Die Vorfälle von Deventer beschäftigen auch am Tag danach die VfB-Anhängerschaft und VfB-Boss Alexander Wehrle. Protokoll eines schwarzen Abends.
Die einheimischen Medien waren sich am Morgen nach dem 4:0 (2:0) des VfB Stuttgart bei den Go Ahead Eagles einig: „Das war ein trauriger Abend für den niederländischen Vereinsfußball.“ Was sich dabei in den Texten zwar teils, in den Überschriften aber nicht niederschlug: Es war auch ein trauriger Abend für alle, die in der Stadt Deventer Entscheidungen trafen, sie umsetzten oder darunter zu leiden hatten.
Doch was war passiert? Am Spieltag gestaltete sich die Lage zuerst ruhig und entspannt. Bis gegen 16 Uhr die ersten Busse mit Insassen, die der organisierten Fanszene Stuttgarts zugerechnet werden können, den vorgegebenen Fan-Meetingpoint erreichten. Eine Art Brauereigaststätte mit großem Außenbereich am Rande der Innenstadt. Die wurde über Nacht komplett mit durch Sichtschutz abgehängten Bauzäunen in einen großen Käfig verwandelt. Ein lediglich wenige Quadratmeter großer, schlauchartiger Bereich mit drei Durchgangsgattern sollte als Eingang dienen.
Dort ließen sich die ersten Fans auch widerstandslos überprüfen. Kurz nachdem sie, aus dem Bus steigend, von Polizisten offenbar anlasslos geknüppelt wurden. Videos im Netz dokumentieren die Vorgänge. Als dann die Bereitschaftspolizei von hinten drückend die Personen immer weiter gegen die Umzäunung schob, verschafften sich die Personen Platz und damit auch unkontrolliert Einlass zum Meetingpoint.
All das hat VfB-Vorstandsboss Alexander Wehrle miterlebt. „Ich bin schockiert! Hätte ich das nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich nicht geglaubt, dass so etwas in Europa möglich ist. So etwas habe ich noch nie erlebt. Stellen Sie sich mal vor, sie steigen aus dem Bus aus und kassieren sofort einen Knüppel in den Rücken oder den Nacken“, echauffierte sich Wehrle noch Stunden nach den Vorfällen. Da war das Gros der Anhänger schon längst wieder auf dem Heimweg. Denn aufgrund der Vorfälle am Zaun hatte die Stadt Deventer ein Betretungsverbot für das Stadtgebiet für Teile der Stuttgarter Fans ausgesprochen.
VfB-Szene dreht um und reist nach Hause
Busse mit weiteren Anhängern wurden daher vor ihrer Ankunft umgeleitet und eskortiert zur deutschen Grenze gebracht. Die anderen, bereits anwesenden Personengruppen solidarisierten sich, stiegen wieder in ihre Busse und reisten auch ab. Nicht allerdings ohne zuvor ihre Eintrittskarten an Fans vor Ort abzugeben, die bei der Vergabe von insgesamt nur knapp 500 Karten für VfB-Fans kein Glück gehabt hatten und leer ausgegangen waren.
Wehrle kritisierte die Art und die Härte der Vorgänge scharf: „Die örtlichen Behörden haben aus für uns überhaupt nicht nachvollziehbaren Gründen ein Betretungsverbot für Teile unserer Fans ausgesprochen“, ließ er noch vor Anpfiff in einem offiziellen Statement des VfB verlauten. Nach Abpfiff einmal in Fahrt, legte Wehrle nach: „Also ganz ehrlich. Wir haben 489 Karten bekommen. Wenn ich das nicht gemanaged bekomme, dann läuft was komplett falsch.“ Wehrle bemängelte damit die gravierenden Mängel in der Organisation, die seiner Meinung nach ihren Teil zur Gesamtsituation beigetragen haben.
Schließlich war der Meetingpoint auch als der Ort definiert worden, wo die raren Tickets für das Spiel ausgegeben wurden. Die Fans mussten also da hinkommen – was auch die Argumentation der Deventer-Verantwortlichen ins Leere laufen lässt. Demnach wäre man von der Masse an Fans überrascht worden, was auch das Vorgehen der Beamten erklären würde. Eine Begründung für den grundlosen Ausbruch von Gewalt seitens der Beamten blieb man schuldig.
Der Vorstandschef des VfB harrte selbst bis zum Ende am Meetingpoint aus, trat die Anreise zum Stadion mit den verbliebenen Fans in bereitgestellten Shuttles an. Während Wehrle nach der Partie öffentlich die Zustände anprangerte, harrten die VfB-Fans, die im Stadion waren, über eine Stunde in abfahrbereiten Shuttles aus. Ohne Information, Wasser oder Toiletten. Unsere Redaktion erreichten Nachrichten von Fans, die erst in den frühen Morgenstunden wieder an ihren Unterkünften ankamen oder in den eigenen Autos erst dann die Heimreise antreten konnten.
Schwarzer Abend für die Fankultur
So bleibt am Ende nur das Fazit, dass der Abend von Deventer auch ein trauriger für die Fußballkultur als solche war. Auch aus der Bundespolitik kommt nun bereits Kritik. „Was in Deventer geschah, steht stellvertretend für eine gefährliche Entwicklung. Statt Deeskalation und Kommunikation erleben Auswärtsfans in Europa immer öfter willkürliche Maßnahmen – ohne Transparenz, ohne Kontrolle, ohne Konsequenzen. Fußballfans werden pauschal als Risiko behandelt, nicht als Bürger, die Anspruch auf faire und rechtsstaatliche Behandlung haben. Es sieht so aus als gelte die europäische Idee für Fußballfans nicht“, sagt Marcel Emmerich, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.
„Wir sind mit den Behörden und der Uefa im engen Austausch und drängen auf eine lückenlose Aufarbeitung der Vorkommnisse. Dieses unverhältnismäßige Vorgehen gefährdet unsere Fußballkultur“, sagte Wehrle abschließend und formulierte somit die Hoffnung, dass der europäische Fußballverband sich nun einmal zu ernstzunehmenden Konsequenzen hinreißen lassen möge. Denn Vorfälle wie die von Deventer treten vermehrt und europaweit zutage.
Vor etwa einem Jahr drehte die VfB-Szene an der serbischen Grenze wieder um, nachdem es auf dem Weg zur Partie bei Roter Stern Belgrad zu völlig überzogenen und teils übergriffigen Kontrollen gekommen war. Auch damals adressierten Wehrle und der VfB die Uefa. Passiert ist seither nichts.