Die WM-Fünfte im Siebenkampf ist erst 21 Jahre alt und hat noch großes Steigerungspotenzial – obwohl sie parallel bei der Polizei ein duales Studium absolviert.
Schon fast sieben Jahre wohnt Sandrina Sprengel (21) in der Nähe der Stuttgarter Fußball-Arena. Erst im Internat des Olympiastützpunktes hinter der Gegengerade, mittlerweile in Untertürkheim. Sie interessiert sich sehr für die VfB-Kicker, ein Spiel des Teams hat sie aber noch nie gesehen. Doch es ist alles andere als ausgeschlossen, dass sie schon bald die Einladung zu einem Stadionbesuch erhalten wird. Denn Sandrina Sprengel trägt künftig das Trikot mit dem Brustring – weshalb der VfB von nun an auf eine Weltklasse-Doppelspitze bauen kann. In der Leichtathletik.
Leo Neugebauer, der im September in Tokio WM-Gold im Zehnkampf holte, wechselte vor zwei Jahren zum VfB, im November folgte ihm Sandrina Sprengel, deren Stern bei der WM in Japan aufging. Bei ihrem ersten Großereignis wurde die beste deutsche Siebenkämpferin nach einer herausragenden Leistung Fünfte. „Ich habe keinerlei Druck gespürt, bin durch diesen Wettkampf geflogen. Es war ein großer Spaß und ein fantastisches Erlebnis“, sagt sie, „zugleich habe ich gemerkt, welches Potenzial in mir steckt.“ Vor allem angesichts ihres Alters.
Auch die 7000-Punkte-Marke peilt Sandrina Sprengel an
Mit 21 Jahren ist eine Mehrkämpferin noch weit davon entfernt, eine fertige Athletin zu sein. Kein Wunder also, dass Sandrina Sprengel, die in Tokio ihren persönlichen Rekord nach Bestleistungen im Weitsprung, Speerwerfen und 800-Meter-Lauf auf 6434 Punkte steigerte, obwohl sie im Frühjahr wegen einer Muskelverletzung fast zwei Monate nicht voll hatte trainieren können, die Latte für sich selbst ziemlich hoch legt. 2028 will sie bei den Olympischen Spielen in Los Angeles aufs Treppchen, 2032 in Brisbane Gold holen. Und auch die magische 7000-Punkte-Marke, die bisher erst fünf Mehrkämpferinnen übertroffen haben, peilt sie an – irgendwann. „Es ist wichtig, sich hohe Ziele zu setzen“, sagt Sandrina Sprengel, „ich brauche ja etwas, auf das ich hinarbeiten kann.“ So sieht es auch ihr Coach.
Florian Bauder, der Mehrkampf-Landestrainer, betreut Sandrina Sprengel seit sechs Jahren, und er ist beeindruckt von ihrer Entwicklung. „Sie ist sehr ehrgeizig, zielstrebig, motiviert und strukturiert“, sagt er, „und sie ist ein Wettkampftyp. Sie weiß, was sie kann, aber sie ist auch in der Lage, ihre Leistung abzurufen, wenn es zählt. Es ist phänomenal, was sie in ihrem Alter schon hinbekommt, und trotzdem ist es möglich, in jeder Disziplin noch etwas draufzupacken.“ Auch deshalb hat Florian Bauder nichts einzuwenden, wenn seine Athletin auf die Frage, was sie in ihrer Karriere erreichen wolle, selbstbewusst antwortet. „Wieso soll sie das nicht tun? Sie verfügt über das Potenzial, auch große Ziele zu erreichen.“ Weil sie ihre Leidenschaft lebt.
Sandrina Sprengel stammt aus Grosselfingen im Zollernalbkreis. In der Grundschule fand sie bei den Bundesjugendspielen Gefallen an der Leichtathletik, bis dahin hatte sie wie ihre beiden älteren Brüder Fußball gespielt. Mit neun Jahren entschied sie sich für Spikes und gegen Stollenschuhe, was sie nie bereut hat. „Ich trage den Mehrkampf im Herzen“, sagt die Hochtalentierte, deren Heimatverein die LG Steinlach-Zollern ist, „die Vielseitigkeit liegt mir.“
Die schnellste WG von Stuttgart
Mit 15 Jahren zog Sprengel nach Stuttgart um, mittlerweile lebt die zweimalige Deutsche Meisterin und U-20-Europameisterin mit Hürdensprinterin Rosina Schneider (TV Sulz) und Weitspringerin Laura Raquel Müller (Unterländer LG) in der wohl schnellsten WG Stuttgarts. „Wir kennen uns schon sehr lange“, sagt Sandrina Sprengel, „es ist echt cool, mit Freundinnen eine Wohnung teilen zu können.“ Auch wenn für gemeinsame Unternehmungen nicht allzu viel Zeit bleibt.
Zuletzt hat die Siebenkämpferin ihr Trainingspensum auf acht bis neun Einheiten pro Woche erhöht, zudem absolviert sie seit Juli 2023 ein duales Studium bei der Polizei. Die Ausbildung ist in Villingen-Schwenningen, derzeit absolviert sie in Stuttgart ihr Praktikum – im Schichtdienst. Am Ende dieser Woche ist sie einmal für den Spät- und einmal für den Nachtdienst eingeteilt, woraus folgt, dass ihre Leichtathletik-Karriere alles andere als ein Selbstläufer ist. „Ich werde sehr unterstützt, aber dennoch bleibt es eine Herausforderung, Sport und Beruf auf die Reihe zu bekommen“, erklärt die künftige Oberkommissarin, „trotzdem ist es der richtige Weg. Es war schon immer mein Traum, zur Polizei zu gehen. Und als Leichtathletin werde ich nicht ausgesorgt haben, deshalb brauche ich für die Zeit nach meiner Laufbahn einen sicheren Job.“
Bis es soweit ist, hilft auch der VfB bei der finanziellen Absicherung der Leichtathletin, die sich im Trainingslager vor Weihnachten in Südafrika länger mit Leo Neugebauer unterhalten hat – über ihren gemeinsamen Verein, Entwicklungspotenziale, die sozialen Medien. „Was er sich aufgebaut hat, ist eine Inspiration für mich. Seine lockere Art, an Dinge heranzugehen, ist vorbildhaft“, sagt Sandrina Sprengel, „und er hat Ziele erreicht, die ich noch vor mir habe.“ Nicht nur bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Leo Neugebauer war auch schon öfter bei VfB-Spielen zu Gast.