kontinuität, auf der Führungsebene mit Vorstandschef Alexander Wehrle ebenso. Wie wichtig ist diese Ruhe nach turbulenten Jahren zuvor im Verein?
Extrem wichtig. Ich sage das immer, nicht nur mit dem Blick auf Stuttgart: Wenn du Ruhe hast, stimmen die Ergebnisse auf dem Platz. Einen großen Anteil hat daran sicher Alexander Wehrle. Er strahlt die Ruhe selbst aus, ist sehr erfahren und lange dabei im Profigeschäft. Er wird nicht hektisch, sondern versucht, Lösungen zu finden und nicht Probleme noch größer zu machen. Ich kenne Alex schon lange – er nimmt die Leute mit rund um den VfB, und er macht das ohne Geschrei und Meckerei, sondern sachlich. Im Team mit Fabian Wohlgemuth (Sportvorstand, d. Red.) ist der VfB da sehr gut aufgestellt.
Warum wirkt sich die angesprochene Ruhe auf der Führungsebene Ihrer Ansicht nach auf die Leistungen der Profis auf dem Platz aus?
Die Spieler merken das, wenn über die Geschehnisse außerhalb des Rasens mehr zu lesen ist als über die Spiele. Jeder Profi weiß in dem Fall so wie ich früher: Dann stimmt etwas nicht im Verein, und darunter leiden die Psyche und am Ende die Leistungen. Der VfB lässt das aktuell nicht mehr zu, denn es gibt gerade keine Machtkämpfe mehr von ganz oben wie noch vor einigen Jahren.
Was ist in den nächsten Jahren sportlich drin?
Mit dem DFB-Pokalsieg am Ende der vergangenen Saison hat der VfB Stuttgart bewiesen, dass er auch nach großen Umbrüchen verbunden mit dem Abgang prominenter Leistungsträger erfolgreich sein kann. Das fußt auf der guten Arbeit der Verantwortlichen in Stuttgart – sportlich und wirtschaftlich. Denn der VfB hat in dieser Saison wieder bewiesen, dass er mit einer klugen Kaderzusammenstellung eine starke, stabile und entwicklungsfähige Mannschaft ins Rennen schicken kann.
Das heißt . . .
. . . dass der VfB sich mit dem Blick auf die nächsten Jahre dauerhaft über die Liga für das internationale Geschäft qualifizieren kann – und das auch sollte. Der FC Bayern thront auf Platz eins von den Möglichkeiten her, dahinter kommt Borussia Dortmund, dann auf Sicht RB Leipzig und Bayer Leverkusen. Dahinter sehe ich Eintracht Frankfurt und den VfB in den kommenden Jahren auf Augenhöhe – immer mit der Möglichkeit von Ausreißern nach oben.
Sinnbilder für den VfB-Aufschwung der vergangenen Jahre sind auch die zahlreichen Nominierungen von Stuttgarter Profis für die DFB-Elf. Wer hat die größten Chancen auf einen WM-Stammplatz im nächsten Sommer?
In der Offensive wird die Konkurrenz für Deniz Undav und Jamie Leweling mit ihrem alten VfB-Kumpel Nick Woltemade, Florian Wirtz, Jamal Musiala, Kai Havertz und Tim Kleindienst extrem groß sein. Auf der Linksverteidigerposition hat David Raum von RB Leipzig angesichts konstanter Leistungen gegenüber Maximilian Mittelstädt aktuell die Nase vorn.
Keeper Alexander Nübel ist Stand jetzt die Nummer zwei hinter Oliver Baumann. Bleibt Angelo Stiller im zentralen Mittelfeld.
Genau. Ihm traue ich einen WM-Stammplatz zu. Angelo könnte davon profitieren, dass Joshua Kimmich ja auch bei der WM wieder den Rechtsverteidiger geben muss. So wird ein Platz im Mittelfeld frei. Allerdings gibt es in Aleksandar Pavlovic und Leon Goretzka vom FC Bayern große Konkurrenz. Wenn es für die beiden in München weiter so überragend läuft, haben sie gute Karten für die WM, weil Bundestrainer Julian Nagelsmann so einen Lauf im Verein mit einem starken Spielerblock natürlich auch für sich nutzen möchte.
Stiller und Pavlovic sind aufstrebende Profis, die jetzt schon prägende Figuren in ihren Vereinen sind und denen eine große Zukunft vorhergesagt wird. Was zeichnet die beiden aus?
Sie sind technisch sehr stark und stehen für ein exzellentes Kombinationsspiel. Sie sind nicht die klassischen Abräumertypen im Mittelfeld, wobei Pavlovic angesichts seiner Größe da noch eher in dieses Muster fällt. Die beiden wurden ja auf dem Campus des FC Bayern ausgebildet – das merkt man angesichts ihrer feinen Pässe und der Spielstärke.
Also ist alles offen im Kampf um einen WM-Stammplatz?
Ja. Auch wenn Angelo Stiller zuletzt nur auf der Bank gesessen hat bei der DFB-Elf – ich weiß, dass Julian Nagelsmann fußballerisch sehr auf ihn steht.