Der VfB Stuttgart verteidigt die Standards schlecht, seine Sorgenkinder klettern aber aus dem Tief. Was bleibt nach dem 4:4 beim 1. FC Union Berlin?
In Berlin-Köpenick haben die Fans ja eine nette Angewohnheit. Egal, welcher Spieler des 1. FC Union Berlin vom Stadionsprecher benannt, er bekommt die Belobigung: „Fußballgott“. Für ehemalige Akteure der Eisernen gilt das ebenso. Am Samstagabend war das nicht anders. Di Frage aber war: Wenn da schon lauter Fußballgötter unterwegs sind – was, bitte, war dann dieses Spiel? Dieses 4:4 des VfB Stuttgart beim FCU?
Man könnte vor allem die erste Hälfte fast göttlich nennen. Fabian Wohlgemuth, der Sportvorstand das VfB, wählte zweierlei Beschreibungen. Die eine: „Das war Gift für Bluthochdruckpatienten.“ Die zweite: „Ein Geschenk für alle Fußballfans.“ Sowohl das eine wie das andere lässt erahnen: Es muss etwas ganz Besonderes geschehen sein am Samstagabend im Stadion an der Alten Försterei. Sogar geschichtsträchtiges war’s.
„Wir haben uns in die Geschichtsbücher eintragen können“, sagte Wohlgemuth zu einer Spielhälfte, die einer Achterbahnfahrt glich. Für beide Teams. Und in der am Ende vier Tore auf jeder Seite gefallen waren.
Den Anfang machten die Gäste, die mit dem Selbstvertrauen einer starken Serie in die Partie gegangen waren – und die am Samstag letzte Zweifel am Klassenverbleib beseitigen wollten. Der VfB wusste zwar um die Stärke der Köpenicker bei Standardsituationen, er reagierte darauf aber völlig unzureichend. Zum einen, weil er diese Situationen zuließ, zum anderen, weil er nicht imstande war, sie zu verteidigen. „Da müssen wir uns körperlich anders wehren“, analysierte später der Stuttgarter Coach Sebastian Hoeneß.
Die Berliner auf jeden Fall erzielten das 1:0 (5.) und das 2:0 (19.) aus solchen Situationen – und es drohte ein ganz bitterer Abend zu werden aus VfB-Sicht. Aber dann geschah etwas, dass vor allem der Union-Coach Steffen Baumgart nicht hatte kommen sehen. Sein Team verspielte ungewöhnlicherweise einen komfortablen Vorsprung. Oder anders gesagt: Der VfB kam stark zurück.
Deniz Undav, das Sorgenkind der vergangenen Wochen, verkürzte (23.). Enzo Millot, zuletzt auch kein Topform-Spieler, glich auch (30.). Und selbst, als die Berliner nochmals in Führung gingen – durch ein Traumtor von Leopold Querfeld – ließen sich die Stuttgarter nicht hängen. Jeff Chabot traf per Kopf (43.) – und als Chris Führich drei Minuten später das 4:3 für die Gäste erzielte, war die Partie endgültig gedreht. Aber nur kurz.
Ein unnötiges Foul, wieder ein Freistoß, der nächste Berliner Treffer. Ausgleich, 4:4 zur Pause – das hatte es in der bisherigen Geschichte der Fußball-Bundesliga noch nicht gegeben. „Es war“, sagte später Sebastian Hoeneß, „ein kurioses Spiel.“ Das sich dann komplett veränderte.
Aus dem offenen Visier auf beiden Seiten wurde nach der Pause eine Stuttgarter Dominanz gegen einen tief stehenden Gegner, der auf Konter lauerte. Das führte im Ansatz zu VfB-Chancen, aber zu keinen Toren mehr, weshalb es bei der Punkteteilung blieb. Die bringt den Berlinern rechnerisch Klarheit in Sachen Klassenverbleib – und dem VfB andere Gewissheiten.
Dass an der Abwehrarbeit bei Standardsituationen dringend gearbeitet werden muss. Und dass die Moral stimmt. Auch jene derjenigen, die zuletzt ein bisschen im Loch zu sein schienen. Deniz Undav traf erstmals seit Januar in der Bundesliga und bereitete dazu noch den Treffer von Chris Führich vor. Auch der Flügelspieler war zuletzt kein Topscorer mehr gewesen. Und Enzo Millot tat sein Treffer ebenso sichtlich gut. „Ich kann die beiden auf jeden Fall nennen“, sagte Hoeneß über Millot und Undav, als es darum ging, ein Lob zu verteilen. Aber auch insgesamt war der Coach nicht unzufrieden. Ebenso fand der Sportchef Fabian Wohlgemuth „wenig Grund zu nörgeln“.
Der VfB will die kleine Chance nutzen
Im Gegensatz zu Union hat dieses 4:4 für den VfB aber keine weitergehende Wirkung. Sechs Punkte sind es auf Platz sechs, sieben Zähler auf Platz fünf. Die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb über die Liga bleibt knifflig. „Wir wissen, dass es schwer wird“, sagte Deniz Undav. Der Stürmer meinte aber auch: „So lange wir eine kleine Chance haben, werden wir es versuchen. Es kann alles passieren.“
Das hatte dieser Abend eindrucksvoll bewiesen.