Ins Spiel gebracht: Der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß (links) wirft Angelo Stiller den Ball zu, um in Berlin Tempo zu machen. Foto: Baumann

Nach der Niederlage in Berlin geht es für den Pokalsieger nun nach Braunschweig. Dabei gilt es, nicht in alte Muster zu verfallen.

Es gehört zu den Ritualen im Stadion an der Alten Försterei, nicht nur die eigenen Lieblinge zu feiern. Alle Gäste, die jemals im Männerbereich das Trikot des 1. FC Union Berlin getragen haben, werden vom Stadionsprecher Christian Arbeit genannt und von den Fans lautstark als Fußballgötter empfangen. Vom VfB Stuttgart waren das diesmal der Flügelstürmer Jamie Leweling, der Sportdirektor Christian Gentner und Fabian Wohlgemuth. Auf einen Aktiveneinsatz bringt es der heutige VfB-Sportvorstand und damalige Abwehrspieler für die Eisernen. 1998 war das, beim Mariendorfer SV II. Union siegte mit Wohlgemuth 4:0.

 

Schöne Erinnerungen sind das für den Stuttgarter Sportchef, der natürlich gerne in den Ostteil der Hauptstadt kommt. Es ist seine Heimat, er trifft auf viele Bekannte und Wohlgemuth weiß genau, was einen in Köpenick erwartet. „Sie wollen einem weh tun, sie wollen den Spielfluss stören, sie lauern auf Konter“, sagt der 46-Jährige. Wohlgemuth weiß es auch deshalb so genau, weil er beim SC Paderborn noch mit Steffen Baumgart zusammengearbeitet hat – und mit Baumgart gibt es nur Baumgart-Fußball pur. Ein Spiel mit voller Intensität und Emotionalität, der Union-Coach dient dabei als Vortänzer an den Seitenlinie.

Nicht anders war es auch diesmal gegen den VfB. Es ging in aufgeheizter Stimmung kräftig zur Sache. Eine Art des Fußballs, die wenigen Mannschaften behagt. Aber auch eine Spielweise, die es anzunehmen gilt, wie Wohlgemuth betont. „Von Anfang an und nicht erst in der zweiten Hälfte“, sagt der VfB-Sportvorstand nach der 1:2-Niderlage zum Bundesligastart bei Union. Ilyas Ansah (18./45.+4) traf zweimal für die Gastgeber, Tiago Tomas gelang per Hacke nur noch das Anschlusstor (86.). Das vermeintliche 2:2 tief in der Nachspielzeit durch Nick Woltemade wurde wegen Abseits nicht anerkannt. Die Geschichte wäre ja auch zu schön gewesen, wenn der durch den verhinderten Transfer zum FC Bayern enttäuschte Stürmer in letzter Sekunde die Stuttgarter erlöst hätte.

Doch so blieb es ein „gebrauchter Nachmittag“, wie Sebastian Hoeneß sagt. Einer passablen ersten Hälfte mit viel Ballbesitz, aber ohne Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, folgte eine bessere zweite Hälfte mit mehr Druck, aber immer noch ohne Effizienz. „Im ersten Durchgang haben uns Dynamik und Zielstrebigkeit gefehlt“, sagt der Trainer. Dennoch kamen Jeff Chabot (12.), Josha Vagnoman (31.) und Atakan Karazor (44.) zu großen Chancen. Alles Spieler aus den Defensivreihen, obwohl Hoeneß gleich drei Stürmer von Anfang an auf das Feld beordert hatte: Nick Woltemade, Deniz Undav und Ermedin Demirovic. Sie sollten nach Flanken und Flügelwechseln Präsenz im Union-Strafraum zeigen. Undav traf wenigstens noch die Latte (48.).

Größter Aktivposten war jedoch Leweling mit seiner Wucht, der Rest bildete lange Zeit eher ein Stürmchen. Weil sich die Mannschaft in ihrer Spielanlage gefiel und die nötige Schlagkraft für die Entscheidung vermissen ließ. Wieder einmal, ist man geneigt, zu analysieren. Denn während der vergangenen Rückrunde stand der VfB mehrfach mit leeren Händen da und stellte hinterher fest, dass er die Möglichkeiten zum Sieg hatte liegen lassen. Ergibt sich daraus ein Muster nach dem belastenden Champions-League-Aus gegen Paris Saint-Germain im vergangenen Januar? „Dieses Thema ist mir im Augenblick zu groß“, sagt Hoeneß, doch Parallelen in den Verläufen sieht auch der 43-Jährige.

Die Stuttgarter bestimmten die Statistiken. Ballbesitz (68:32 Prozent), Torschüsse (15:6), Zweikämpfe (51:49 Prozent). „Bis auf die wichtigste“, sagt Baumgart. Tore. Vorne zu wenige und hinten zu viele, einfach ausgedrückt. Es mangelt an der Konsequenz, die eigenen Bemühungen zu veredeln. „Das ist Kopfsache“, sagt Wohlgemuth, „an diesen Parametern müssen wir weiter arbeiten.“ Einen Reifeprozess nennen sie das in Stuttgart, bei dem die noch immer junge Mannschaft lernen muss, sich stärker gegen Widerstände durchzusetzen und die eigene Spielidee energischer durchzubringen.

Einen ersten Effekt erwarten Trainer und Sportchef dabei schnell, da es bereits an diesem Dienstag (20.45 Uhr/ARD) im DFB-Pokal weitergeht. Bei Eintracht Braunschweig, einem Zweitligisten mit ähnlichen Qualitäten und Tugenden wie Union.

„Ich bin ein Freund davon, nach solchen Spielen wie in Berlin schnell wieder auflaufen zu können“, sagt Hoeneß, „und wir haben jetzt in Braunschweig nur eine Aufgabe: eine Runde weiterzukommen.“ Möglicherweise mit frischen Impulsen für die Offensive, da die eingewechselten Tiago Tomas und Chris Führich neuen Schwung brachten. „Chris hat gut reagiert, nachdem ich ihm mitgeteilt habe, dass er nicht in der Startelf steht und Tiago hat nicht nur mit seinem Tor gezeigt, dass er uns sofort helfen kann“, sagt der Trainer. Auch Wohlgemuth will den verpatzten Ligaauftakt in seiner Heimatstadt schnell abhaken, um mit dem VfB wieder gezielt nach vorne zu blicken.