Der VfB Stuttgart schrammt – wie hier Deniz Undav am Ball – knapp am Sieg vorbei. Foto: Baumann/Alexander Keppler

Die Stuttgarter müssen in Mainz nach einem Doppelschlag den Ausgleich zum 2:2 in der Nachspielzeit hinnehmen. Dabei zeigen sie ihre zwei Seiten.

Der Weg zum Sieg schien geebnet. Der eingewechselte Tiago Tomas schickte Deniz Undav nach einer Balleroberung steil – und der Stürmer des VfB Stuttgart behielt die Übersicht. Er überwand Daniel Batz im Tor des FSV Mainz 05 überlegt. 2:1 stand es, und der Doppelschlag der Gäste war perfekt. Denn zuvor hatte Ermedin Demirovic für den Fußball-Bundesligisten aus dem Schwabenland getroffen (76./77.).

 

Alles deutete in diesem Augenblick auf einen Erfolg der Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß hin. Das blieb so, bis zur ersten Minute der Nachspielzeit. Da gelang Danny da Costa der Ausgleich zum 2:2 für die Mainzer. „Für uns ist das Ergebnis am Ende natürlich ärgerlich“, meinte der VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „aber in Summe war es verdient und gerecht. Wer Dramatik mag, ist auf seine Kosten gekommen.“

Die Begegnung in der Mewa-Arena bot einiges an Wendepunkten und somit an Dramatik. Zunächst kam der VfB besser in die Partie. Die Stuttgarter hatten die Kontrolle auf dem Rasen und es ergaben sich die ersten Möglichkeiten. Keine Riesenchancen, aber immerhin. Maximilian Mittelstädt (4.), Deniz Undav (9.) und Jamie Leweling (24.) kamen in gute Positionen. Ein Treffer gelang nicht und das Blatt drehte sich zum ersten Mal.

Kontrolle geht verloren

Die Gastgeber waren plötzlich gefährlich – oder anders herum: der VfB ließ nach guten 20 Minuten zu viele Chancen zu. Zu wenig wurde für das eigene Spiel gemacht, das stärkte den Gegner. „Mit den ersten Chancen durch Phillip Tietz und Paul Nebel haben die Mainzer immer mehr an sich geglaubt“, sagte Hoeneß. Der FSV-Angreifer Jae-sung Lee setzte dann einen ersten Kopfball noch daneben (38.). Der zweite Versuch glückte mit dem 1:0 (39.). Vorausgegangen war ein vermeidbarer Eckball, den der VfB-Torhüter Alexander Nübel im Verbund mit Luca Jaquez verursacht hatte.

Stuttgarter Jubel: Tiago Tomas, Deniz Undav und Ermedin Demirovic (von links) Foto: Baumann/Alexander Keppler

Nach dem Seitenwechsel verhinderte Nübel einen höheren Rückstand gegen Sheraldo Becker (55.). Die Stuttgarter benötigten aber noch ein paar Minuten, um präziser und konsequenter in ihren Aktionen zu werden. Hinten wie vorne. Beispielhaft war eine Szene mit Jaquez. Erst erlaubte er sich einen Fehler, dann rettete der Schweizer umgehend. Und die Hoeneß-Elf hatte beim anschließenden Pfostentreffer von Paul Nebel auch Glück (66.). „Wir haben in dieser Phase durch unnötige Ballverluste zu viele Geschenke verteilt“, kritisierte Sebastian Hoeneß.

Allerdings sind die Comeback-Qualitäten des Tabellenvierten nicht zu verachten. „Wir haben zwei Stürmer, die aus dem Nichts Tore erzielen können. Das zeichnet sie aus“, sagte Wohlgemuth. Erst legte Undav für Demirovic auf, der mit einem satten Schuss traf. Danach hatte Undav seinen Moment.

Sein 15 Ligatreffer traf die Mainzer ins Mark – er lähmte sie jedoch nicht dauerhaft. Das Team von Trainer Urs Fischer rannte an. Nicht immer durchdacht, aber leidenschaftlich und nach dem einfachen Prinzip ihres Schweizer Fußballlehrers: knallhart verteidigen und dann wird der Ball schnörkellos nach vorne gespielt. Mit den Tempospielern Becker, Tietz, Nebel und später auch dem Ex-Stuttgarter Silas geht es dann direkt in Richtung gegnerisches Tor ab. „Es war zeitweise ein wildes Spiel. Genau das Spiel, das die Mainzer haben wollten – mit Kontern und Standards“, sagte Hoeneß.

Der VfB-Coach sah dennoch die Siegchance. Erst nach der Pause, als seine Formation wieder deutlich mehr Energie auf den Platz brachte und Zweikampf für Zweikampf sowie Pass für Pass das Geschehen wieder besser in den Griff bekam. Doch in dieser Druckphase belohnten sich die Stuttgarter nicht. Vielmehr agierten sie leichtfertig und gerieten in Schwierigkeiten. Spätestens aber nach Undavs Treffer, lag das Momentum wieder beim VfB.

Enttäuschung spürbar

„Bis zum 1:1 haben wir es gut gemacht. Aber dann hatten wir keine Ordnung mehr und haben kopflos agiert“, sagte Urs Fischer über das kurze Mainzer Abwehrchaos mit den beiden Gegentoren. Das passte dem routinierten Coach gar nicht. „Gefühlt lief es da in unsere Richtung“, sagte Hoeneß hingegen – und hätte hinterher gerne über einen „dreckigen Sieg“ gesprochen.

So bleibt dem VfB erst einmal nur ein Punkt im Rennen um die Champions-League-Ränge. Das sorgte für Enttäuschung. Die Spieler trotteten mit gesenkten Köpfen in die Fankurve. „Wir hätten gerne drei Punkte mitgenommen“, sagte Kapitän Atakan Karazor. Sein Team hatte sich mehr erhofft. Allerdings gibt es ebenso die Gewissheit, Spiele drehen zu können. Eine Stärke, die das Hoeneß-Team auszeichnet.