Die Stuttgarter entwickeln sich zu Pokalspezialisten. Doch auch ansonsten zeigt die Elf von Sebastian Merkmale einer Spitzenmannschaft. Das hat viel mit einem speziellen Spieler zu tun.
Deniz Undav hat sich erst einmal schlau machen wollen. Wie Atakan Karazor dieses Tor überhaupt erzielt hat. Fast schon in Undav-Manier. „Da muss ich ihn auf der Rückreise gleich mal fragen“, sagt Undav. Denn im Fallen bugsierte der Kapitän des VfB Stuttgart durch eine Hüftberührung den Ball ins Tor von Holstein Kiel. 3:0, es war der späte Schlusspunkt in einer Begegnung, die zum einen den Fußball-Bundesligisten in das Halbfinale des DFB-Pokals brachte und zum anderen knapper verlief, als es das reine Ergebnis vermuten lässt.
„Wir haben jetzt aber die Geduld, um auf unsere Chancen zu warten. Wenn es nicht gleich klappt, dann machen wir weiter und glauben trotzdem an uns“, sagt Undav. Ein Unterschied zur Vorsaison und ein Merkmal, das ein Topteam auszeichnet, wie nicht nur der Torjäger findet. „Die Mannschaft hat in Sachen Geduld eine gewisse Reife entwickelt“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Sie nahm die Kälte und die widrigen Bedingungen in Kiel an, ließ sich durch zwei Holstein-Möglichkeiten zu Beginn nicht aus dem Konzept bringen und hat einen Spieler in ihren Reihen, der aus wenig viel machen kann – den fabelhaften Deniz Undav.
„Deniz ist da gestanden, wo er als Stürmer zu stehen hat“, sagt Wohlgemuth zum wichtigen Führungstor (55.), „da stand er in seinem Leben schon sehr häufig.“ So präsentiert sich Undav als ein Serientäter mit bester Statistik – in einer Reihe mit Weltstars. Nur Kylian Mbappé von Real Madrid steht mit 23 Scorerpunkten seit vergangenen November besser da als der VfB-Angreifer. Hinter sich lässt er mit 22 Zählern zum Beispiel Michael Olise (FC Bayern München) und Lamine Yamal (FC Barcelona).
Von dieser Rangliste aus den besten fünf europäischen Ligen hat sich Undav in gewohnt launiger Manier einen Screenshot schicken lassen, denn die Zahlen ehren ihn. Aber sie lassen ihn nicht ganz vergessen, dass er nach ein paar vergebenen Möglichkeiten vor Kurzem gleich in die Kritik geriet. „Diese Zahlen sind nicht schlecht für einen Chancentod“, sagt der 29-Jährige, der mit seinem persönlichen Erfolg die eigenen WM-Aussichten im kommenden Sommer verbessert. „Wenn er so weiter macht, dann darfst du auf ihn nicht verzichten“, sagt der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß, „dann musst du ihn beim Turnier dabei haben.“
Eine Entscheidung, die letztlich der Bundestrainer Julian Nagelsmann zu treffen hat. Undav hat sich aber wieder in den Fokus der Nationalmannschaft gespielt – über den VfB. Nicht nur aufgrund seiner Treffsicherheit, sondern ebenso aufgrund seiner Torvorlagen – wie vor dem 2:0 durch Chris Führich (90.). Auch an Karazors kuriosem Tor (90.+2) war er in der Entstehung beteiligt. Und selbst erzielte der Stürmer ein typisches Undav-Tor, wie er schmunzelnd sagt. Aus kurzer Entfernung, handlungsschnell und zur Überraschung des Gegners. „Ich habe die Situation antizipiert“, sagt der Torjäger, und: „Es war kein Foul. Ich habe zuerst den Ball gespielt und danach den Torwart berührt.“
Timon Weiner hatte sich über die Szene beschwert. Doch Undav war einen Tick schneller an der Kugel als der Kieler Keeper und unterstrich einmal mehr seinen Wert für die Stuttgarter. „Er ist ein sehr zentraler Spieler für uns“, sagt Hoeneß. Was nicht nur an seiner Position als Mittelstürmer oder an seiner Rolle als zentraler Mann hinter der Spitze liegt. Undav hievt das Team seit Wochen auf ein höheres Niveau. Er macht den Unterschied zwischen einer guten Mannschaft und einer Spitzenmannschaft.
So lassen sich die Ambitionen des VfB hegen. Als Pokalspezialisten stehen sie erneut im Halbfinale. Zum dritten Mal seit Hoeneß die Elf anleitet und Wohlgemuth den Kader zusammenstellt, bei vier Anläufen. Lediglich im Februar 2024 war im Viertelfinale Endstation – nach einer packenden Partie beim späteren Doublesieger Bayer Leverkusen. Routine hat sich dennoch nicht eingestellt. Den großen Reiz übt aus, dass die Stuttgarter den Triumph von Berlin aus dem vergangenen Mai in bester Erinnerung haben. Sie wollen mehr Titel haben. Betont der Trainer, ohne den Blick für die Realität zu verlieren. Er betrachtet jedes Spiel aufs Neue für sich.
Am Samstag (15.30 Uhr) wartet in der Liga der FC St. Pauli auf den VfB. Ein Gegner, der über mehr Qualität als die Holtstein-Profis aus der zweiten Liga verfügt. Allerdings befindet sich der Tabellenvorletzte in der Außenseiterrolle. Zudem werden in Hamburg ähnliche Bedingungen und Temperaturen erwartet wie in Kiel. Eine eisige Sache.
„St. Pauli ist es gewohnt, unten zu stehen, und die Mannschaft weiß, wie sie damit umzugehen hat“, sagt Wohlgemuth. Es wird eine Begegnung, glaubt Undav, die dem VfB wieder viel abverlangen wird. „Aber wir sind jetzt gefestigter“, sagt der Stürmer, „und wir haben einen breiten Kader.“ Das macht sich für Undav bezahlt, der den Franzosen Mbappé gerne bei der WM direkt treffen will.